Bitterböse mit einem Augenzwinkern

Von: sh
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Spielte sich zur Freude des Publikums ins kabarettistische Nirvana: Martin Herrmann in typischer Bauernkluft mit der bitteren Erkenntnis, dass keine Frau den Bauern sucht. Foto: Stefan Herrmann

Eschweiler. Er bezeichnet sich ganz freimütig als Exil-Bayer mit CSU-Allergie. Im tiefsten Rheinland durfte er dies natürlich ungestraft sagen. „Ich freue mich, dass ich hierher gefunden habe”, begrüßte Martin Herrmann am Samstagabend die vielen Zuschauer im Talbahnhof daher auch mit offensichtlicher Freude.

„Keine Frau sucht Bauern” heißt sein aktuelles Bühnenprogramm. Eine Persiflage auf RTL-Doku-Soaps? Platte Proleten-Witze über die Landbevölkerung? Mitnichten. Herrmann ist da ganz anders gestrickt: Er ist böse, bitterböse, aber das stets mit Augenzwinkern und vor allem mit viel Witz.

Grandios bereits Herrmanns „Bühnenbild”: Fein eingerahmt zeigte es Bauer und Kuh, stand neben ihm auf einem kleinen Tisch und erinnerte das Publikum daran, warum sie gekommen waren. „Es geht um Mensch und Tier. Oben der freie Wille, unten der dumpfe Trieb.” Oder doch umgekehrt? Man weiß es nicht, Herrmann auch nicht. Aber in unnachahmlicher Weise näherte er sich seinem Beobachtungsgegenstand mit geradezu anthropologischer Spürnase.

Am Anfang jeder Untersuchung steht die Feststellung der eigenen Perspektive. In seinem Namen, sagt Herrmann, sei der wissenschaftliche Versuch unternommen worden, die Weiblichkeit gleich doppelt auszugrenzen. Er habe, so der nahe Augsburg groß gewordene Künstler, schon als Kleinkind nur im Stehen in die Windeln gemacht, auch habe seine Mutter ihm die Brust nicht gegeben, er habe sie sich genommen. Daher die Erkenntnis nach den ersten Minuten des (O-Ton Herrmann) „satirischen Salonkabaretts”: Auf die Gäste im Saal wartete eine durch und durch männliche Sicht auf die Dinge.

Die kann bisweilen skurril und herrlich komisch werden. Denn wenn Martin Herrmann den Seppl-Hut aufsetzt, das rot-weiß karierte Trachtenhemd überschmeißt und den esoterisch angehauchten Bauern bei seinen Balzversuchen verkörpert, der auf der tibetanischen Küchenharfe mit geweihtem Draht (gemeinhin bekannt als Eierschneider) musiziert, bleibt kein Auge trocken. Martin Herrmann versteht es wunderbar, auf dem dünnen Seil zwischen albernem Klamauk und tiefsinniger Wortakrobatik zu balancieren.

Das „Böse” schimmert dann durch, wenn seine spitzfindigen Beobachtungen einen Blick auf die Wahrheit gewähren. Trostlos fristet eine bleierne Hertha Müller ihr Dasein in den Bücherregalen. Bis zum Nobelpreis.

Eine evangelische Bischöfin tritt nicht zurück, weil sie betrunken Auto gefahren ist. „Nein, weil sie dabei erwischt worden ist”, rekonstruiert Herrmann den Fall Käßmann. Und die katholische Kirche? „Nirgendwo wird so schön gelitten.” Andeutungen, die nicht weiter kommentiert werden müssen. Hier kommt Gesellschaftskritik in fast schon faustscher Versuchung daher.

Es sind Martin Herrmanns stärksten Momente. Seine freche Zunge tropft vor Sarkasmus, seine Lieder dagegen sind kleine poetische Meisterwerke, aber nicht minder originell: Ob als Sprechgesang über Jungbauer Franz oder als feine Ballade „Wolle Rose?” - die Unterschiede zwischen Stadt und Land, vor allem aber zwischen Mann und Frau, klingen auch nach dem anderthalbstündigem Programm in den Ohren nach.

Und was macht nun der Bauer, den keine Frau sucht? Er sitzt da und träumt von Heuschoberromantik, bekommt jedoch höchstens eine SMS seiner gebärenden Kuh und wartet vergebens auf weibliche Begleitung. Das Ergebnis der Studie: Die Scheidungsquote liegt bei 50 Prozent in den Städten.

Nur auf dem Land herrscht Stabilität. Der Grund: keine Frauen. „Die meisten heiraten eh nur, damit sei einmal hupend durch die Innenstadt fahren dürfen”, stellt Martin Herrmann als selbst ernannter „Frauenflüsterer” eine letzte Hypothese auf.

Die Bewertung seiner Arbeit gemessen am Applaus des Publikums: Eins plus mit Sternchen. Selten war Humor so geistreich.
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