Brunchen für mehr Geld in der Lohntüte

Von: Patrick Nowicki
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Arbeitskampf mit Kaffee und Br
Arbeitskampf mit Kaffee und Brötchen: Fast 400 Arbeitnehmer trafen sich gestern Morgen vor dem Eschweiler Talbahnhof. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Zeichen stehen auf Streik - und alles geht seinen gewohnten Gang. Aktuell wollen die Metaller 6,5 Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber bieten 3 Prozent. Es folgt das übliche Muskelspiel der Tarifparteien. Der Warnstreik ist ein erster Schritt der Gewerkschaften, ihren Forderungen mehr Gewicht zu geben.

Alles wie immer, mag man denken. Am Mittwochmorgen beschritt die IG Metall Stolberg/Eschweiler jedoch einen neuen Weg: Im Kulturzentrum Talbahnhof versammelten sich fast 400 Arbeitnehmer zu einem Warnstreik-Frühstück. Der Arbeitskampf bei Brötchen und Kaffee kam gut an bei den Streikenden.

Dass eine kämpferische, aber dennoch gute Stimmung herrschte, lag aber auch daran, dass auf der Bühne eben nicht die üblichen Reden geschwungen wurden, die in den Jahren zuvor an der Tagesordnung waren. Der 1. Bevollmächtigte Helmut Wirtz und die Gewerkschaftssekretäre Georg Moik und Martin Peters hatten sich nämlich eine neue Form der Veranstaltung einfallen lassen. Dort, wo sonst Kabarettisten und Musiker ihre Zuhörer im Talbahnhof unterhielten, sprachen diesmal Betriebsratsvertreter und Auszubildende zu den Kernforderungen der IG Metall. Unterbrochen wurden die Talk-Runden durch Multi-Media-Präsentationen des Ortsjugendausschusses.

Im Saal des Kulturzentrums wurde es eng, schließlich beteiligten sich Vertreter von einigen Unternehmen aus Stolberg und Eschweiler an dem Warnstreik. Als indestädtische Firmen waren Arbeitnehmer von Hoffmann, Elektrowerk, Kordt, ESW und Prysmian dabei. Mit dem Bus aus Stolberg kamen Teile der Belegschaft von Leoni, Schwermetall, KME, Aurubis und Berzelius sowie von der Prym-Gruppe Prym Fashion, Cunsumer, Inovan und PFH. Viele waren ausgestattet mit roter Streikweste, Kappe und Streikpfeife. Schließlich soll der Protest nicht nur sichtbar, sondern auch weit hörbar sein.

Das war schon bei der Ankunft der Hoffmann-Mitarbeiter auf dem Vorplatz des Talbahnhofs der Fall. Wenig später trafen die anderen Metaller ein. Nach einer kurzen Stärkung ging es in den Saal, wo der „Warn-Brunch”, so nannte Georg Moik die Veranstaltung scherzhaft, fortgesetzt wurde. Natürlich stand auch das Thema Leiharbeit auf der Agenda. Und da hat die IG Metall natürlich eine klare Position: Leiharbeiter dürfen nicht als Ersatz für Festangestellte einer Firma gelten. Die Realität sehe jedoch anders aus, meint Gewerkschaftssekretär Georg Moik. „Im vergangenen Jahr wurde jede dritte neue Stelle in der Metallbranche als Leiharbeit vergeben.” Als Einstieg in ein festes Angestelltenverhältnis sieht er die Leiharbeit zudem nicht und unterstreicht diese Haltung mit einer Zahl: „Nur sieben Prozent wurden in eine dauerhafte Stelle übernommen.”

In einigen Unternehmen wurden Vereinbarungen mit den Betriebsräten getroffen. Bei Hoffmann in Eschweiler wurde eine Quote ausgehandelt, nach der maximal vier Prozent der Beschäftigten Leiharbeiter sein dürfen. Bei Leoni Kerpen in Stolberg setzte man durch, dass die Leiharbeiter zu den gleichen Konditionen bezahlt werden wie die übrigen Mitarbeiter. „Anfangs wurde das als Einzelfalllösung gesehen, inzwischen jedoch nicht mehr”, berichtete Karl-Heinz Lach, Betriebsratsvorsitzender bei Leoni. In der Stolberger Bleihütte Berzelius ist es dem Betriebsrat in den Verhandlungen mit der Geschäftsführung gelungen, Leiharbeitsplätze umzuwandeln.

