Eschweiler/Roetgen - Am 14. Oktober endet in St. Jöris die Internet-Steinzeit

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Am 14. Oktober endet in St. Jöris die Internet-Steinzeit

Von: Ulrich Simons
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Leuchtende Glasfaserenden: Die schnellen Leitungen werden derzeit nach St. Jöris gelegt. Foto: stock/Hans-Günther Oed

Eschweiler/Roetgen. Eine fuhr nach Hause und war glücklich: Martina Höcker, Unternehmerin aus St. Jöris bei Eschweiler und seit fünf Jahren im Internet auf der Kriechspur unterwegs, konnte Telekom-Manager Gregor Theißen das Versprechen entlocken: „Ab 14. Oktober können Sie in St. Jöris mit Breitband-Geschwindigkeit ins Internet.“

Surfen, E-Mails, Videos, Fernsehen – alles kommt dann über eine schnelle 50-Megabit-Leitung ins Haus statt wie bisher mit 30 Kilobyte – ein Quantensprung für den Ort.

„Breitbandversorgung im ländlichen Raum“ war die Veranstaltung überschrieben, zu der Helmut Brand, CDU-Bundestagsabgeordneter für die Städteregion, am Donnerstagabend in die Roetgener Privatschule Conventz geladen hatte. Geballter Sachverstand traf dort auf zum Teil ziemlich vergrätzte User, der Begriff von der digitalen „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ zwischen Stadt und Land fiel mehrfach.

Sorgen um „ländlichen Raum“

Peter Bleser, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, skizzierte in einem kurzen Eingangsreferat die Lage: Die Versorgung des ländlichen Raumes in Sachen (Funk-)Telefonie und Internet ist unzureichend. Vorhandene Betriebe beklagen den Mangel, neue kommen erst gar nicht. Selbst Touristen erwarten im Hotel einen schnellen Internet-Anschluss, weiterführende Schulen gehen wie selbstverständlich davon aus, dass ihre Schüler nachmittags im Internet weiterarbeiten können. Auch Heimarbeit sei oft nur mit den entsprechenden Kapazitäten möglich. Peter Bleser: „Eine weitere Entleerung der ländlichen Räume droht.“

Welche Herkulesaufgabe hinter der Zielvorgabe der Bundesregierung steckt, bis zum Jahr 2018 „50 Megabit für alle“ bereitzustellen, erläuterte Tim Brauckmüller, Geschäftsführer des Breitbandbüros des Bundes. „Die Telekom-Infrastruktur war perfekt zum Telefonieren – für die modernen Datenanwendungen reicht sie nicht mehr.“ Jetzt gehe es darum, die Kommunikations-Voraussetzungen für die nächsten 30 Jahre zu schaffen, und das sei nur noch mit Glasfaser-Kabeln zu leisten. Die Konsequenz: „Wir müssen Deutschland umgraben.“

Problem dabei: Je weniger Einwohner pro Quadratmeter, desto teurer der Anschluss. Telekom-Manager Gregor Theißen zitierte aus einer Studie des Wissenschaftlichen Institutes für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK): „Die Kosten für die Umrüstung auf flächendeckende Glasfaserversorgung würden sich bundesweit auf rund 70 Milliarden belaufen.“

Klar, dass die Unternehmen erst einmal in den Ballungsräumen investieren. Tim Brauckmüller: „Die wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie irgendwo ausbauen, wo es sich nicht lohnt.“ So dümpelt der ländliche Raum vor sich hin, vielfach unterhalb der „Digitalen Armutsgrenze“ von zwei Megabit. Andreas Schneider, Geschäftsführer von NetAachen: „Für einen wirtschaftlichen Ausbau brauchen wir 40 Prozent der potentiellen Nutzer, die sich zum Abschluss eines Vertrages verpflichten.“

Fritz Rötting, Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer (IHK) Aachen: „Mehr als 30 Prozent der Unternehmen im Kammerbezirk, vor allem in der Eifel, empfinden die Ausstattung mit Bandbreite als unzureichend.“

Städteregionsrat Helmut Etschenberg mit Wohnsitz in Monschau outete sich als Mitglied der „Leidensgemeinschaft“ und erwähnte ein zusätzliches Dilemma: Der schnelle Mobilfunk-Standard LTE im 800-Megahertz-Band kann nicht bis zur Grenze genutzt werden, weil die gleiche Frequenz in Belgien immer noch für den Rundfunk genutzt wird, obwohl sie laut EU-Vereinbarung längst für den Mobilfunk geräumt sein sollte. Um ein Einstrahlen ins Programm der Nachbarn zu verhindern, seien hier genau definierte Abstände einzuhalten.

Deutschland Schlusslicht

Der Forderung, die Breitband-Versorgung ähnlich wie Strom, Gas und Wasser als eine Pflichtaufgabe für Unternehmen und Kommunen zu definieren, erteilte Tim Brauckmüller eine klare Absage. Auch der Telefonanschluss sei ein so genannter „Universaldienst“ gewesen. „Und überlegen Sie mal, wann der letzte sein Telefon bekommen hat.“

Der Stand der Dinge: Mit einer Glasfaser-Anschlussquote von 1,1 Prozent (Stand Dezember 2012) ist Deutschland das Schlusslicht in Europa. Spitzenreiter mit 31,3 Prozent ist Lettland.

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