Eicherscheid - „Wir möchten in Deutschland bleiben!“

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„Wir möchten in Deutschland bleiben!“

Von: Manfred Schmitz
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„Unsere Zukunft liegt in Deutschland!“ Zeed Hisso, Ehefrau San und Tochter Alin leben seit einem Jahr als geduldete Bürgerkriegsflüchtlinge in Foto: Manfred Schmitz

Eicherscheid. Orientalische Geschichtsschreiber schwärmten schon in alter Zeit in blumigen Worten von „Damaskus und syrischen Regionen ringsum, sie liegen im schönsten und anmutigsten Tale aller vier irdischen Paradiese“. Was „Meyers Konversations-Lexikon“ von 1875 als himmlisches Märchen aus 1001 Nacht glaubhaft beschrieb, wurde für die Familie Hisso zum Alptraum.

Sie flüchtete 2011 aus ihrem vom Bürgerkrieg bedrohten Heimatort Al Hazeta (Ostsyrien) und erreichte in einer wahren Odyssee über die Türkei und Italien die Bundesrepublik. Durchgangsstation war für Zeed Hisso (27), seine Frau San (25) und den fünfjährigen Sohn Mahran die Hansestadt Bremen. Nesthäkchen Alin erblickte vor einem Jahr als kleine Eifelerin das Licht der Welt.

Von der Weser führte die Familie das Schicksal an die Rur, wo ihnen der Status offiziell geduldeter Bürger der Gemeinde Simmerath auf Zeit zuerkannt wurde. Zuerst fanden die Hissos Asyl in der Lammerdsorfer Unterkunft „Langschoß“, seit 2013 sind sie im Eicherscheider Gemeinschaftshaus an der Bachstraße provisorisch zu Hause.

Hier fühlen sie sich nach eigenem Bekunden wohl, „wenn unsere persönliche Situation und die Lebensumstände für uns alle auch viel Stress mitbringen“, empfindet das Oberhaupt. Zeed Hisso führte in seiner Heimatstadt in der an von der Türkei, Jordanien, Libanon, Israel und dem Mittelmeer umschlossenen „Arabischen Republik Syrien“ ein Friseurgeschäft. Er ist Gott und den Deutschen „ewig dankbar“, weil er samt Familie dem krisengeschüttelten vorderasiatischen Staat seiner Vorfahren entkommen konnte und in der Nordeifel Aufnahme und Sicherheit fand, denn: „Dort kann ich nicht mehr leben, keine Chance! Wir möchten in Deutschland bleiben!“

Die Zukunft in der alten Heimat, folgert Zeed, sei ihm und den Seinen schon deshalb verbaut, „weil wir der jezitischen Glaubensgemeinschaft angehörigen. Jeziten werden von den syrischen Machthabern gnadenlos verfolgt und seitens der großen muslimischen Religionsströmungen nicht respektiert“.

Der Familienvater wuchs zweisprachig auf, mit Kurdisch als Muttersprache und Arabisch als Schulfach. Stundenweise, zeigt sich Zeed hoffnungsfroh, arbeitet er in einem Aachener Betrieb. „Vielleicht finde ich ja auf absehbare Zeit Anstellung in einem Friseursalon“, nennt er seinen Herzenswunsch. Seine Eltern und der Bruder samt Angehörigen blieben in der alten Heimat zurück: „Da sind sie jedoch ständig in Lebensgefahr. Darum wollen sie, wie viele meiner Landsleute, die vertraute Umgebung so schnell wie möglich verlassen.“

Die Familie Hisso wurde der Kommune Simmerath, erläutert deren Sozialamtsleiterin Monika Johnen, „von zentraler Stelle zwecks menschenwürdiger Unterbringung und Versorgung zugewiesen. Die Hissos sind die ersten syrischen Flüchtlinge, die in Simmerath Zuflucht fanden“.

Voriges Jahr, blickt Johnen in ihre Statistik, hätten 34 Menschen vieler Nationen außerhalb ihrer Herkunftsländer in Simmerath um Bleiberecht ersucht, „momentan sind dies bereits 85. Sie stammen aus mehr als 20 Ländern der Welt, das Gros aus Afrika und Asien.“ Alle in Simmerath Asylsuchenden, sagt die Amtsleiterin, seien, gruppenweise verteilt, in Lammersdorf, Eicherscheid, Simmerath und Kesternich einquartiert.

Seit 2011 tobt in Syrien der bewaffnete Kampf des Assad–Regimes gegen Aufständische. Eine militärische Entscheidung ist nicht in Sicht, es herrscht ein kriegerisches Patt. Syrien ist mit einer Staatsfläche von rund 190 000 Quadratkilometern etwa halb so groß wie Deutschland. Der in vielen Kämpfen und Scharmützeln –insbesondere in verlustreichen Auseinandersetzungen mit Israels Armee – arg geschwächte islamische Staat hat 21 Millionen Einwohner. Von diesen befinden sich derzeit neun Millionen weltweit auf der Flucht. Weit mehr als 150 000 Opfer, die Hälfte Zivilisten, forderten bis jetzt die Kampfhandlungen. In Groß-Damskus leben vier Millionen Bürger, das Gros Araber, zudem türkische, armenische und kurdische Minderheiten.

Syrien ist wirtschaftlich und sozial auf Jahrzehnte ruiniert, selbst dann, wenn ab sofort Waffenstillstand an allen Fronten befohlen und Frieden proklamiert würde. Vorbei die glorreichen Blütezeiten, da Syrien ein ertragreiches Agrarland war, Tabak und Baumwolle sowie die legendäre Damaszener-Klinge global exportierte. Inzwischen reichen die minimal erwirtschafteten landwirtschaftlichen Produkte nicht annähernd zur Selbstversorgung der einheimischen Bevölkerung. Die Bewohner vieler Städte darben, ihnen droht der Hungertod.

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