Monschau - Weltweit die Mutter aller Open-Air-Ausstellungen

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Weltweit die Mutter aller Open-Air-Ausstellungen

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Das waren 1970 bei der heftig
Das waren 1970 bei der heftig umstrittenen Open-Air-Ausstellung „Umwelt-Akzente. Die Expansion der Kunst” die beliebtesten Objekte: aufgehängte runde Spiegel von Adolf Luther, die die Fachwerk-Idylle Monschaus reizvoll abbildeten. Die Schau von damals ist das Vorbild für Kunstpräsentationen, die seither gang und gäbe sind. Foto: Kaspar Vallot

Monschau. Im Mai/Juni 1970 kocht in Monschau die Volksseele. Da hat doch ein gewisser Günther Uecker eine Straße kälken lassen, und nun tragen sich die Anwohner die Farbe ins Haus. Ein anderer Mensch namens Georg Mika fegt den größten Marktplatz des Städtchens mit einem Handbesen frei, um daraufhin einen Gullydeckel anzumalen.

Spaß daran haben nur belgische Ausflügler, die das gerade beim Aussteigen aus ihrem Bus beobachten - sie halten sich die Bäuche vor Lachen. Die Einheimischen fragen sich indes, ob in ihrer Eifelstadt noch alles mit rechten Dingen zugeht.

Da steht zum Beispiel auf dem Holzmarkt ein Käfig mit zwei Türen, den man durchqueren muss, um auf die andere Seite zu kommen. Selbst der Hauptbrandmeister verfängt sich darin: Wer hineingeht, bekommt die Tür von innen nicht mehr auf. Da muss man schon lauthals rufen und um Hilfe bitten . . . Die Idee dazu hat der Kölner Martin Hingst, genannt „Hingstmartin”. Das ist sein Künstlername. Den Käfig nennt er „Fußgängerfalle”.

Knüppelweg über die Rur

Das Allerschärfste: Ausgerechnet am Weißen Sonntag müssen die Kirchgänger beim Überqueren der kleinen Rurbrücke einen Knüppelweg überwinden, den es an der Stelle vorher nie gegeben hat. Und der gibt bei jedem Schritt auch noch die merkwürdigsten Geräusche von sich. In der Nacht darauf braut sich das Gewitter zusammen: Unbekannte ziehen durch die Stadt und hinterlassen eine zerstörerische Spur unter all diesen seltsamen Objekten . . .

Was hier so skurril und scheinbar absurd anmutet, ist tatsächlich ein Markstein der Kunstgeschichte, der in diesen Tagen sein 40-jähriges Jubiläum feiert: „Umwelt-Akzente. Die Expansion der Kunst” hieß die weltweit erste umfassende Ausstellung von Außenkunst - sie kommt der Geburt der Open-Air-Schau gleich. Was heute in dieser Hinsicht gang und gäbe ist, nimmt vom 9. Mai bis zum 21. Juni 1970 in Monschau seinen Ausgang. Idee, Organisation und Konzept stammen von zwei Redakteuren der Aachener Nachrichten: Kaspar Vallot, zu dieser Zeit Lokalredakteur in Monschau (später Chefredakteur) und Mitglied eines zwölfköpfigen Monschauer Kunstkreises, und Feuilletonredakteur Klaus Honnef, schon gleich zu Anfang seiner Karriere einer der leidenschaftlichsten und profiliertesten deutschen Ausstellungsmacher und Kunstkritiker. Letztes Jahr wurde er 70.

Honnefs Monschauer „Umwelt-Akzente” veränderten maßgeblich die Form von Kunst im öffentlichen Raum - weitaus stärker noch als Christos Monschau-Verpackung, den der gleiche Kunstkreis ein Jahr später, 1971, veranstaltete. Im Aachener Ludwig Forum wird Honnef am 24. Juni um 18.30 Uhr im Gespräch mit Brigitte Franzen über das Entstehen und die Wirkung dieses zukunftsweisenden Ereignisses berichten. Die Forums-Chefin betrachtet die „Umwelt-Akzente” als Mutter aller künstlerischen Open-Air-Projekte, zum Beispiel auch der heute weltweit ausstrahlenden Skulptur Projekte Münster, wo sie selbst Kuratorin war.

