Eschweiler - Bestattung: 80 Prozent lassen sich verbrennen

Bestattung: 80 Prozent lassen sich verbrennen

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
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Die letzte Ruhe: Auf den Friedhöfen in Eschweiler werden klassische Reihengräber immer seltener. Urnenbestattungen sind gefragt. Zu Allerheiligen sind die meisten Ruhestätten herausgeputzt.
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Zu Allerheiligen bringen viele Leute die Gräber ihrer Angehörigen auf Vordermann. Allerdings wollen heute weniger Menschen 30 Jahre lang für eine ordentliche Ruhestätte verantwortlich sein.

Eschweiler. Am Donnerstag wird es wieder voll auf den Friedhöfen. Allerheiligen ist für viele Menschen noch immer ein wichtiges Datum. An diesem Tag schaut man an den Gräbern der Angehörigen vorbei, ist mit den Gedanken bei ihnen und spricht vielleicht ein Gebet vor der Ruhestätte. Doch auf den Friedhöfen hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel geändert.

Es gibt neue Bestattungsformen, das klassische Reihengrab mit Stein, Licht und gut gepflegter, bewachsener Fläche ist längst nicht mehr der Normalfall. Klar ist: Die Bestattungskultur hat sich massiv gewandelt. Mittlerweile sind Einäscherungen in Eschweiler die Regel. Noch 1996 gab es in Eschweiler rund 75 Prozent Erdbestattungen. In 2001 lag das Verhältnis von Erd- und Urnenbeisetzung bei je 50 Prozent. In 2012 ließen sich 300 von den 400 gestorbenen Eschweilern verbrennen und in der Urne beisetzen. Für 2013 rechnet die Verwaltung mit 80 Prozent Urnenbestattungen.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Für Bestatter Hans Peter Bücken-Brendt ist der Anstieg der Feuerbestattungen direkt mit dem Abschaffen des Sterbegeldes verbunden. Ende der 80er Jahre wurde die einst mehrere tausend Euro hohe Summe halbiert. Zuletzt zahlte die gesetzliche Kasse noch 525 Euro. 2004 fiel die Leistung komplett weg.

Für Bücken-Brendt sind die Finanzen aber nur ein Aspekt, der für den Wandel verantwortlich ist. „Dass mehrere Generationen einer Familie in einem Ort zusammenleben, gibt es immer seltener“, sagt er. Wegen der Anforderungen der modernen Arbeitswelt zieht es viele junge Leute für Ausbildung, Studium und Job in andere Städte. „Dadurch werden die Grabpflege und das Besuchen der Gräber schwieriger“, sagt Bücken-Brendt. Zudem gebe es häufiger alte Leute ohne Angehörige oder Menschen, die es ihren Kindern nicht zumuten wollen, das Grab 30 Jahre lang zu pflegen. „Es passiert aber auch, dass ältere Leute veranlasst haben, dass sie in einer Urne bestattet werden – und die Kinder kommen damit gar nicht klar“, sagt er. „Man erlebt hier die komplette Bandbreite der Gefühle. Aber alle brauchen eine Stelle, zu der sie gehen können“, sagt der Bestatter. Man brauche also eine Ruhestätte – wie auch immer sie aussieht.

Wegen solcher Entwicklungen benötigt man die großen Flächen, die man vor Jahren für die Friedhöfe reservierte, heute nicht mehr in Gänze. So würden etwa drei Viertel des neuen Friedhofsgeländes in Nothberg nicht mehr benötigt, sagt Reiner Jopke, Leiter des städtischen Bauordnungs- und Umweltamtes. Die Fläche wird stattdessen für Wohnbebauung genutzt. „Das liegt auch an der Friedhofskultur und dem Bestattungsverhalten“, sagt er. Als man den Friedhof plante, rechnete man noch damit, dass der größte Teil der Gestorbenen in Erdgräbern beerdigt wird.

Gleichzeitig gibt es immer neue Möglichkeiten der Beisetzung. Neben der Erdbestattung im Reihen- oder Wahlgrab gibt es in Eschweiler etwa Urnengräber, anonyme Urnengräber oder die Möglichkeit, die Asche auf einem Feld zu verstreuen. Vor einigen Jahren wollte die CDU eine Urnenstelenwand auf dem Waldfriedhof in Pumpe-Stich durchsetzen. „Wir wollten das als eine weitere bezahlbare Form der Bestattung anbieten“, sagt Bernd Schmitz, CDU-Fraktionsvorsitzender im Rat. Ganz vom Tisch seien die Stelen allerdings noch nicht, sagt Reiner Jopke. „Alle Bestattungsformen, die es bundesweit gibt, sind in der Diskussion“, sagt er. Allerdings habe man schon jetzt ein großes Angebot an Bestattungsformen. Und: „Wir wollen einen Mittelweg finden. Wir wollen nicht unsere ganze Friedhofskultur aufgeben“, sagt Jopke. Die Verwaltung sei zudem nicht davon überzeugt, dass es unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll ist, die Stelen einzuführen. Investitionskosten und der Unterhalt weiterer freier Friedhofsflächen seien zu hoch.

Aktuell gibt es bei der katholischen Kirche in Eschweiler Überlegungen, eine neue Ruhestätte einzuführen. Man spreche in den Pfarren derzeit darüber, ob man eines der weniger genutzten Gotteshäuser zur Grabeskirche umwidmen soll, sagt Pfarrer Andreas Frick. Bei den Gläubigen gebe es großes Interesse an einem „würdigen, geschützten Ort“ für die Toten. Entschieden sei aber noch nichts. „Damit wären Investitionen und hohe Folgekosten verbunden“, sagt Frick. Denn für eine Grabeskirche brauche man auch einen Wach- und Schließdienst.

Der Trend zur Einäscherung hat laut Bestatter Oliver Ruhe in erster Linie finanzielle Gründe. Die klassische Beerdigung mit sogenannter Wahlgrabstätte, Grabstein, Beisetzung, Bepflanzung koste schnell 20.000 bis 25.000 Euro. Allein die Gebühren für ein Doppelwahlgrab liegen in Eschweiler laut Friedhofsgebührensatzung bei 6395 Euro. „Wenn man einen ganz günstigen Rahmen wählt, kann man bei einer Einäscherung mit 3000 bis 3500 Euro hinkommen“, sagt er. Angesichts solch großer Unterschiede überlegten sich viele Leute zweimal, wie sie sich oder ihre Angehörigen beisetzen lassen.

Und Zuschüsse zu den Bestattungskosten gibt es heute – ohne Sterbegeld – nur noch für Bedürftige. In diesen Fällen übernimmt das Sozialamt die Kosten zum Teil oder ganz. Wenn ein Alleinstehender ohne Angehörige stirbt, dann muss das Ordnungsamt einspringen. Erben, Kinder, vielleicht auch Freunde oder Nachbarn müssten einen Gestorbenen innerhalb von sieben Tagen beisetzen lassen, sagt Edmund Müller, Leiter des städtischen Ordnungsamtes. „Wenn das nicht sichergestellt ist, sorgen wir für das Begräbnis“, sagt er. Das komme in Eschweiler bis zu 25 Mal im Jahr vor. Solche Fälle sind allerdings die Ausnahme. Wie man in diesen Tagen auf den Friedhöfen sieht. Viele Angehörige zupfen Unkraut, pflanzen Blumen oder putzen Grabsteine. Frick: „Ich bin erfreut, dass sich zu Allerheiligen so viele Leute um eine gute Grabpflege kümmern. Auch diejenigen, die sonst nicht auf den Friedhof kommen.“

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