Nordeifel - Wasser der Eifel: kein trockenes Thema

Wasser der Eifel: kein trockenes Thema

Von: Kaspar Vallot
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Das sah wirklich nicht wie ein „Dorf am See“ aus, als der Weiler Pleushütte verschwand und für Einruhr ein Freibad angelegt wurde. Aber Einruhr wurde dann doch nicht das „Dorf im Morast“, wie die Gegner der Aufstockung befürchtet hatten. Repro: Viktoria Evers

Nordeifel. Mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart wurde die Eifel, meist von Leuten, die die Eifel nie gesehen hatten, als „arm wie eine Kirchenmaus“ bezeichnet. Zugegeben: Ein Land, in dem Milch und Honig fließen, war die Eifel nie. Aber an einer Gabe des Himmels war sie immer ausgesprochen reich, hatte sie sogar einen Fluss nachzuweisen, einen Überfluss: an Wasser.

Erstaunen ausgelöst

So löste wenige Jahre nach Kriegsende die Zeitungsmeldung, in der Eifel müssten weitere Talsperren gebaut werden, weil sonst Wassermangel drohe, Erstaunen aus. Wassermangel? Das könnte nur entfernt residierenden Leuten eingefallen sein, die nicht wüssten, dass es in der Nordeifel die Rurtalsperre Schwammenauel gebe, seit 1939, und damit hundert Millionen Kubikmeter Speicherraum, und dass zu Hause vielerorts Brunnen lieferten, was an Wasser für Haushalt und Vieh benötigt werde.

Der Vorsteher des Wasserverbandes Schwammenauel, Dr. Heinrich Heinen aus Hasenfeld, klärte auf. Es gehe nicht nur um die Versorgung der Kreise Monschau und Schleiden. Auch die Landwirtschaft, die Industrie und die Menschen im „Unterland“, durch das die Rur fließe, seien auf Wasser aus der Eifel angewiesen. Dr. Heinen, einer der ersten Landräte des Kreises Monschau nach dem Krieg und Verleger der Tageszeitung „Kölnische Rundschau“, verwies auf einen „Wink der Natur“.

Dringende Mahnung

Dieser „Wink“ sei eine dringende Mahnung. In der Tat stand in der Zeitung zu lesen, der Rursee liege nahezu trocken. Zurückzuführen sei das weniger auf vorübergehende Trockenzeiten als vielmehr auf die radikalen Kahlschläge in den Eifelwäldern, verursacht durch den Krieg. Riesige Wälder, die wie das Hohe Venn früher den Regen gespeichert und erst langsam wieder abgegeben hätten, seien zerstört worden. Im übrigen sei zunächst noch gar keine neue Talsperre geplant.

Überlegt werde vielmehr die Aufstockung des Rursees um 100 Millionen Kubikmeter. Dann, so Dr. Heinens Schlussstrich, werde es zwischen Rurberg und Schwammenauel über 200 Millionen Kubikmeter Wasser geben. Das Stichwort „Talsperrenbau“ traf in Monschau auf offene Ohren. In den Schubladen der Verwaltung lagen mehrere Pläne, die sich um Fremdenverkehr, Wasserversorgung und Verkehrsprobleme drehten, und einer dieser Pläne aus den 20er Jahren sah den Bau einer Perlenbach-Talsperre vor.

In den 20er Jahren fehlte für solche Projekte das Geld. Nun aber ermunterte das Land sogar dazu, die Pläne aufzugreifen und die Versorgung des Monschauer Landes mit Wasser zu sichern. Im Kreistag war man Feuer und Flamme. 8.000.000 Kubikmeter Wasser sollte die Talsperre an der Perlenau fassen, und dort könne auch gleich eine Einrichtung entstehen, ohne die einem Fremdenverkehrsort eine wichtige Attraktion fehle: eine Badeanlage, mit dem angewärmten Oberflächenwasser des Sees versorgt.

