Stolberg/Eschweiler - Billigjobs: Treppe schrubben oder im Keller versauern

Billigjobs: Treppe schrubben oder im Keller versauern

Von: Tom Lammertz
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Eine kleine, schwache Frau habe tagaus, tagein die Treppe „rauf und runter schrubben” müssen, berichten ehemalige Ein-Euro-Jobber. Foto: imago

Stolberg/Eschweiler. Seit Jahren umstritten und von vielen Seiten bekämpft, sind Ein-Euro-Jobs in der jüngsten Fassung des zweiten Sozialgesetzbuchs gerade erst wieder „zementiert” worden. Welche Bedingungen an die Arbeitsgelegenheiten für Stützeempfänger geknüpft sind, steht dort in aller Deutlichkeit nachzulesen.

Sie dürfen nur Erwerbsfähigen zugewiesen werden, sollen deren Beschäftigungsfähigkeit und damit ihre Eingliederung in Arbeit fördern.

Was aber ebenfalls nachzulesen ist: In diesen Jobs müssen „zusätzliche” Arbeiten erledigt werden, die von öffentlichem Interesse und „wettbewerbsneutral” sind. Und an dieser Stelle regt sich regelmäßig Unmut - auch in Stolberg. Sogar Arge-Geschäftsführer Stefan Graaf hält es für „ganz schwierig bis nahezu unmöglich”, Menschen an den Arbeitsmarkt heranzuführen und gleichzeitig alle diese Kriterien zu erfüllen.

Chancen nicht verbessert

Selbst der Bundesrechnungshof hat an dieser Stelle längst Mängel im System erkannt und öffentlich zugegeben: Ein-Euro-Jobs funktionieren nicht. In der Mehrzahl sei­en die Chancen der Langzeitarbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt dadurch nicht verbessert worden. Noch deutlicher äußerte sich der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Dessen Präsident Otto Kentzler fordert die Abschaffung der Jobs und behauptet obendrein, dies würde dem Staat eine Haushaltsentlastung von mehr als 1,5 Milliarden Euro bringen. Die meisten Jobber bekämen im Anschluss ohnehin keinen regulären Arbeitsplatz.

Eine Einschätzung, die Betroffene aus leidvoller Erfahrung bestätigen. Dies liege tatsächlich an der Organisation dieser Beschäftigungsverhältnisse, berichten vier ehemalige Ein-Euro-Jobber im Gespräch mit unserer Zeitung. Es handelt sich um Langzeitarbeitslose aus Stolberg und Eschweiler, die alle im Stolberger Sozialkaufhaus gearbeitet haben und - bis auf einen - nicht öffentlich mit Namen genannt werden möchten. Da sich die Erfahrungen der vier Ex-Jobber ohnehin decken, lassen wir sie mit einer Stimme sprechen.

„Machtspiele am Arbeitsplatz”

„Man kommt als Ein-Euro-Jobber von der Arge in der Hoffnung auf einen Festvertrag dorthin und muss schnell feststellen, dass man in eine Hierarchie geraten ist, in der Machtspiele auf dem Rücken der Kleinsten ausgetragen werden.” Als besonders befremdlich empfand man seinerzeit die Praxis, Ungelernte für Büroarbeit einzusetzen und kaufmännisch Erfahrenere eben nicht. Auffällig sei zu ihrer Zeit auch gewesen, dass viel mehr Jobber als Arbeiten vorhanden waren. Das bekomme dann Züge „wie in der Massentierhaltung: Hühner picken sich die Flügel aus, Schweine beißen sich die Schwänze ab. Im Kaufhaus gilt: fressen und gefressen werden. Die Asis drücken die anderen weg, und die Vorgesetzten können mit der Angst der Einzelnen spielen.”

Demütigende Arbeiten seien die Folge: So habe eine kleine, schwache Frau tagaus, tagein die Treppe „rauf und runter schrubben” müssen. Eine Frau habe zu dieser Zeit ihre komplette Arbeitszeit im Kaufhauskeller verbringen müssen: „So kriegt jeder Gesunde nach zwei Jahren Depressionen.” Alkoholiker, Drogenabhängige, Vorbestrafte unter einem Dach - da reiche es nicht, wenn sich alle zwei Tage eine junge Sozialarbeiterin ins Kaufhaus setze. „Da gehört ein Streetworker rein, der sich die Kriminellen und Abhängigen vorknöpft.”

Die Sorgen des Handwerks können die vier Ehemaligen für ihre frühere Beschäftigungsstätte allerdings nur bedingt nachvollziehen. Die Wabe (Wohnung, Arbeit und Beratung), Verein im Diakonischen Netzwerk Aachen und Träger des Sozialkaufhauses, habe in ihrer Nähwerkstatt zwar alte Jeanshosen auftrennen und zu Taschen umfunktionieren lassen, aber produziert werde - und das sagen die Ex-Jobber in Anspielung auf den Namen des Arge-Projekts „Produktionswerkstatt” - eigentlich gar nichts. Stattdessen tummelten sich „viele Menschen mit Nöten und ohne Mumm” herum, die lieber einzeln für einen gelben Schein zum Arzt rennen als gemeinsam geeignete Maßnahmen zur Eingliederung fordern würden. „Die meisten machen ihre Maßnahmen gar nicht, und die Fallmanager wissen das.”