Alle Vertreter waren sich einig: Es muss eine politische Lösung her. Das war das ideale Stichwort für Stefan Kämmerling (SPD), der bei der Stammwählerschaft der Sozialdemokraten die Haltung seiner Partei erläuterte.

„Übernahme unbefristet” skandierten dann die Vertreter vom IG-Metall-Ortsjugendausschuss. Dessen Vertreter Nadine Römer (Leoni) und Daniel Mrosek (Aurubis) nahmen kein Blatt vor dem Mund. „Der Bedarf an Fachkräften steigt, die Zahl der Schulabgänger sinkt. Die Unternehmer sägen also an dem Ast, auf dem sie sitzen”, rief Daniel Mrosek in die Runde und forderte nochmals, Auszubildende nach bestandener Prüfung dauerhaft zu übernehmen. Noch deutlicher wurde Nadine Römer: „Hier wird das Potenzial einer ganzen Generation verschleudert!” Wieder wurde es laut - es gab Applaus und zustimmende Pfiffe aus den Streikpfeifen.

Dass der IG-Metall-Nachwuchs keineswegs untätig gewesen ist, zeigt eine Bildergalerie mit Musik vom Aktionstag „Operation Übernahme” auf dem Kölner Heumarkt, an dem auch Stolberger und Eschweiler Auszubildende teilnahmen. Zum Abschluss ging es in die Lanxess-Arena, wo Culcha Candela und Revolverheld ein Konzert gaben.

Dermaßen prominent endete der gestrige Warnstreik nicht. Bei der letzten Talkrunde dominierten Zahlen, die die Forderung nach mehr Lohn begründeten. 52 Milliarden Euro habe der Gewinn der Metallbranche im vergangenen Jahr betragen. Horst Martin, betriebsratsvorsitzender von Schwermetall Stolberg: „6,5 Prozent mehr Lohn bedeuten gerade einmal 19 Prozent vom Gewinn in 2011.” Als Vorsitzender des Europa-Betriebsrates von Aurubis zog Karl-Heinz Hamacher einen internationalen Vergleich: „Wir liegen bei den Lohnkosten im Mittelfeld der EU.” Besser verdienten Leiharbeiter in den Niederlanden. Deren Flexibilität werde gesondert entlohnt.

Wieder applaudierten die Metaller. Nach eineinhalb Stunden war die Luft jedoch ein wenig raus. Schließlich ist der Tarifstreit noch nicht beendet. Weitere Aktionen sollen folgen. Auch darüber sprach man am Mittwoch beim Ausklang auf dem Vorplatz des Talbahnhofs.

Wirtz geht nicht von einer schnellen Einigung der Tarifparteien aus

Der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Stolberg/Eschweiler zog am Mittwoch ein positives Fazit des Warnstreiks. „Wir haben mit 350 Personen gerechnet, es waren aber fast 400 Kollegen gekommen”, so Helmut Wirtz.

Er geht davon aus, dass in den nächsten Wochen weiter gestreikt werden muss. „Wir stehen etwas unter Zeitdruck”, erinnert er an die Sommerferien. Sein Zeitplan: Bis Pfingsten (27. Mai) muss ein Ergebnis erzielt werden, ansonsten folgt die Urabstimmung über einen Streik.

Mit einer schnellen Einigung der Tarifparteien rechnet Wirtz nicht. „Zu weit liegen die Angebote auseinander.” Schon in der nächsten Woche sind weitere Warnstreiks vorgesehen, führen die Verhandlungen am Wochenende zu keinem Ergebnis. „Dann soll auch vor den Werkstoren gestreikt werden”, teilt Wirtz mit. Erste Details wurden am Mittwoch besprochen.

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