Eschweiler - Die Diktatur ist nicht vergessen

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Die Diktatur ist nicht vergessen

Von: vr
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„Ay Carmela!”, an die intern
„Ay Carmela!”, an die internationale Widerstandsbewegung der Brigardisten im Spanischen Bürgerkrieg erinnerten Martin Firgau und Isabel Lipthay als Duo „Contraviento” zusammen mit Claudia Lahn mit einer Revue im Talbahnhof. Foto: Volker Rüttgers

Eschweiler. „Ihr seid trotzig. Das ist gut und wichtig heute. Bleibt so!” Die Botschaft von Isabel Lipthay und ihren Künstlerkollegen schien am Samstagabend beim Talbahnhof-Publikum angekommen zu sein, als dieses sich weigerte, die Musiker von der Bühne zu lassen.

Um Widerstand und Trotz war es in der gut zweistündigen Revue zum 75. Jahrestag des Spanischen Bürgerkriegs und des beeindruckenden Aufstands gegen das faschistische Franco-Regime in Texten, Liedern und Bildern gegangen. Widerstand, der nach wie vor angesichts der rechten Aufmärsche in Stolberg einen ganz aktuellen sowie lokalen Bezug hat.

„No pasarán!”, „Sie kommen nicht durch!”, was einst Ende der 30er Jahre in großen Lettern über den Stadttoren Madrids hing und zur Parole der Widerstandsbewegung gegen das Regime von Francisco Franco wurde, der 1936 durch einen Militärputsch gegen das demokratisch gewählte Parlament an die Macht gelang, tauchte 75 Jahre danach erneut auf, zu sehen auf Transparenten gegen den Neonazi-Aufmarsch in Dresden.

Diese historische Verbindung und das Wissen, dass der Kampf gegen rechtsextreme Menschenverachtung nach wie vor zu führen ist, ließen die Musiker Isabel Lipthay, Claudia Lahn und Martin Firgau gemeinsam mit Leopold Lahn am Rande eines Woody-Guthrie-Festivals in Münster auf die Idee kommen, die Lieder der über 40.000 Brigadisten, die aus allen Teilen der Welt nach Spanien kamen und drei Jahre lang im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus kämpften, noch einmal erklingen zu lassen.

„Ay Carmela!”, das rhythmische Schlachtlied, der 15. Brigade gewidmet, besingt eine unbekannte spanische Freiheitskämpferin und steht sinnbildlich vor allem für die vielen Frauen die zunächst mit dem Gewehr in Hand und im Verlauf des Krieges in Lazaretten ihren unermüdlichen Beitrag leisteten. Eine dieser Frauen war Dolores Ibárruri Gómez, eine Politikerin der Arbeiterbewegung, die maßgeblichen Anteil an der Mobilisierung der internationalen Brigarden gegen Franco und seine Söldner hatte. „La Passionaria”, auch ihr war ein Lied in der Revue zum Spanischen Bürgerkrieg am Samstag im Talbahnhof gewidmet.

Fotos und Brieftexte, Gedichte und die kraftvolle Musik der Brigardisten versetzten die interessierten Zuschauer und -hörer in die Zeit von 1936 bis 1939, in der Francos Diktatur in Spanien als Blaupause für seine Geistesbrüder Benito Mussolini und Adolf Hitler diente. Männer und Frauen mit Helmen, Gewehren und Gitarren in den Händen, verbündete Freiheitskämpfer aus Frankreich, Deutschland, Italien, den USA, Österreich, der Tschechoslowakei, Kanada, der Schweiz, Irland, Palästina und China waren auf den Foto-Projektionen zu sehen, die alle ihre Volkslieder mit auf die Schlachtfelder Spaniens nahmen und diese umtexteten. So wurde aus den „4 muleros”, den vier Maultiertreibern, die „Herren Generäle”, mit denen natürlich Francos Schergen gemeint waren.

Einer der prominenstesten Widerstandskämpfer war der spanische Dichter Federico García Lorca, der selbst Liedtexte wie den des alten spanischen Volksliedes und andalusischen Tanzes „Anda Jaleo” neu formulierte. An ihn erinnerte Isabel Lipthay mit ihrem anrührenden Text, in dem sie fragt: „Wo bist du, Federico?”.

Wo bist du, Federico?

Das Schicksal der verschwundenen Gebeine Lorcas teilen mit ihm unzählige Opfer des Spanischen Bürgerkriegs auf Seite der Brigardisten - bis heute. Als der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, der bereits erfolgreich gegen Chiles Diktator Pinochets Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Guantánamo ermittelte, 2008 ein Verfahren gegen das Franco-Regime eröffnete und in dessen Rahmen die Öffnung von 19 im ganzen Lande verstreuten Massengräbern forderte, internvenierten rechtsextreme Gewerkschaftler und Politiker ein Jahr später, warfen Garzón Rechtsbeugung und Amtsüberschreitung vor und erreichten schließlich im Mai 2010 die Suspendierung Garzóns und ein Berufsverbot. „Aber heute schreit Spanien, Federico. (...) Und Europa: Wird es wieder mit Schweigen antworten?”, kritisierte Isabel Lipthay, die gemeinsam mit Martin Firgau das Duo „Contraviento” bildet und zusammen mit Claudia Lahn als chilenisch-deutsch-italienisches Künstler-Trio auf der Bühne des Talbahnhofs symbolisch für den internationalen Widerstand der Brigardisten standen.

„Wenige und alte Waffen, 35 tausend solidarische Brigardisten aus vielen Nationen, unendliche Liebe und ein gigantisches Arsenal von Utopien”, die Brigardisten des Spanischen Bürgerkriegs mit ihren Liedern und „Mujeres libres” (Freie Frauen) stellten im vergangenen Jahrhundert eine Widerstandsbewegung gegen den Faschismus dar, die wohl bis heute ihresgleichen sucht und deren Thema aktuelller denn je ist. Dank der Einladung des Rosa-Luxemburg-Clubs Aachen wurde die Erinnerung daran am Samstag in beeindruckender Form wach gehalten.
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