„Das wollte damals niemand glauben”

Von: Andreas Gabbert
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Der Bau der Berliner Mauer bes
Der Bau der Berliner Mauer besiegelte die deutsche Teilung endgültig: Heute vor 50 Jahren wurde mit dem Bau begonnen. Das Bild zeigt die Boyen Foto: imago/SMID

Eschweiler. An den 13. August 1961 kann sich Robert Papenheim noch ganz genau erinnern. Eigentlich wollte er den Urlaub in der Lüneburger Heide entspannt genießen, doch als er auf dem Weg ins Hotel spielende Kinder erzählen hörte, dass in Berlin eine Mauer gebaut würde, war die Urlaubsstimmung dahin.

Die Nachricht war ein Schock für den heute 87-Jährigen. „Es hat mir damals glatt die Sprache verschlagen, so erschüttert war ich”, sagt er rückblickend.

Seiner Frau Fahima versuchte er die Neuigkeit zunächst zu verheimlichen, um ihr nicht den Urlaub zu vermiesen und sie in Sorgen zu stürzen. Denn Berlin ist die Heimatstadt der inzwischen 83-Jährigen. Im Westteil der Stadt in Wilmersdorf in der Nähe des Kuhdamms ist sie aufgewachsen. Ihre Eltern wohnten damals noch dort. Am nächsten Morgen wurde in der Presse und im Radio überall über den Mauerbau berichtet. „Da konnte ich es ihr nicht mehr verheimlichen”, sagt Papenheim.

In den folgenden Jahren ist das Ehepaar noch oft in Berlin zu Besuch gewesen. Robert Papenheim erinnert sich lebhaft an die Fahrten durch die Zone. Im Zug habe man sich noch angeregt unterhalten, gelacht und Witze gemacht. Bis zum Grenzübergang, dort war der Spaß vorbei. Ab dem Bahnhof Helmstedt-Marienborn herrschte Totenstille in den Abteils. „Dann kamen die Vopos mit Hunden durch die Waggons. Alles wurde durchsucht - die Koffer, das ganze Gepäck. Mir ist das Herz in die Hose gerutscht”, erzählt Papenheim.

Besonders gut in Erinnerung ist ihm die Reise im Jahr 1985 mit dem Eschweiler Geschichtsverein geblieben. Damals stand auch ein Besuch des Ostteils der Stadt auf dem Programm. Doch einer der Teilnehmer stieg mit dem Visum seiner Frau in den falschen Zug, was für einigen Ärger sorgte.

Die 74-Jährige Ilse Priebe war mit ihrem Mann auch auf Urlaubsfahrt, als am 13 August 1961 der Mauerbau begann. „Als wir zurückfuhren, war die Gegenbahn voller Autos. Die wollten alle zur Grenze und sehen, was da los ist”, sagt Priebe. Im Westteil von Berlin hat sie noch einige Male ihre Tanten besucht, bevor diese im Jahr 1972 auch nach Eschweiler zogen. 1994 war Ilse Priebe zum letzten Mal in Berlin. „Das war komisch, die Stadt ohne Mauer zu erleben. Man hatte sich an den Zustand irgendwie gewöhnt”, sagt Priebe.

Josef Kaever war damals 25 Jahre alt und mit dem Sängerbund Dürwiß auf dem Weg zu einem Konzert nach Berlin, als er aus dem Radio erfuhr, was in Berlin vorgeht. „Das wollte damals niemand glauben”, erzählt der 75-Jährige mit zittriger Stimme.

Eugenie Maus hat damals durch das Fernsehen vom Bau der Mauer erfahren. Sie berichtet von den Bildern, die über den Bildschirm flimmerten und wie die Menschen versuchten, die DDR noch zu verlassen. „Das kann sich keiner mehr vorstellen”, sagt die 83-Jährige. Heute laufen ihr wieder die Tränen über die Wangen, wenn sie an ihre Schulfreundin denkt, mit der sie an derselben Straße wohnte und zusammen aufwuchs.

Die hatte einen Mann aus Magdeburg geheiratet und war dort hingezogen. Das gemeinsame Kind war aber hier bei den Eltern der Freundin geblieben. „Darauf haben die Eltern meiner Freundin bestanden”, erklärt Eugenie Maus. Die Folge war, dass sich Mutter und Tochter nach dem Mauerbau lange Zeit nicht mehr sehen konnten. Die Großmutter übernahm die Mutterrolle, das Kind sprach sie mit Mama an. Die Mutter wurde fremd. Der Kontakt blieb aber all die Jahre bestehen. Eugenie Maus und die Mutter ihrer Freundin schnürten, wie so viele andere Bundesbürger auch, regelmäßig Pakete für die Freunde und Verwandten auf der anderen Seite der Grenze. Auf einem Klassentreffen hat sie ihre Freundin nach dem Mauerfall endlich wiedergesehen. „Wir sind uns vor Freude in die Arme gefallen”, sagt Eugenie Maus und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Der Fall der Mauer war der schönste Tag in meinem Leben”, sagt Robert Papenheim. Er habe nie geglaubt, dass das ohne einen einzigen Schuss möglich gewesen wäre. Es ärgert ihn, wenn Schüler heute nicht mehr viel über die Mauer und das Regime, dass sich hinter ihr verschanzte, wissen. Richtig wütend wird er aber, wenn er Stammtischparolen hört, die den Wiederaufbau der Mauer fordern.
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