Eschweiler - Abschied: Kantor József Ács verlässt still den Ort seines Wirkens

Abschied: Kantor József Ács verlässt still den Ort seines Wirkens

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
7573973.jpg
Die Musik zum Karfreitag hat József Ács vor über 20 Jahren ins Leben gerufen. Voriges Jahr gab es eine deutsche Erstaufführung in Eschweiler (unser Foto). Jetzt war es sein letzter Auftritt in diesem Rahmen als Kantor der Pfarre St. Peter und Paul. Foto: Jana Röhseler
7574026.jpg
Sein Abschiedskonzert als Kantor der Pfarre St. Peter und Paul hat József Ács gegeben, als Musiker bleibt er der Stadt erhalten. Foto: I. Röhseler

Eschweiler. Abschiedskonzerte stellt man sich gemeinhin anders vor: mit rauschendem Beifall, mit Blumensträußen, mit Foto-Blitzlicht, mit Zugaben. Nichts davon beim Karfreitagskonzert, mit dem sich József Ács, seit dem 1. Januar im Ruhestand, als Kantor der katholischen Gemeinde St. Peter und Paul verabschiedete.

Nach dem letzten, fast endlos ausschwingenden Klavierton stand Ács auf, verließ durch einen Seiteneingang die Kirche und ging nach Hause. Und auch die Zuhörer erhoben sich nach einigen Minuten der stillen Andacht wortlos, um „die Stille mit nach Haus zu nehmen“, wie Pfarrer Dr. Andreas Frick in seinen einleitenden Worten gebeten hatte. So hatte József Ács es sich gewünscht für ein Konzert, dass eigentlich – bei aller Virtuosität und Ausdruckskraft des Künstlers – kein Konzert war, sondern eine meditative musikalische Gebetsstunde.

In der fast nur von Kerzen erleuchteten, im Verlauf des Konzerts mehr und mehr im Abenddämmer versinkenden Kirche St. Peter und Paul, in der alle Bankreihen gefüllt waren, sprach Pfarrer Dr. Frick erläuternde Worte zu den vier Musikstücken, die József Ács ausgesucht hatte. Unter den Zuhörern begrüßte er vier Ehrengäste, die mit Ács in den 40 Jahren seines Wirkens an St. Peter und Paul verbunden waren: Pfarrer Peter Müllenborn aus Schleiden, Pfarrer Thomas Faltyn aus Aachen-Burtscheid, die Regisseurin und Autorin Ewa Teilmanns und den Generalintendanten des Stadttheaters Aachen, Michel Schmitz-Aufterbeck.

Aus seiner tiefen Religiosität heraus versteht und interpretiert der Pianist József Ács Musik als einen Zugang zum Überirdischen, zum Göttlichen, und die vier Stücke, die er ausgesucht hatte, als Ausdeutungen des Karfreitagsgeschehens und als Gebete.

Im Präludium b-moll (Bachwerke-Verzeichnis 867) aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach sieht Ács eine Darstellung des Gerichtsverfahrens, dem sich Jesus vor 2000 Jahren stellen musste. Musikalisch sieht er dargestellt, wie Jesus weiter und weiter gedemütigt wird, vor dem Hohenpriester Kaiphas, vor Herodes und vor dem Statthalter Pilatus, er aber seinen Leidensweg souverän und im inneren Gespräch mit Gott Schritt für Schritt weiter geht. Auch die anschließende fünfstimmige Fuge versteht der Künstler als Klangrede, in dessen Thema er die Frage „Bist Du‘s?“ auf vielfältige und immer neue Weise wiederholt sieht.

Diese Frage „Bist Du‘s?“ – darauf wies Pfarrer Frick in seinen Erläuterungen hin – sei Jesus zweimal gestellt worden, am Anfang seines Wirkens vom Täufer Johannes, am Ende von Pilatus. In der Fuge höre man – dies sind die Gedanken des Künstlers Ács über diese Fuge von Bach – „dass die Leute reden, immer weiter reden, ohne zu wissen, was sie wirklich tun“. Über dieses Gerede hinweg baut sich immer drängender die Frage „Bist Du‘s?“ auf. Die Fuge klingt in Dur aus: ein Triumph des Lebens über den Tod.

Ungewöhnlich dann das zweite Stück des Karfreitagskonzertes, das zarte Adagio un poco mosso aus Beethovens sonst recht heroischem 5. Klavierkonzert. Ungewöhnlich auf zweierlei Art. Zum einen: Ács bot den Satz in einer Fassung für Piano solo – er spielte also nicht nur den eigentlichen Klavierpart, sondern die sanfte Streicher-Einleitung und die Orchesterbegleitung gleich mit. Ungewöhnlich zum zweiten: Ács versteht dieses anrührende Adagio als ein Gebet und interpretiert es auch so – sehr andächtig, aber nicht verträumt, die fallenden Triolen eher zielstrebig als zögernd. Trost und Versöhnung sprechen bei ihm aus dieser Musik. „Dieses Gebet lindert Leid“ gibt Dr. Frick die Gedanken des Pianisten wieder: „Das ist Hoffnung, die vom Himmel kommt wie die Sonne für alle.“ Das Adagio sei eine Dichtung voller Poesie und Mystik, wie der Glaube selber Mystik sei, „ein Geschenk für jeden, das sich nicht verstecken kann und eigentlich nicht abgelehnt werden kann.“

Als Hauptwerk des Karfreitagskonzertes hatte József Ács Chopins Sonate Nr. 2 b-moll ausgewählt, die er als Klaviersinfonie versteht. Auch bei dieser Musik zieht Ács Parallelen zur Passionsgeschichte. Besonders in dem brutalen Prestissimo-Finale, in dem er die Verzweiflung des Verräters Judas abgebildet sieht: „Er flieht wie verrückt geworden hin und her mit aufgewühltem schlechten Gewissen“, ausweglos sucht er am Ende den Tod. Mit furiosem Einsatz und hoher Virtuosität setzte Ács seine Interpretationsidee in Klang um, besonders eindringlich im 3. Satz, dem Trauermarsch.

Mit der ebenso virtuosen wie religiös vergeistigten Fantasie „à la chapelle sixtine“, in der Franz Liszt ein Motiv aus Allegris „Miserere“ und Mozarts „Ave verum“ kombiniert hat, setzte József Ács den Schlusspunkt seines Abschiedskonzertes. Hier brauchte der Eschweiler Künstler keine eigene Interpretation des musikalischen Inhalts. Liszt hat mit seiner wörtlich überlieferten Beschreibung genau das getroffen, was auch Ács bei dieser Musik fühlt: „Die Misere und die Ängste des Menschen stöhnen im Miserere, Gottes grenzenlose Barmherzigkeit antwortet darauf und singt im Ave Verum.“ So verstanden offenbare diese Klavierfantasie, „dass die Liebe über das Böse und den Tod den Sieg davon trägt.“ Leiser und immer leiser klang der letzte Klavierton des Konzertes aus. József Ács blieb auf dem Pedal, bis die Saiten ganz aufgehört hatten zu schwingen. Dann stand er leise auf, ging, und ebenso andachtsvoll und von der Musik berührt gingen auch einige Minuten später die Zuhörer.

Applaus darf es dann beim nächsten Konzert von Ács wieder geben. Denn Abschiedskonzert heißt nicht Abschied für immer. In seinem Ruhestand wird der Eschweiler Pianist, Dirigent und Chorleiter, der jetzt nicht mehr Kantor der Kirche St. Peter und Paul ist, noch hoffentlich viele spannende und ungewöhnliche Konzerte geben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert