Eschweiler - Der General legt den Finger in die Wunde

Der General legt den Finger in die Wunde

Von: ran
Letzte Aktualisierung:
Sieht in der engeren Kooperati
Sieht in der engeren Kooperation der Nationen die Zukunft internationaler Verteidigungspolitik: Generalleutnant Ton van Loon, Kommandeur des 1. Deutsch-Niederländischen Korps. Foto: A. Röchter

Eschweiler. Als am 30. August 1995 das 1. Deutsch-Niederländische Korps in Münster als binationaler Verband der Bundeswehr und der niederländischen Armee aufgestellt wurde, war dies eine völlig neue Form der Kooperation zweier Länder.

Knapp 17 Jahre später ist aus dem bi- ein multinationaler Verband mit zwölf beteiligten Nationen geworden. Mit Generalleutnant Ton van Loon war nun am frühen Donnerstagabend der Kommandeur des Korps als Referent beim Donnerberger Gesprächskreis, der einmal mehr in Kooperation mit dem Europaverein „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft” (GPB) stattfand, zu Gast.

Der 55-Jährige sprach zum Thema „Außen- und Sicherheitspolitik aus Sicht der Niederlande” und eröffnete damit auch das Europaforum 2012 der GPB, das im Zeichen unserer Nachbarn im Westen steht.

„Die Idee, die hinter der Aufstellung des Deutsch-Niederländischen Korps stand, war die Ermöglichung der Zusammenarbeit auf jeder Ebene. Inzwischen gilt es, diese Idee als Modell für eine gemeinsame europäische Verteidigungsstrategie zu verstehen”, betonte Generalleutnant Ton van Loon, das multinationale Kooperationen immer unverzichtbarer werden.

Denn: „Die Realität sieht heute anders aus als in der Zeit des Kalten Krieges.” Früher habe es Planungen gegeben, da ein Risiko durchaus vorhanden war. „Doch gebrannt hat es früher nie. Heute brennt es”, so der Kommandeur, den laut eigener Aussage seine Einsätze im Kosovo und in Afghanistan sehr geprägt haben.

„Im Kosovo stand ich einmal bis zu den Knien in einem Berg von Leichen, Opfer des Regimes von Milosevic. Eine vollkommen neue Erfahrung für mich”, denkt er zurück. Die Komplexität der heutigen Einsätze mache die Zusammenarbeit vieler Kräfte einfach notwendig.

„Ich glaube nicht, dass heute eine Nation noch in der Lage ist, alleine in einen Einsatz zu gehen. Diese werden immer multinational geprägt sein. Deshalb müssen wir auch multinational üben”, formulierte der 1956 in Weert geborene Niederländer deutlich seine Vorstellungen.

Die Situation in Afghanistan erfordere vor allem zwei Dinge: „Wir müssen lernen, Verständnis für die Verhaltensweisen der Menschen in Afghanistan aufzubringen und genau erklären, was wir tun.

Wenn wir zu letzterem nicht in der Lage sind, sollten wir es besser bleiben lassen.” Der heutige Terrorismus bestehe zu 90 Prozent aus Propaganda und zu zehn Prozent aus Aktion. „Wir reagieren darauf aber mit 90 Prozent Aktion, ohne diese ausreichend zu erläutern”, legte der General den Finger in die Wunde. So seien die Taliban nur ein Teil des Problems. „Die Korruption ist meines Erachtens fast gefährlicher. Diese können wir jedoch nur durch Gespräche, nicht aber mit Drohnen eindämmen.”


Schließlich gehe es immer um Menschen, nicht nur um Feinde. „Die Afghanen wollen leben, das heißt zunächst essen, danach kommt die Demokratie. Die Menschen wollen befreit werden von Gestalten mit Kalaschnikows. Und mindestens die Hälfte der Afghanen, nämlich die Frauen, will, dass wir bleiben”, so Ton van Loon. Der Versuch, ein neues Afghanistan „von oben” zu bauen, habe sich aber als falscher Weg erwiesen. „Präsident und Regierung sind vorhanden, aber keine Verwaltung.”

Deshalb gelte es nun, gemeinsam mit Institutionen wie den Vereinten Nationen und der internationalen Entwicklungshilfe, klare Ziele zu definieren. „Die Frage muss lauten: Wo wollen wir hin? Nach rechts oder links? Und nach der Entscheidung muss es dann in eine Richtung gehen!” Klar müsse aber sein, dass Soldaten nicht bauen, sondern nur die Voraussetzungen schaffen können, Aufbau möglich zu machen. Und: „Von der Idee, eine perfekte Welt zu schaffen, müssen wir uns verabschieden. Das Ziel sollte aber sein, ihr möglichst nahe zu kommen.”

Darüber hinaus lasse auch die Finanzsituation vieler Staaten in Zukunft gar nichts anderes zu, als wesentlich engere Kooperationen einzugehen. „Kleinere europäische Nationen verlieren ihre militärische Selbstständigkeit. Die niederländische Armee hat aus finanziellen Gründen ihre Panzer abgeschafft, ist also auf Zusammenarbeit angewiesen”, erklärt der zweifache Vater. „So eng kooperieren und so viel gemeinsam üben wie möglich, bedeutet, Geld zu sparen und Verantwortung zu teilen.”

Für das Deutsch-Niederländische Korps seien drei Leitmotive immer präsent: ständige Einsatzbereitschaft, Ausbildung und das Nachdenken über Verbesserungsmöglichkeiten. Hartes und multinationales Training bilde dabei das Fundament. „Dahinter steht der Gedanke: Mehr Schweiß, weniger Blut!”, schloss der Niederländer seine Ausführungen.

Die anschließende Diskussion mit den Zuhörern warf nicht zuletzt die Frage nach der Rolle und den Fehlern der USA in Afghanistan auf. „Alle haben Fehler gemacht, ob Politik, Militär und auch die Entwicklungshilfe.

Wir können aber nicht die Verantwortung ausschließlich den Amerikanern zuweisen, ohne selbst etwas zu tun”, unterstrich Ton van Loon die Bedeutung des europäischen Engagements. Um abschließend auch verstärkte Bemühungen der afghanischen Entscheidungsträger einzufordern: „Wir können Afghanistan nur in die richtige Richtung schieben. Irgendwann müssen Präsident Hamid Karsai und dessen Regierung selbst die Verantwortung übernehmen. Unsere Hilfe ist endlich.”


Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert