Radarfallen Blitzen Freisteller

Windpark-Expertise nur noch Makulatur?

Von: Ernst Schneiders
Letzte Aktualisierung:

Roetgen. Die Expertise zur Beeinträchtigung des Landschaftsbildes durch einen Windpark im Münsterwald, von der Stadt Aachen in Auftrag gegeben, ist „inzwischen nurmehr Makulatur”, denn ihre Schlussfolgerungen beruhen auf völlig falschen Annahmen, wie Rainer Ständer aus Rott inzwischen nachgewiesen hat.

Eine der Kernaussagen von Gutachter Lange aus Moers, der schon mehrfach für die Stadt Aachen zur Feder gegriffen haben soll, bezieht sich auf die Farbgebung der 180 Meter hohen Windmühlen. Die größeren Beeinträchtigungen des Landschaftsbildes im Münsterwald seien wegen der höherwertigen Umweltziele (Reduzierung des CO2-Ausstoßes) deshalb als vertretbar zu bewerten, weil u.a. auf die rote Signalfarbe an den Rotoren weitgehend verzichtet werden könne.

Damit ständen die großen Windkraftanlagen optisch erheblich weniger störend in der Landschaft.


Wie Recht der Gutachter doch hätte, wenn es um Anlagen bis 150 Meter Höhe ginge. Die Windkraftanlagen, die im Münsterwald möglicherweise errichtet werden, sind aber nun einmal 30 Meter höher, und damit, so Rainer Ständer, sei die rote Signalfarbe zwingend vorgeschrieben - wegen der Flugsicherheit. Ein Anruf bei der für Flugsicherheit zuständigen Bezirksregierung in Düsseldorf reiche aus, um das bestätigt zu bekommen. Daran ändere auch die Aussage des Gutachters nichts, dass sie „nach Auskunft der Stadt Aachen für die geplanten Anlagen nicht erforderlich” seien. Im Umkehrschluss bedeute das, die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes durch Windkraftanlagen sei nicht mehr vertretbar.

Der Verzicht auf rote Signalstreifen an Flügeln und Türmen der geplanten Anlagen seien mit den Rechtsvorschriften in der Tat nicht vereinbar, räumte Klaus Meiners, Abteilungsleiter Immissionsschutz beim Fachbereich Umwelt der Stadt Aachen, ein: „Wir haben daher umgehend eine Überarbeitung des Gutachtens veranlasst. Wir gehen in Aachen einen aufwändigen Weg: Der Umfang unserer Anstrengungen, die Eignung der in Frage kommenden Konzentrationsflächen für Windkraftanlagen zu untersuchen, ist im Vergleich zu anderen Kommunen außergewöhnlich hoch.”

Windkraftanlagen mit einer Höher von mehr als 150 Metern seien entsprechend den Kennzeichnungsvorschriften für Flughindernisse kennzeichnungspflichtig.

Ein weiterer, nach Rainer Ständers Einschätzung nicht minder wichtiger Punkt, um dem Gutachten den Boden zu entziehen, ist der „Erfinder” des Prüfverfahrens selbst. Dr. Werner Nohl hat das vom Ingenieurbüro Lange verwendete Prüfverfahren 1993 im Auftrag des Ministeriums für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen kreiert und in einem bemerkenswerten Referat auf dem Symposium „Landschaftsbilder zeitgemäß bewerten” der Universität Duisburg-Essen im November 2007 selbst ins Museum geschickt, insbesondere wegen der Anfang der 1990er Jahre noch vergleichsweise bescheidenen Höhen der Windräder und der seinerzeit noch fehlenden allgemeinen Privilegierung von Windkraftanlagen. Nohl schreibt in seinem Vortrag von 2007 u.a.: „Bei derart hohen Eingriffsobjekten, die sich mit sechsfacher Höhe über die Wälder und Siedlungen erheben, ist die Vorstellung, mit Kompensationsmaßnahmen solche Eingriffe ausgleichen zu können, schlicht sinnlos.

Auch kann mit landschaftspflegerischen Maßnahmen kein gleichwertiger Ersatz herbeigezaubert werden. Wie viel auch immer kompensiert wird, die ästhetische Beeinträchtigung eines 180 Meter hohen Gittermastes ist, insbesondere in seiner Fernwirkung, nicht aufzuheben. Alles Kompensieren hat nur noch vorgetäuschte, aber keine tatsächliche Wirkung mehr.”

Als er dieses Prüfverfahren entwickelt habe, sei dies unter deutlich anderen Voraussetzungen geschehen, schreibt Nohl weiter. Bei mittlerweile einer Höhe von 180 Metern gebe es in seinem Verfahren Maßstabsverluste, Eigenartsverluste, Belastung der Weitsicht, Strukturbrüche, Horizontverschmutzung, Sichtverriegelungen, Rotorbewegungen, Verlust der Stille und Störung der Nachtlandschaft.

Werner Nohl, das steht für Rainer Ständer fest, distanziere sich aus heutiger Sicht von seinem 1993 entwickelten Verfahren, an dem sich das nun für den Münsterwald vorgelegte Gutachten orientiere. Ständer: „Es stellt sich die Frage, warum das Verfahren von Nohl für den Münsterwald noch angewandt wurde. War das eine Vorgabe der Stadt Aachen?”

Überdies seien im Lange-Gutachten Nohls Bedenken aus dem Jahr 1993 nicht berücksichtigt bzw. noch nicht einmal erwähnt. So habe Nohl empfohlen, Windkraftanlagen nicht auf Bergrücken zu errichten. Und der Münsterwald sei nun einmal Teil des Vennrückens, der sich in Belgien fortsetze.

Nohl habe deshalb empfohlen, solche Anlagen unterhalb von Bergrücken, -kämmen und Plateurändern zu errichten.

Die höchsten Standorte der im Münsterwald ins Auge gefassten Anlagen befänden sich nur etwa 50 Meter unterhalb des Bergrückens und überragten diesen somit um rund 130 Meter. Damit träten die von Nohl beschriebenen negativen Auswirkungen ein.

Zudem weise Dr. Nohl darauf hin, dass Landschaftsbereiche mit hohem ästhetischen Eigenwert wie beispielsweise das Naturschutzgebiet „Struffelt” bei Rott in einem „ausreichend großen Vorfeld frei von mastartigen Bauteilen” zu halten seien. Ständer: „Auch das ist bei dem im Münsterwald geplanten Windpark nicht berücksichtigt.”



Rainer Ständer und sein Mitstreiter Walter Frohn, ebenfalls aus Rott, befürchten, „dass die Sache im Aachener Rathaus längst abgekartet” ist. Der Münsterwald sei von Aachens Zentrum weit entfernt, die Beeinträchtigungen dort nicht wahrnehmbar.

Rainer Ständer: „Ein Komposthaufen kommt auch in den entlegendsten Winkel des Gartens, damit er nicht stört.”

Die Gemeinde Roetgen steht einem möglichen Windpark im Münsterwald längst nicht so ohnmächtig gegenüber, wie manch einer im Rathaus glauben machen will.

Ein Blick ins Baugesetzbuch reicht aus, um die Rolle der Gemeinde gegenüber der angeblich übermächtigen Stadt Aachen zu definieren.

In Paragraph 204 heißt es zur Regionalplanung nämlich sinngemäß, dass auf gebietsüberschreitende Vorhaben mit natürlichen, geographischen und strukturellen Auswirkungen mit einem gemeinsamen Teil-Flächennutzungsplan reagiert werden kann.

Damit könnte die Gemeinde Roetgen den Einfluss auf den Windpark Münsterwald erlangen, den sie sich wünscht.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert