Der mutige Streiter sieht sich noch nicht am Ziel

Von: Andreas Röchter
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Wurde geehrt: Tilman Zülch. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Seit mehr als vier Jahrzehnten widmet er sich dem Kampf für die Menschenrechte ethnisch oder religiös verfolgter Gemeinschaften. Im Jahr 1968 gründete er mit Klaus Guerke die „Aktion: Biafra Hilfe”, die sich gegen den Völkermord an den Ibos im Norden Nigerias richtete und aus der wenig später die „Gesellschaft für bedrohte Völker” hervorging.

Am Sonntag wurde Tilman Zülch im Eschweiler Ratssaal mit dem Europäischen Sozialpreis des Europavereins „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft” (GPB) ausgezeichnet.

„Tilman Zülch ist einer der großen Andersdenkenden”, beschrieb Laudator Dr. Bernd Bierbaum, Träger des Europäischen Sozialpreises 2004, am gestrigen Nachmittag den Geehrten. Zuvor hatte mit Annelene Adolphs die GPB-Geschäftsführerin die zahlreichen Gäste des Festakts begrüßt. „Wir wollen heute einmal mehr ein Zeichen für die Menschlichkeit setzen”, betonte sie.

Die stellvertretende Bürgermeisterin Helen Weidenhaupt stellte während ihres kurzen Grußwortes in Frage, ob den Menschen in Deutschland überhaupt bewusst sei, wo überall Menschenrechte mit Füßen getreten würden. „Für eine Welt, in der alle Menschen unabhängig von ihrer Volks- oder Religionszugehörigkeit in Frieden leben können, brauchen wir Menschen wie Tilman Zülch”, stellte sie fest. In die gleiche Kerbe schlug Hilde Scheidt, Bürgermeisterin der Stadt Aachen: „Die Gesellschaft für bedrohte Völker steht dafür, gegen Diskriminierung aufzustehen. Sie macht uns darauf aufmerksam, dass Menschenrechte unveräußerlich sind.”

Der GPB-Vorsitzende Peter Schöner befasste sich in seiner Festrede damit, ob die Gesellschaft auf dem Weg in die „Postdemokratie” sei. „Hat die Masse der Bevölkerung noch die Möglichkeit, sich aktiv an der Politik zu beteiligen?”, fragte er. Stattdessen übernähmen immer häufiger Lobbyisten, die für eine kleine Minderheit sprächen, die Initiative. „In einem gewissen Sinn haben wir die Idee der Herrschaft des Volkes hinter uns gelassen, um die Idee der Herrschaft in Frage zu stellen!”, so seine Schlussfolgerung.

Anschließend ließ Dr. Bernd Bierbaum einige Stationen aus dem Leben Tilman Zülchs Revue passieren. „Am 21. Januar 1945 als Fünfjähriger aus seiner Heimat im Sudetenland geflohen, hat er am eigenen Leib erfahren, was es heißt, ein ethnisch Verfolgter zu sein”, ließ der Laudator die Gäste wissen. Der Völkermord im nigerianischen Biafra sei schließlich der Wendepunkt im Leben des neuen Preisträgers gewesen. „Er hatte den Mut, im Rahmen der Luftbrücke selbst nach Nigeria zu gehen, um Zeuge des Genozids zu werden. Ein Erlebnis, das sein Leben prägte.” Tilman Zülch sei vor allem ein mutiger Mitmensch, der seine Stimme für entrechtete und in ihrer Existenz bedrohte Minderheiten erhebe. „Wer auf die Not der Unterdrückten hinweist, schafft Frieden”, machte Dr. Bernd Bierbaum deutlich.

Nach der Preisverleihung dankte Tilman Zülch all seinen Unterstützern. „Eine solche Ehrung klingt immer nach Vollendung. Doch Menschenrechtsarbeit ist nie vollendet, weil immer wieder Unrecht geschieht. Auszeichnungen geben aber Kraft, trotz Niederlagen weiter zu machen. Denn Verbrechen gegen die Menschlichkeit dürfen niemals gerechtfertigt werden”, appellierte der 71-Jährige, der das Preisgeld einer bosnischen Familie aus Sarajevo zukommen lassen wird.

Musikalisch gestaltet wurde der Festakt vom Orchester „Cercle Musical” aus Kelmis, das unter anderem mit der Ouvertüre aus Georges Bizets Carmen, George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris” sowie mit dem „Rubicon”, der von Solistin Annemarie Vergoossen gesanglich interpretiert wurde, glänzte. Der Männergesangverein der Siedlergemeinschaft Stolberg-Donnerberg unter der Leitung von Gerda Fiedler beschloss die Feierstunde mit „Unser Leben gleicht dem Winde”, dem „Lied der Freundschaft” sowie der „Europahymne” würdig.
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