Jedem Hinweis nachgehen

Was die Fallmanager bisher nicht wussten, dass die vier Ehemaligen unisono behaupten, Ein-Euro-Jobber hätten während ihrer Arbeitszeit Fremddienste leisten müssen. Da ist die Rede von Fahrdiensten und handwerklichen Arbeiten, von Baustellen an Alt- und Neubauten von Vorgesetzten, von Umzugshilfen für deren Nachbarn - die jedoch von den Beschuldigten in Abrede gestellt werden. Alois Poquett, Geschäftsführer des Trägervereins Wabe: „Wir haben das intern überprüft und keine Anhaltspunkte für irgendein Fehlverhalten gefunden. Weiter werde ich mich nicht zu anonymen Vorwürfen äußern.”

Wenn jemand so etwas erlebt habe oder jemals erleben sollte, brauche er sich nicht zu scheuen, seinem Fallmanager im Jobcenter einen Hinweis zu geben. „Das wird vertraulich und sensibel behandelt”, verspricht Arge-Geschäftsführer Stefan Graaf. „Wir werden jedem Hinweis gewissenhaft nachgehen.”

Nein, auch bei den Fallmanagern werde „abgeblockt”, hält einer der früheren Jobber dagegen, und ein anderer resigniert: „Ich kann es doch auch heute nicht mehr beweisen, dass es so war.”

Wenn es denn jemals vorhanden war, so ist von gesteigertem Selbstwertgefühl durch die vorübergehende Beschäftigung bei den vier Arbeitslosen aus Eschweiler und Stolberg nichts geblieben. Die Befürworter des Instruments Ein-Euro-Job, die Kommunen, bemühen dies gerne als Argument. So sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Dr. Gerd Landsberg, im Gespräch mit der „Rheinischen Post”: „Die Ein-Euro-Jobs haben sich bewährt und bieten insbesondere den vielen Langzeitarbeitslosen, an denen der Aufschwung bisher vorbeigeht, eine Chance, sich wieder an Arbeitsstrukturen zu gewöhnen. Vor Ort achten die Kommunen sehr genau darauf, dass keine Arbeitsplätze des ersten Arbeitsmarktes durch Ein-Euro-Jobber verdrängt werden. Deshalb halten sich die Beschwerden, zum Beispiel vom örtlichen Handwerk, sehr in Grenzen.”

Das stimmt - aber auch nur bedingt, denn das war vor Einführung der sogenannten „Arbeitshilfen” anders: Erst seit es in den Jobcentern ein Checklistensystem gibt, mit dem jeder Billigjob auf seine Zulässigkeit überprüft werden soll, kommt offenbar Besserung. „Die Einigung hat für Entlastung und mehr Klarheit gesorgt”, sagt Elmar Brandt, Sprecher der Handwerkskammer Aachen.

Protestwelle abgeflacht

Durch die Prüfungen und die Vereinbarungen mit dem Städtetag sei mehr Konsens erreicht worden. Die Protestwelle sei abgeflacht, man werde nicht mehr so oft aufgefordert, sich als Organisation zu wehren. Das sei aber sicherlich auch auf die „momentan gute konjunkturelle Lage” zurückzuführen, denn an der Konkurrenzsituation habe sich nichts geändert.

111 Ein-Euro-Jobber in Stolberg und Eschweiler, weitere 75 in der Qualifizierung

Mit Stand 30. April wurden in der Städteregion Aachen 1699 erwerbsfähige Leistungsberechtigte für die Bürgerarbeit aktiviert. Aus der sechsmonatigen „Aktivierungsphase” heraus fanden 398 eine abhängige Beschäftigung, 160 machten sich selbstständig.

Von 251 durch das Bundesverwaltungsamt bewilligten Stellen sind in der Städteregion Aachen momentan 211 Stellen besetzt.

Aktuell sind im Rahmen von Einzel-Arbeitsgelegenheiten, so lautet die amtliche Bezeichnung der Ein-Euro-Jobs, in Stolberg 43, in Eschweiler 68 Menschen eingesetzt. Über das Programm Qualifizierung und Beschäftigung werden weitere 75 Menschen aus Eschweiler und Stolberg durch die Bildungs- und Beschäftigungsträger lowtec gGmbH und Wabe e.V. in den „Gewerken” Verwaltung, Recycling und Holz, Hauswirtschaft, Bistrot Textil, Kaufhaus, Lager und Logistik qualifiziert.

Einsatzstellen sind hauptsächlich die Stadtverwaltungen, die Schulen, die Kirchengemeinden, Seniorenzentren, die örtlichen Sozialdienste katholischen Frauen und Männer sowie die Eschweiler Tafel und die Stolberger Tafel.

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