Eschweiler - Berna Sperlich erinnert sich an den Mai 1949

Berna Sperlich erinnert sich an den Mai 1949

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
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Zeitzeugin mit brillantem Gedächtnis: Wenn Berna Sperlich über die Nachkriegszeit in Eschweiler erzählt, sprudeln Daten, Namen und Fakten. Fotos/Repro: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. „Die Gründung der Bundesrepublik, das war kein tolles Ereignis, das groß gefeiert wurde. Das war eher eine Meldung am Rande. Wir kümmerten uns gar nicht drum, es gab so viel zu tun.” Der 23. Mai 1949, an dem in drei der vier Besatzungszonen des besiegten Deutschlands ein Grundgesetz verkündet und damit ein neuer Staat geschaffen wurde, ist für Berna Sperlich mit keiner besonderen Erinnerung verbunden.

Aber wie Eschweiler ausgesehen hat im Mai 1949, daran erinnert sie sich genau. Die Witwe des damaligen Stadtdirektors von Eschweiler, Bernhard Sperlich, hat ein brillantes Erinnerungsvermögen.

Eschweiler vor 60 Jahren - das war vor allem Wohnungsnot. Kaum ein Haus war ohne Kriegsschäden, hunderte waren völlig zerstört. Eschweiler hatte es besonders schwer getroffen. Drei Monate lang war die Stadt umkämpft, Fabriken und Industriegebiete von Bombenteppichen platt gewalzt worden. „Diese Stadt wird sich nie wieder erholen” dachten sich die Stadtväter nach dem Krieg, als die ersten evakuierten Familien zurück kamen. Sie gingen davon aus, dass Eschweiler langfristig vielleicht 5000 Einwohner haben würde. Wer zurück kam und seine Wohnung zerstört oder leer vorfand, konnte im Rathaus für zwei Reichsmark die amtliche Erlaubnis bekommen, sich den notwendigen Hausrat aus anderen Wohnungen zu holen.

„Klauschein” nannten die Bürger diese amtliche Erlaubnis zur Plünderung. Viele richteten sich auch in fremden Wohnungen ein. Als dann in den nächsten Jahren tatsächlich die evakuierten Eschweiler zu Tausenden zurück kamen, wurde die Wohnungsnot dramatisch. Viele Familien teilten sich Wohnungen, hausten auf engstem Raum.

Im Februar 1948 wurde Bernhard Sperlich Stadtdirektor von Eschweiler. Eine Wohnung zu finden war fast unmöglich. Schließlich teilte man sich eines der Arbeiterhäuschen gegenüber der Firma Neuman mit einer anderen Familie. „Wir hatten ein gemeinsames Badezimmer”, erinnert sich Berna Sperlich. Und sogar Hühner hielt man gemeinsam. Die Sperlichs hatten, als sie vom ostfriesischen Leer nach Eschweiler zogen, nicht nur Möbel, sondern auch ein Huhn mitgebracht - welche Freude, wenn das Tier dann auch mal ein Ei legte.

Problem Nr. 2 vor 60 Jahren: die Brücken. Zehn Brücken hatten vor dem 2. Weltkrieg über die Inde geführt. Die abziehenden deutschen Truppen hatten sie gesprengt. Als einzige war der Fußgängersteg an der Kochsgasse übrig geblieben. Notdürftig, mit Eisenträgern aus dem Schutt und Holzbohlen, wurden erste Behelfsbrücken errichtet. Der Nord-Süd-Verkehr lief über die nur halb gesprengte Brücke Neustraße.

Die benachbarte Brücke Grabenstraße wurde im Dezember 1948 eröffnet. Im Fotoalbum des einstigen Stadtdirektors, das jetzt im Archiv des Geschichtsvereins aufbewahrt wird, ist zu sehen, dass die Brücke zur Einweihung mit Girlanden und Flaggen geschmückt war - ein großer Tag für Eschweiler. Geschmückt war auch die Straßenbahn der Linie 8, die endlich wieder auf neuen Gleisen über die Brücke und zum Hauptbahnhof fahren konnte. Neben dem Bild steht mit Tinte geschrieben: „Eschweiler, die Stadt der zerstörten Brücken, muss man mit neuen Brücken beglücken.”

Als mit dem Bau dieser Brücke begonnen wurde, gab es noch Lebensmittelkarten. Die Zuteilung sollte für 1550 Kalorien pro Person der rasch wachsenden Bevölkerung reichen. „Improvisieren war alles”, versichert Berna Sperlich. Improvisation und das Nutzen von Beziehungen. Die Firma Faensen, die den Auftrag hatte, die Indebrücke Grabenstraße zu bauen, hatte zur Bedingung gemacht, dass die Arbeiter jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommen sollten. Aber woher nehmen? „Bernhard hat dann den Schwiegervater angeschrieben: Kannst du uns Erbsen schicken?” Der Schwiegervater, in Norddeutschland im Saatguthandel tätig, konnte. Und das Fleisch für die Suppe kam dann aus der Pferdemetzgerei.

„Einer half dem anderen” - das ist beim Blick zurück auf die Zeit vor 60 Jahren die wichtigste Erinnerung, versichert Berna Sperlich. Wo ständig Entscheidungen gefällt werden, die wichtig für eine Stadt sind, wo man täglich der Not steuern muss, kann man auch nicht lange grübeln. Da handelt man in dem Bewusstsein: Der Mensch, dem ich heute helfe, der hilft mir bestimmt morgen. Diese Einstellung hat den rasanten Aufstieg der Stadt Eschweiler damals möglich gemacht.
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