Der „Judenbalg” ist heute 1080 Jahre alt

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Diskussion im Ratssaal: Schül
Diskussion im Ratssaal: Schülerinnen und Schüler aus Eschweiler im Gespräch mit Helmut Clahsen aus Aachen, der über Erlebnisse als Kind in der Zeit des Nationalsozialismus erzählte. Als Sohn einer jüdischen Konzertpianistin, die von den Nazis ermordet wurde, überlebte er in einem Versteck in Belgien.

Eschweiler. „Ein Judenbalg mehr oder weniger wird unserem geliebten Führer bestimmt nichts ausmachen!” Vier Jahre alt war Helmut Clahsen, als er einer Nachbarin erzählt, dass er ein Geschwisterchen bekommt.

Ihr lächelnder Kommentar auf seine aufgeregt frohe Mitteilung steht am Anfang der Geschichte, die Clahsen, geboren 1931 in Aachen, erzählt, gleich vorn in seinem Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?” In seinen nächsten Lebensjahren hat er dann erfahren müssen, dass die Juden dem Reichskanzler Adolf Hitler und den Nationalsozialisten in seiner Stadt, in seiner Straße und in seinem Haus alles andere als egal waren. Aus der Verwandtschaft von Helmut Clahsen wurden 72 Menschen ermordet. Er selber überlebte in einem Versteck in Belgien.

Als Helmut Clahsen am Mittwoch aus seinen Erinnerungen vorliest, auf Einladung der Städteregion Aachen, wird es ganz still im Ratssaal. Schüler der 10. Klassen aus der Gesamtschule und der Hauptschule sind seine Zuhörer. Auch andere Schulen seien eingeladen worden, erzählt Sigrid Harzheim, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Eschweiler. Angemeldet haben sich nur diese beiden Schulen.

Integration durch Fußball

Harzheim führt in das Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung ein, indem sie an das Schicksal des Fußball-Nationalspielers Julius Hirsch erinnert, der 1943 als Jude in einem Vernichtungslager umgebracht worden ist. Für „Integration durch Fußball” setzt sich die Stadt Eschweiler seit Jahren ein. Da lag für Sigrid Harzheim die Frage an die Schüler nahe: „Wie würdet ihr das finden, wenn plötzlich alle Fußballvereine beschließen würden, dass kein Moslem mehr in eurem Verein spielen dürfte?” So wie es 1933 mit jüdischen Fußballern geschah, als ein e der ersten von immer mehr Schikanen, Verordnungen und Gesetzen, mit denen die Vernichtung aller Juden vorbereitet wurde. Auf die zögerlichen Antworten der Schüler ging Helmut Clahsen später noch einmal ein.

„Ich bin”, versichert Helmut Clahsen den Mädchen und Jungen im Ratssaal, „1080 Jahre alt”. 80 Lebensjahre plus das „Tausendjährige Reich” der Nationalsozialisten, das nur zwölf Jahre dauerte, das aber auf den Menschen, die es überlebten - den Opfern wie auch vielen Tätern - wie tausend Jahre lastet. Helmut Clahsens Mutter war die jüdische Konzertpianistin Else Clahsen. Sie wurde in einem Krankenhaus bei Mönchengladbach getötet. Wo sie begraben liegt, weiß niemand. In dem Zinksarg, der den Verwandten ausgehändigt wurde, lagen ein Baumstamm und ein Stein, wie sich später heraus stellte. Sein Vater Heinrich war katholisch und Beamter, aber als Sozialdemokrat für die Nazis politisch unzuverlässig.

Berührende Berichte

Sechs Millionen Juden als Opfer der nationalsozialistischen Rassenwahns - die Zahl kann man mit dem Gefühl kaum nachvollziehen, sie bleibt abstrakt. Aber das, was Helmut Clahsen erzählt, berührt jeden seiner Zuhörer. Er berichtet von der Angst, die einen würgt, wenn man auf ein Verhör oder eine Untersuchung wartet und aus dem Nebenzimmer die Schreie von Menschen hört.

Er erzählt, wie es ist, wenn man als nicht einmal Sechsjähriger an seinem ersten Schultag zusammengeschlagen wird. Wie es sich anfühlt, wenn vor seinen Augen ein Mensch, der nur helfen wollte, erschossen wird und die geliebte Oma aus ihrem Haus gezerrt wird, „ihre Beine schleiften über das Pflaster”. Clahsen berichtet von Menschen, die menschlich blieben und halfen, auch wenn das sie selber in Gefahr brachte. Aber auch von jenen Menschen, die mitgemacht haben oder die wegschauten und sich dann nach dem Zusammenbruch des Regimes und dem Kriegsende an nichts mehr erinnern wollten.

Die Grenze des Ertragbaren

Angst, Ohnmacht und Wut bis an die Grenze des Ertragbaren, und schließlich auch die Trauer sprechen aus den ruhigen, beherrschten Sätzen des Buchautors. Warum schreibt man nach so vielen Jahren das alles auf, was man als Kind erlebt hat? Warum stellt man sich Erinnerungen, die so schrecklich sind, dass manche Opfer, die überlebt haben, sich wünschten, sie wären auch gestorben? Er habe es seiner Oma versprochen, bevor sie abgeholt und ermordet wurde, beantwortet Clahsen die Schülerfrage.

Dreimal habe er seine Geschichte aufgeschrieben. Das erste Mal als 17-Jähriger, in einem Deutsch, das er heute selber nicht mehr versteht. Ein zweites Mal mit 35, als er im Krankenhaus lag. Das Manuskript wurde ihm gestohlen. In den 90er Jahren hat er es dann noch einmal aufgeschrieben, über 800 Seiten wurden es. Sein Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?” ist mit 257 Seiten nur die Kurzfassung.

Es ist aber nicht nur das Versprechen an seine ermordete Oma, das ihn dazu bringt, zu schreiben und aus seinen Büchern vorzulesen. Er will mit dafür sorgen, dass sich eine solche Zeit nicht wiederholt, und „mitwirken daran, dass ich junge Menschen umstimmen kann, die bereits von diesem Gedankengut infiziert sind.”

Braune Propaganda stoppen

Clahsen sieht Neonazis als eine Gefahr, der man sich stellen muss: „Ihr seid die Zukunft! Wer mit so einer braunen Propaganda heute kommt, der muss von vornherein gestoppt werden.” Er will zeigen, wie wichtig Zivilcourage ist, und redet den Schülern eindringlich ins Gewissen: „Vorhin wurde gefragt, was passiert, wenn ab morgen keine muslimischen Fußballspieler mehr mitmachen dürfen. Leute, da habe ich erwartet, dass ihr aufsteht und sagt, dann spiele ich ab morgen Handball. Stattdessen sucht ihr nach Worten... In so einem Verein, der den einen nimmt und den anderen nicht, in so einem Verein spiele ich nicht.”

Nach Vortrag und Diskussion, als sich der Ratssaal bereits leert, kommen mehrere Schüler nach vorn, um Helmut Clahsen die Hand zu drücken und sich zu bedanken. Es ist einer der berührendsten Momente dieser Veranstaltung.
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