„Wir wollten unbedingt zeitgenössische Kunst nach Monschau holen”, erinnert sich Kaspar Vallot, der noch heute in Monschau wohnt. „Wir hatten damals die Nase dran, in jedem Oktober besuchten wir die Kunstmesse in Köln.” Aber wo präsentieren? In der lieblichen Fachwerkidylle an der Rur gab es weder ein Museum noch eine Ausstellungshalle. „Also sagten wir uns: Stellen wir es doch draußen auf.”

Mit dem Feuilletonkollegen Klaus Honnef kommt Ende 1969 ein Mann mit Visionen und vor allem mit den richtigen Verbindungen ins Boot. Gut ein Jahr zuvor hat er in Aachen den „Gegenverkehr - Zentrum für aktuelle Kunst gegründet” und damit sogleich für Furore gesorgt.

Künstlern wie Dieter Krieg, Daniel Spoerri, Günther Uecker, Jan Dibbets, Rupprecht Geiger, Adolf Luther und Reiner Ruthenbeck bietet Honnef im „Gegenverkehr” ein Forum, viele von ihnen sind später weltberühmt geworden. Der Besuch einer dieser Ausstellungen im Januar 1969 wird für ein rundes Dutzend Monschauer zur Initialzündung, einen Kunstkreis mit eigenen Ausstellungsambitionen zu gründen.

Honnef nimmt dessen Idee zu einer zeitgenössischen Kunstschau in Monschau gerne auf. Zwei Monate lang lässt er sich alles durch den Kopf gehen, er gewinnt die Aachener Künstlerin Rune Mields hinzu - dann steht das Konzept. „Außenkunst” soll es auf jeden Fall sein - dabei sind auch Projekte zugelassen, die am Ende nur als Idee vorstellbar sind, weil sie womöglich gar nicht ausführbar sind. Das nennt Honnef „Projektkunst”.

36 Einladungen an ausgewählte Künstler werden verschickt. Kaspar Vallot ist als Ausstellungsleiter für die Organisation und Vorbereitung zuständig. Weil das Budget äußerst begrenzt ist, muss jeder Künstler mit gerade mal 300 Mark auskommen. Ein Honorar ist nicht vorgesehen.

„Wir haben sogar die Feuerwehr und die Ortsvereine mit einbezogen, um den Leuten zu erklären, was vor sich geht. Aber das waren alles Schüsse in den Ofen”, meint Vallot im Rückblick. Das Verständnis der Bevölkerung stellt sich schnell als sehr geteilt heraus. Das Seil zum Beispiel, das der Düsseldorfer Erich Reusch von der Spitze des Kirchturms der evangelischen Kirche gespannt und betitelt hat mit „Seil zur zusätzlichen Sicherung des Kirchturms gegen Ostwind”, hängt nach wenigen Tagen schlaff herunter - von einem Anonymus durchgeschnitten. Einem seilsachverständigen Hausmeister von nebenan gelingt es, das Objekt wieder zusammenzuspleißen.

Weit mehr Humor und Schlauheit legt dagegen ein örtlicher Wirt an den Tag. Künstler Peter Brüning hat an einem starken Gefälle das Rauschen der Rur auf Band aufgenommen und lässt es über einen riesigen Lautsprecher in der Nähe des Roten Hauses in Richtung einer Hotelterrasse abstrahlen. Vallot: „Die Niagarafälle waren nichts dagegen.” Eigentlich soll das Getöse jede Stunde einsetzen. Der Wirt bittet darum, das Rauschen jede halbe Stunde abzufahren. Warum? „Dann habe ich mehr Wechsel auf der Terrasse.” Die Gäste flüchten öfter, machen Platz für neue - so steigt der Umsatz.

