Eschweiler - Bauhistoriker zeigt bei virtuellem Spaziergang die Entwicklung der Stadt

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Bauhistoriker zeigt bei virtuellem Spaziergang die Entwicklung der Stadt

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
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Ein Spaziergang durch das historische Eschweiler mit ganz vielen Erinnerungen bot der Aachener Bauhistoriker Dr. Holger Dux in einem Vortrag der VHS und des Eschweiler Geschichtsvereins. Hier zeigt er die „Kaffeemöll“ der Eschweiler Burg. Foto: Ebbecke-Bückendorf
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Der Knick im Giebel ist das Spannende an diesem historischen Bild der Kirche St. Peter und Paul. Er zeigt: Hier hörte das Hauptschiff der Kirche früher auf. Nach 1880 wurde der Chor abgebrochen und der Teil rechts mit dem Querschiff angebaut. Foto: Archiv Dux
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Die Türmchen auf der Fassade sorgten für die Entlüftung der Gasträume: Das Hotel „Schützenhalle“ an der Marienstraße mit seinem großen Saal war lange der gesellschaftliche Mittelpunkt der Stadt. Foto: Archiv Dux

Eschweiler. Wenn Sie in den kommenden Tagen in Eschweiler Leute sehen, die scheinbar ohne Grund stehen bleiben und nach oben schauen – das sind wahrscheinlich Besucher des jüngsten Vortrags vom Eschweiler Geschichtsverein.

„Man sieht Dinge, die man vorher nie gesehen hat!“ staunte Vorsitzender René Hahn, als er sich am Donnerstag nach zwei Stunden eines virtuellen Spaziergangs beim Referenten Dr. Holger Dux bedankte. „Man sollte immer wieder einmal nach oben schauen und sich denken: Was haben wir doch für eine schöne Stadt!“

Es ist ein besonderer Blick, den Dr. Dux den rund 120 Besuchern im voll besetzten Saal des Kulturzentrums Talbahnhofs vermittelte – den Blick eines stilkundigen Bauhistorikers, der zeigen kann, wie sich die Entwicklung einer Stadt an ihren Gebäuden ablesen lässt: die Ursprünge an ihren Burgen und Kirchen, die Industrialisierung an ihren Arbeiterhäusern und Fabrikantenvillen, der Bürgerstolz an den Stuckfassaden der Gründerzeit. Der aus Königswinter stammende, in Aachen lebende Ingenieur Dr. Dux ist Vorsitzender des Geschichtsvereins von Burtscheid, er bietet seit bald 20 Jahren Stadtrundgänge, Tagesexkursionen und Vorträge zu historischen Themen in Stadt und Kreis Aachen und darüber hinaus an und hat mehrere Bücher zu geschichtlichen Themen veröffentlicht.

Ein Blick auf die Entwicklung der Stadt Eschweiler durch die Brille eines Bauhistorikers – das hieß natürlich, dass die Besucher des Vortrags auch einige Fachbegriffe zu lernen hatten. Mittelrisalit und Beletage, Segmentbogenstürze und vorgeblendete Pilaster, Historismus und Eklektizismus – was sich nicht direkt aus dem Vortrag ergab, erläuterte Dux gerne auch später. Zum Beispiel den Unterschied zwischen Historismus und Eklektizismus. Mit dem Wort „Historismus“ werden jene Baustile zusammengefasst, die vor allem im 19. Jahrhundert historische Stile aufgriffen. Die 1890 gebaute Dreieinigkeitskirche zum Beispiel: das ist Neo-Gotik, also der viele Jahrhunderte zurück liegenden Zeit der Gotik nachempfunden. Hingegen das Amtsgericht, gebaut ab 1905: dort wählte man Formen der Renaissance. Und die 1914/15 errichtete Hauptpost, wenige hundert Meter weiter, hat neo-barocke Formen.

Von Eklektizismus reden die Bau- und Kunsthistoriker, wenn mehrere solcher Stile bewusst oder wahllos vermischt werden, „nur damit es gefällig aussieht“. Das Wort kommt vom griechischen „eklektos“ und bedeutet „ausgewählt“. Als Beispiel zeigte Dr. Dux die beeindruckende Fassade der Adler-Apotheke in der Dürener Straße. Dort haben die Fenster der Beletage, also der Vorzeige-Etage des 1. Stockwerks, klassizistische Verzierungen, die 2. Etage zitiert barocke Formensprache.

Stadt neu schätzen lernen

Solche Stuckfassaden, entstanden in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, sollten auch „zeigen, was man hat“. Da dokumentierte sich eher Bürgerstolz als Stilsicherheit. Zumal solche Gebäude nicht unbedingt von einem Architekten entwickelt, sondern von Bau-Handwerkern wie Zimmerleuten, Steinmetzen und Stuckateuren nach Vorlagen errichtet wurden, berichtete Dux. Ja, bestätigte er eine Frage aus dem Publikum, solche Fenster-Verzierungen gab es durchaus auch vorgefertigt, die Bauherren konnten sie sich per Katalog aussuchen. Auch das sei ein Grund gewesen, dass im 20. Jahrhundert von vielen dieser alten Fassaden der Stuck runter geschlagen wurde: Der Adler überm Portal war ja sozusagen Nachahmung, Kopie. Das war noch in den 70-er Jahren so. Wenige Jahre später hätte man diese historistischen Gebäude lieber erhalten.

Beeindruckend war nicht nur die Fachkenntnis des Referenten, beeindruckend waren auch die historischen Bilder Eschweiler Gebäude, die er auf der großen Leinwand im Talbahnhof aufleuchten ließ. Er zeigte viele Gebäude, die es noch gibt und deren architektonische Feinheiten man nun, mit dem neu vermittelten Wissen des Bauhistorikers, beim Gang durch die Stadt neu schätzen lernt: Schombart-Haus und Kaserne, das Alte Rathaus an der Dürener Straße und die Kirche St. Peter und Paul, den Hauptbahnhof und den Talbahnhof.

Viele Gebäude, die Dr. Holger Dux am Donnerstag zeigte, wird man allerdings nicht wiederfinden, so sehr man auch den Kopf in den Nacken legt. Die „Kaffeemöll“ der Eschweiler Burg zum Beispiel mit dem Südflügel des Krankenhauses und der um 1850 erbauten Kapelle. Das Alexianerkloster an der Jülicher Straße, vor Jahrzehnten schon abgerissen. Wie auch das 1891 errichtete Kreispflegehaus. Auch das Kriegerdenkmal an der Moltkestraße gibt es nicht mehr, ebenso wenig das Gebäude der Reichsbank an der Englerthstaße oder die Schützenhalle an der Marienstraße, an deren Stelle heute die Sparkasse steht. Dux sprach von einer „zweiten Zerstörungswelle“ in den 60-er Jahren, der viele Gebäude zum Opfer fielen, die den Krieg überstanden hatten. Dass es diese Zerstörungwelle nicht nur in Eschweiler gab, sondern in vielen anderen Städten, ist für geschichtsbewusste Bürger nur ein schwacher Trost.

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