Ahnenforschung mit Besen und Wassereimer

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Nicht immer hocken Familienforscher in staubigen Archiven, wo sie vergilbte Urkunden entziffern. Hier arbeiten Nikolaus Müller (links) und Hans Nelles mit Wassereimer und Besen, um die Schrift auf einer Jahrhunderte alten Steinplatte lesbar zu machen. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Gleich hinter dem Eingang zum Dürwisser Friedhof liegen abgetretene Blausteinplatten im Rasen. Sie müssen hunderte Jahre alt sein, die Inschriften sind nicht mehr zu entziffern. Oder doch? Nikolaus Müller und Hans Nelles vom Eschweiler Geschichtsverein sind mit Wassereimer, Besen, Trittleiter und Kamera angerückt, um hinter das Geheimnis dieser Steine zu kommen.

In einem Fall ist es ihnen bereits geglückt: „Unter dieser Platte lag die Familie meines Stammurgroßvaters Heinrich Breuer!“ weiß Nikolaus Müller.

Urgroßvater mit zehn „Ur“

„Stammurgroßvater“ – das sind zwölf Generationen. Man könnte auch Urgroßvater mit zehn „Ur-“ schreibt. Aber wieso „lag“ der Stammurgroßvater unter dieser Platte? Liegt er nicht mehr dort? Das ist eine lange Geschichte, und sie zeigt, dass Familienforschung oftmals wie Detektivarbeit ist. Die sieben Grabplatten am Eingang des Friedhofs und auch die verwitterten Kreuze, die dort stehen, stammen nämlich gar nicht aus Dürwiß.

Vor 42 Jahren – genau am 13. Oktober 1971 um 11 Uhr – wurde der Kirchturm der Pfarrkirche St. Laurentius in Laurenzberg gesprengt. Es war das symbolische Ende des uralten Dorfes Laurenzberg, das für die Braunkohlengewinnung des Tagebaus Zukunft abgebaggert wurde.

Vor diesem Knall hatten Archäologen in der aus gotischer Zeit stammenden Backsteinkirche gegraben. Sie fanden Fundamente einer romanischen Kirche und unter diesen wiederum über tausend Jahre alte Reste einer hölzernen Kirche. Und sie fanden Gräber. Über 100.

Sieben Grabplatten von Familiengruften, die unter dem Kirchenboden von St. Laurentius lagen, und ein großer Teil der 41 Kreuze, die auf dem Kirchhof gestanden hatten, kamen 1971 nach Dürwiß. Dass es einst 41 Kreuze waren, weiß Heimatforscher Nikolaus Müller deshalb genau, weil er im Jahrgang 1932 der „Rurblumen“ eine Beschreibung dieser Kreuze fand.

„Rurblumen“ war eine heimatkundliche Jülicher Zeitungsbeilage, die zwischen 1921 und 1944 erschien und heute noch für Forscher von Bedeutung ist. Das älteste dort beschriebene Kreuz ist zugleich das, was bis heute am besten erhalten ist.

Errichtet wurde es für die 1586 geborene Johanna Offergelt: „Ao. 1662 den 25. August ist die vieltugentreiche Joanna Offergelt Gerarden Breuers hinderlaßene witwe im Herren entschlaffen...“ Das war die Mutter von Stammurgroßvater Heinrich Breuer. Um nicht elfmal „Ur“ vor die Großmutter zu schreiben, sprechen Familienforscher bei der 13. Generation zurück von den Ahneneltern. Müller: „Das war also meine Ahnenmutter.“

Hans Nelles und Nikolaus Müller haben gemeinsame Stammeltern (also Urgroßeltern mit achtmal „Ur“), eine Dürwisser Schöffenfamilie aus dem 18. Jahrhundert, zehn Generationen zurück. Nun versuchen sie gemeinsam, die Laurenzberger Grabplatten zu entziffern. Um die oft nur minimalen Spuren sichtbar zu machen, die auf den abgetretenen und verwitterten Steinen mehr zu ahnen als zu lesen sind, greifen sie zu Wasser und Besen, denn auf feuchten Steinen heben sich die Konturen besser ab. Besonders, wenn die Sonne niedrig steht.

Auf diese Weise haben sie die Grabplatte von Stammurgroßvater Heinrich Breuer (in der damaligen Schreibweise Hehnrich Brewer) entziffert. Und sind dabei auf etwas Kurioses gestoßen: Das Sterbedatum ist nicht eingemeißelt! „Offenbar vergessen“, meint Müller. Denn der Text wurde bis auf das Datum bereits Jahre vorher in den Stein geschlagen.

Es war ja eine Familiengruft, in der bereits 1656 die als Sechsjährige gestorbene Tochter Regina Brewer und 1668 die „vieltugendreiche Elisabeth Heisters Seine Hausfraw“ beigesetzt worden waren. Elisabeth Heisters war seine zweite Frau, fand Familienforscher Nikolaus Müller heraus. Und auch, dass Vorfahr Heinrich noch ein drittes Mal geheiratet hat. Diese dritte Frau Anna Cremers wurde vor 1697 in der Aachener Peterskirche bestattet.

Für Heinrich Breuer, den Schultheißen und Rentmeister von Laurenzberg, war bereits der folgende Text mit Hammer und Meißel vorbereitet worden: „Ao. 16 [Leerstelle] ahm [Leerstelle] Ist Der Ehrentverter Herr Hehnrich Brewer von Freyaldenhouen Scholdheis vnd Rentmr des Hauses vnd Herligkeit Berg in Gott entschlaffen.“

Wann genau er nun „entschlaffen“ ist, können auch seine Nachfahren nicht sagen. Zwischen 1676 und 1697 jedenfalls, dieser Zeitraum wird durch Urkunden eingegrenzt. Ob allerdings Stammurgroßvater Heinrich nun tatsächlich unter der bereits für ihn vorbereiteten Blausteinplatte in der Kirche St. Laurentius beerdigt worden ist, kann man heute natürlich nur vermuten.

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