Überhaupt die Monschauer Wirte - sie zeigen sich kunstverständiger als geahnt. Der Schweizer Herbert Distel hat an der Rur einen kleinen Friedhof mit Gräbern und Holzkreuzen angelegt, auf denen Kontonummern von „Pfeffersäcken” stehen. Während der Kaplan wettert, lässt der mit seinem Restaurant angrenzende Wirt für seinen Kegelclub neue Speisekarten drucken: „Verschiedene Pilzgerichte. Friedhof am Hause.”

Die Oldenburger Klaus und Renate Groh stellen ein „Kommunikationsregal” auf mit der „Gebrauchsanleitung”, hier möge man doch all das ablegen, was man seinem Nachbarn gönnen würde. Vallot: „Nach acht Tagen war das ein Müllplatz. Sogar eine Couch hatte einer abgestellt.”

Währenddessen machen die Monschauer „Umwelt-Akzente” weithin Furore. Honnef: „Sogar der Herald Tribune hat berichtet.” Und alle deutschen überregionalen Zeitungen und Magazine schicken ihre Reporter und Feuilletonisten.

Sie beobachten HA Schult, der zu dieser Zeit noch in München lebt, wie er mit einem Auto durch Monschau fährt, ein Mikrofon in der Hand, und per Lautsprecher nach außen Folgendes trötet: „Künstler schmücken Häuser. Für Touristen. Touristen. Touristenkünstler. Künstler. Schöne Künstler. Kunst schmückt. Schöne Kunst schmückt schöne Häuser . . .” Die Monschauer staunen. Einer zeigt Schult an. Weil der ihn von hinten erschreckt haben soll. Die Klage wird nicht angenommen.

Aber es gibt auch Objekte, die gefallen der Monschauer Bevölkerung: allen voran jene runden, sich drehenden Spiegel des Krefelders Adolf Luther, in denen sich die schöne Fachwerk-Idylle ringsum reizvoll abbildet.

„Plädoyer für den Schock”

„Plädoyer für den Schock” nennt Honnef seinen einleitenden Katalog-Aufsatz und formuliert darin den Anspruch: „Ausstellungen künstlerischer Erzeugnisse kranken gegenwärtig daran, dass sie nur auf einen relativ kleinen Kreis von Menschen zugeschnitten sind.” Statt Luxusartikel für wenige Eingeweihte eine „unmittelbare und ungesteuerte Konfrontation von Kunst und - unvorbereitetem - Publikum zu bewerkstelligen”, das ist das Ziel. Bedrängung, Beunruhigung, Belästigung sind durchaus erwünscht - all das zum Zwecke einer Bewusstseinsveränderung. Der hoffnungsfrohe Glaube an eine politisch-aufklärerische Funktion von Kunst bricht sich in Monschau Bahn.

„Wir wollten die Gesellschaft verändern”, sagt Klaus Honnef heute. Und was ist daraus geworden? „Sehen Sie sich doch um!” Und er lacht: „Jetzt müssen Jüngere als ich ‘ran.” Immerhin: Kunstgeschichte hat der Mann auf jeden Fall geschrieben in Monschau. Eine pionierhafte Leistung, die auch allerlei Anlass zum Schmunzeln gibt...

Nach Christos Verhüllung der Burg 1971 war es übrigens aus mit der Open-Air-Kunst in Monschau. Ein bereits fix und fertig geplantes Projekt mit Victor Vasarely, bei dem der Himmel rund um Monschau von den Eifelhöhen mit 25 farbigen Scheinwerfern beleuchtet werden sollte, konnte nicht mehr ausgeführt werden. Mit der kommunalen Neugliederung bekamen die Bürgermeister von Örtchen wie Kalterherberg und Höfen das Sagen, und nicht mehr der Vorsitzenden des Kunstkreises, Monschaus Bürgermeister Herbert Isaac. Und die wollten in der Eifel keine Kunst mehr sehen. Allenfalls Venn-Bilder. Mit Rehen und Hirschen.
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