Die Gesellschaft von morgen grenzt nicht aus

Von: Stefan Herrmann
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„Dabei sein! Von Anfang an.”: Am Mittwoch beteiligten sich Caritas-Mitarbeiter auf dem Marktplatz am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Foto: Stefan Herrmann

Eschweiler. Mit der Ruhe am „Filmset” haperte es ein wenig, doch das störte die Caritas-Mitarbeiter herzlich wenig. Sie wollten schließlich mitten rein in den Trubel, Aufmerksamkeit schaffen und mit den Leuten auf der Straße in Kontakt treten.

Der Grund: Am Mittwoch war der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Die „Aktion Mensch” rief daher bundesweit unter dem Motto „Inklusion - Dabei sein! Von Anfang an.” zur Beteiligung auf. Für das Caritas-Behindertenwerk eine Selbstverständlichkeit, bei einem großen Infostand auf dem Marktplatz mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Ein Filmteam begleitet momentan einige Tage lang Caritas-Mitarbeiter. Bei der Arbeit, bei Freizeitaktivitäten - ob nun innerhalb der Caritas-Familie oder in Jobs und Hobbys außerhalb der Werkstätten. Uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe lautet das Ziel, Inklusion das Zauberwort. „Da muss bei uns allen im Kopf ein Umdenken stattfinden”, gibt Michael Doersch unumwunden zu. Der Geschäftsführer der Caritas-Behindertenwerk GmbH ist sich da mit Fredi Gärtner, Leiter des Sozialen Dienstes, einig. Nicht erst jahrelang Menschen mit Behinderung in abgegrenzten Einrichtungen erziehen und ausbilden, bevor man dann im Erwachsenenalter aufwendig eine Integration in die Gesellschaft anstrebt. In allen Bereichen, so die Hoffnung, soll es so früh wie möglich ein Miteinander geben.

Das Herz als Symbol

Dafür „protestierten” die Caritas-Mitarbeiter am Mittwoch stundenlang auf dem Markt. „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?” fragten sie und baten jeden, ein farbenfrohes Bild mitzugestalten. Vor allem Herzen, die für einen liebevollen Umgang miteinander stehen, lagen hoch im Kurs der großen wie kleinen, jungen wie alten Maler.

Währenddessen absolvierte Ellen Schenk für den eigens produzierten Film, der in naher Zukunft an die „Aktion Mensch” geht, einen wahren Interviewmarathon. Sie sprach mit vorbeischlendernden Menschen, mit Schülern der Willi-Fährmann-Schule, mit Marktbesuchern und bat auch Bürgermeister Rudi Bertram um ein Statement.

Der betonte, dass die Bevölkerung auf einen Wandel in der Behindertenpolitik hin zur Inklusion noch eingestellt werden müsse. „Sensibilität erzeugen!”, lautete sein Aufruf. Dafür müsse man mit ganz konkreten Projekten, wie in Eschweiler beispielsweise im Karneval oder bei Kunstausstellungen praktiziert, anfangen. Gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung muss zum Alltag werden und so in die Köpfe der Menschen wandern. „Ich wünsche mir mehr Miteinander. Die Ellenbogen sollen ruhig etwas eingefahren werden.”

Unterstützung erhielt der Bürgermeister von Michael Doersch: „Menschen mit Behinderung so akzeptieren, wie sie sind. Das ist wahre Barrierefreiheit.” Dass es bis dahin noch ein langer Weg ist, darüber waren sich ebenfalls alle im Klaren. Doch der personenzentrierte Ansatz bei Menschen mit Behinderung sei der richtige Weg, bestätigte auch Fredi Gärtner. „Wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren, sondern müssen fragen: Was braucht der Mensch?” Wenig oder viel Betreuung, einen Arbeitsplatz in den Caritas-Werkstätten oder außerhalb, möglicherweise sogar auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt?

Dabei, so Gärtner, müsse man stets auch realistisch bleiben. Was will, aber auch was kann ein Mensch mit Behinderung leisten? Eine Botschaft hatten alle an diesem Tag auf jedem Fall zu verkünden: „Wir wollen dabei sein! Von Anfang an.” Wobei? Einfache Antwort: beim ganz normalen Leben!

In der Behindertenpolitik lautet das neue Zauberwort Inklusion

Am 26. März 2009 trat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland in Kraft.

Zentrale Punkte sind das Recht auf Arbeit, die Festschreibung eines integrativen Bildungssystems, die Forderung nach einem selbstbestimmten Leben und die Verpflichtung zur Barrierefreiheit.

Während vor einigen Jahren die Integration im Fokus der Behindertenpolitik stand, rückt nun der Begriff der Inklusion in den Mittelpunkt der Diskussion um gleichberechtigte Teilhabe.

Integration geht von der Wiedereingliederung von Menschen in die Gesellschaft aus, Inklusion - vom lateinischen inclusio (Einschluss) dagegen heißt, dass jemand (von Anfang an) dazugehört und einbezogen ist.

Der Begriff steht für den Anspruch, Menschen mit Behinderung von vornherein als Teil der Gesellschaft zu begreifen. Das bedeutet, die Gesellschaft hat die Aufgabe, sich so zu organisieren, dass jeder teilhaben kann.

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