Wintervergnügen in der Eifel vor mehr als 100 Jahren

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Früher mehr, heute weniger, aber noch immer ein Vergnügen. Eine Schlittenfahrt auf heißen Kufen den Berg Foto: Archiv/P. Stollenwerk

Höfen. „Tiefer hinabgestiegen, sieht man die Höfener Landstraße in großen Bogen und Windungen der Stadt zuziehen. Hier machte ich nochmals Halt. Drunten auf der Heerstraße fuhr die Jugend von Montjoie Schlitten, ein Schauspiel, das mich unsäglich fesselte”, beschreibt der Reiseschriftsteller Hermann Ritter (1864-1924) in einem Artikel von 1898 eine Schlittenfahrt aus seiner Kindheit.

„Nirgendwo habe ich wieder eine so wunderbare Schlittenfahrt wie diese angetroffen, nirgends läßt sich die Kunst, den frei gleitenden Schlitten zu lenken, das Kehren, wie man in Montjoie sagt, so gründlich erlernen wie hier, wo es heißt, durchaus auf der spiegelglatten Fahrrinne bleiben, um beileibe nicht seitwärts zwischen den Bäumen der Landstraße hindurch zu sausen, wo der jähe Hang nach der Rur dem Schlitten, und unter Umständen auch dem Fahrer mit bedenklichem Absturz droht.”

Erschienen ist der Beitrag in der Halbmonatsschrift „Das Eifelland”, 3. Jahrgang, Nr. 3, 1898, Herausgeber: Herm. Siegfr. Rehm - Druck und Verlag von H. Weiß, Montjoie und Aachen.

Hier die weitere Beschreibung von Hermann Ritter: „Ja, hier unten habe ich einst meinen Schlitten die lange, herrliche Bahn hinunter gesteuert, um ihn dann lustig nebenhertrabend, wieder aufwärts zu ziehen, unzähligemale an einem Nachmittage, oft bis in den späten Abend hinein. Lange Zeit, wohl 25 Jahre sind seitdem verstrichen, aber ich war wieder mit Leib und Seele bei der Sache, während ich in das fröhliche Gewimmel auf der Straße hinabschaute.

Droben an der Ecke ordnet sich die Mannschaft des Schlittens, der Fahrer oder Kehrer nimmt stolz den Vorderplatz ein, nachdem er die Genossen ermahnt hat, festzusitzen und die Beine ordentlich über dem Boden zu halten; dem hintersten Mann, dem Kleinsten wird noch besonders empfohlen, die Arme ja recht fest um den Vordermann zu schlingen. Langsam gleitet anfangs das Fuhrwerk abwärts, dann aber schneller, immer schneller, zuletzt im Tempo des Courierzuges. In einem, das Herz für einen Augenblick stillstellenden gruselnden Entzücken werden die gefährlichen Stellen passiert, dank der kaltblütigen Geschicklichkeit des Vordermannes. In rasender Schnelligkeit unter dem Hurrageschrei seiner Mannschaft donnert der Schlitten über die dunkle, eisige Spur der Straße.

In der Ferne droht ein Hindernis. Ein Trüppchen kleiner Mädchen sitzt auf einem langsam im Zickzack hin und her pendelnden Schlitten. Ein Murmeln des Unwillens über die Ungeschicklichkeit des anderen Geschlechtes geht durch unsere Fahrgesellschaft. „Fleu!” brüllen wir alle mit voller Lungenstärke, auch der hinten sitzende Kleinste schreit mit, obwohl er von der Gefahr nichts sehen kann. Der einheimische Warnungs- und Schlachtruf der Schlittenbahn verfehlt jedoch seine Wirkung. Das schlecht lenkende und außerdem von dem heimtückischen Stoße eines aufwärts strebenden Bösewichtes getroffene Fahrzeug der Mädchen beginnt, unter dem Angstgeschrei seiner Insassen, sich im Kreise zu drehen. Ein jähes Seitwärtsschrammen, der Schlitten kippt um und die Mädchen kollern über die Bahn.

Zwei Sekunden später sausen wir an die Stelle. Wir neigen uns nach einer Seite, der Fahrer rudert gewaltig mit den Beinen, aufspritzender Schnee blendet die Augen, aber wir kommen im Bogen an der Stätte des Unglücks vorüber. Die kleinen Mädchen sind eilig auf Händen und Füßen nach der anderen Seite von der Fahrbahn gekrochen und eilen jetzt abwärts, um ihren Schlitten zu holen, den ein kunstgerechter Tritt unseres Vordermannes unten in den Graben dirigiert hat.

Mit triumphierenden Fleu-Geschrei jagen wir den Rest der Bahn hinuntern, wo schließlich ein wonnevoller Schlußhopps über die Rinne zwischen Landstraße und Pflaster die Tour beendet.

Heftig kämpfe ich mit der Versuchung, hinab zu steigen, und dies Vergnügen, den entzückenden Genuß des Knaben von damals nur noch ein einzigesmal durchzukosten. Noch malte ich mir aus, wir frisch und vergnügt man ehedem am Abend der besorgten Mutter unter die Augen trat, trotz durchfrorener, steifer Glieder und der in eine Eisröhre verwandelten Hosenbeine. Jedoch dieser Gedankengang brachte mir den auch jetzt dringend nötigen Wechsel gewisser, vom Schnee durchnäßter Kleidungsstücken in die Erinnerung, und so glitt ich eilig weiter auf dem felsigen Pfade dem nahen Städten und einem seiner behaglichen Gasthöfe zu.”
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