Eschweiler - Abgetaucht: Wenn die Physikstunde ins Wasser fällt

Abgetaucht: Wenn die Physikstunde ins Wasser fällt

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
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Was passiert eigentlich beim Druckausgleich? Mit einem Innenohr-Modell probiert´s dieser Schüler unter Wasser aus. Foto: Markus Nöldgen

Eschweiler. Kein Getuschel in der letzten Reihe, kein Aufstöhnen über zu viele Hausaufgaben, keine Diskussionen über die angeblich ungerechte Benotung. Sebastian Meßlinger hat an diesem Tag einen Traumjob. Wenn Schüler nur immer so ruhig wären. Kaum ein Laut ist zu hören. Nur hin und wieder ein dumpfes Blubb, Blubb.

Der Referendar des Städtischen Gymnasiums hält gerade eine Physikstunde, und zwar gut vier Meter unter der Wasseroberfläche. Von drögem Schulalltag kann hier keine Rede sein. Die Zehntklässler sind begeistert und tauchen mit viel Freude am Lernen ab zur außergewöhnlichsten Unterrichtsstunde ihres Lebens.

„Mir war einfach wichtig, dass die Schüler hierbei physikalische Druckphänomene am eigenen Leib erfahren”, hatte der 32-Jährige vor Wochen die geniale Idee, die trockenen Physikwälzer beiseite zu legen, um mit den Jugendlichen Feldforschung zu betreiben. 13 Mädchen und Jungen der 10e fanden sich schnell ein, um außerhalb (!) des offiziellen Stundenplans unterrichtet zu werden.

Zwar hatte Meßlinger im Honduras-Urlaub schon einen Tauchkurs besucht, aber eigenhändig mit einer ganzen Pennälerschar ins kühle Nass zu springen, war natürlich nicht möglich. Daher kontaktierte der Aachener den Eschweiler Tauchclub. Und die Wasserfreunde waren direkt Feuer und Flamme.

„Mit dieser Unterstützung hätte ich nicht gerechnet”, war der Physik- und Mathelehrer baff, wie positiv und enthusiastisch die Tauchercrew um Rolf Müller-Wondorf auf die Idee einer Unterrichtsstunde unter Wasser reagierte.

Rein in die Badehose

Wochenlang wurde das Projekt vorbereitet, in den letzten Tagen gab es auch eine Generalprobe unter Wasser - jedoch ohne Schüler. Am Dienstagmittag hieß es dann: Raus aus den Klamotten und rein in die Badehose. Zuerst gab´s für die Jugendliche eine theoretische Einweisung und wichtige Sicherheitsregeln. Derweil baute Bald-Pauker Beßlinger die Versuchskästen zusammen. Man war ja schließlich nicht zum Spaß hier!

Anschließend gings in den Klassenraum, der in diesem Fall die abgetrennte Bahn 4 im Schwimmbad Jahnhalle war. Immer sechs Schüler konnten gleichzeitig die Pressluftflasche auf den Rücken schnallen. Ebenso viele erfahrene Taucher gingen mit auf den Grund des Beckens. „Man muss einfach akzeptieren, dass man unter Wasser atmen kann”, weiß Müller-Wondorf vom Problem vieler, beim ersten Mal die eigenen Reflexe abzuschalten.

Die Tarierweste gut umgeschnürt, die Brille fest ans Gesicht gepresst, dann hieß es: Die Experimente können beginnen. In mehr als vier Metern Wassertiefe erlebten die „Städtis” das archimedische Prinzip vom Auftrieb am eigenen Leib und sie stellten es mit einem Modell eines Tauchers mit Tarierweste sogar nach.

„Das hat alles auch toll funktioniert”, so Diplom-Physiker Meßlinger. Nur mit dem Druckausgleich hatten einige Probleme. Was genau da eigentlich im Innenohr passiert, konnten die Unterwasser-Physiker aber anhand eines Innenohr-Modells exklusiv beobachten. Die einfachen Materialien dafür: Mehrwegflasche, Schlauch, Klemme und ein dehnbarer Gummibezug als Trommelfell.

Wie kommt ein Pädagoge darauf, die altehrwürdigen Schulmauern zu verlassen, Flossen und Schnorchel anzulegen und mit den Schülern abzutauchen? „Die Physikstunde unter Wasser ist Teil meiner Hausarbeit, die ich für das 2. Staatsexamen anfertigen muss”, sagt Meßlinger. Also eine einmalige Sache? „Nicht unbedingt.”
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