Ganz ohne Einwand blieb der Plan, vor den Toren Monschaus eine Talsperre zu bauen, allerdings nicht. Die Industrie, für die Perlenbach und Rur eine preisgünstige Versorgung mit Wasser bedeuteten, hatte Bedenken. Für die Tuchmacher meldete sich Fabrikant Meesters im Stadtrat zu Wort. Wenn das Monschauer Land aus diesen Talsperren Trinkwasser erhalten solle, dann müsse das Wasser eine Aufbereitung erfahren. Die Sorge der Tuchmacher sei, ob dieses aufbereitete Wasser die Qualität behalte, die für die Herstellung hoch qualifizierter Tuche unabdingbar sei. Womöglich hatten die Bedenken auch noch einen anderen Grund. Den hatte Kreisamtmann Lambert Peters geliefert, als er in einer Sitzung des Kreisparlamentes in die Einzelheiten ging und darauf hinwies, dass es nach Fertigstellung der Talsperre einen „Anschlusszwang“ geben werde, der die Versorgung aus Brunnen untersagen werde.

Wasserpreis erhöhen

Doch damit nicht genug: Amtmann Peters ließ vor allem aufhorchen, als er über die finanziellen Auswirkungen sprach. Der Wasserpreis, den der Kreis bisher aus seinen Anlagen erhalten habe, reiche dann nicht mehr. Um die fälligen Darlehen tilgen zu können, werde man den Wasserpreis erhöhen müssen: von 35 auf 45 Pfennig. So viel Geld für Wasser, fanden neben den Fabrikanten auch die Kleinverbraucher „happig“. Aber die Talsperre wurde gebaut, allerdings ohne Badeanlage mit vorgewärmtem Oberflächenwasser.

Andere Töne wurden angeschlagen, als die Pläne um die Aufstockung von Schwammenauel auf die Tagesordnung kamen. Da baute sich ein Widerstand auf, wie ihn die Nordeifel kaum jemals zuvor erlebt hatte. Wortführer für die Bauern war Bauernführer Dr. Jakob Flosdorff aus Kall, ein „Monscher Jong“, wie er sich gerne nannte. „Jeglicher Widerstand gegen die Aufstockung“, kündigte er an, wohl nachdem ihn erste Verhandlungen finanzielle Abfindungen für Land und Gebäude, die überflutet werden sollten, hatten erkennen lassen, dass der Wasserverband an sehr bescheidene Preise denke.

Kein Meter Land, mit „Bauernschweiß getränkt“, werde hergegeben, entgegen der Behauptung von Dr. Heinen, die Bauern würden schon verkaufen, wenn nur hohe Preise angeboten würden. Dem Dorf Einruhr werde ein Freibad angeboten. Es könne sich dann „Dorf am See“ nennen, so ködere der Wasserverband die Gegner der Aufstockung. In Wirklichkeit, so der Bauernführer, könne sich Einruhr dann „Dorf im Morast“ nennen. Überhaupt, so Dr. Flosdorff bei einer Versammlung in Pleushütte, das die Aufstockung nicht überstehen werde, solle der Wasserverband erst einmal beweisen, dass die Niederschläge ausreichten, eine Talsperre mit über 200 Millionen cbm zu füllen.

Da waren die Wortbeiträge des Dreiborner Bürgermeisters Franz Beckers und des Monschauer Bauernführers Oskar Mathonet noch zurückhaltend, wenn auch sie dem Verband vorwarfen, „hinter verschlossenen Türen“ Bedingungen auszuknobeln, die für viele Bauern den Ruin bedeuteten. Der Verlauf vieler Versammlungen zum Thema „Aufstockung“ ließ den Schluss zu: Es wird in Schwammenauel niemals aufgestockt.

Aufgestockt wurde aber doch, und es kam nirgendwo dazu, dass die Bauern mit Dreschflegeln und Harken eingeschritten wären, und Verbandsvorsther Dr. Heinen erhielt auch nicht die Prügel, die ihm mehrfach angekündigt worden waren. Die Ruhr füllte uns den Obersee, der als Trinkwassersperre für angrenzende Kreise gedacht war, Einruhr putzte sich wirklich zum „Dorf am See“ heraus und wurde zum meist besuchten Fremdenvekehrsort auch der weiteren Umgebung, es entstanden Erholungseinrichtungen im Schilsbachtal, Segler und Wassersportler richteten sich um die 20 Kilometer langen Ufer ein und im Laufe der Jahre widersprach niemand mehr der Feststellungen, der Rursee, die zweitgrößte Talsperre Deutschlands, habe die Nordeifel zu einem der beliebtesten Ausflugsgebiete Deutschlands gemacht.

Ende gut, alles gut? - Der Streit um den Rursee ist in jüngster Zeit in eine neue Phase getreten, in einen neuen Streit, der allerdings nicht mit den Mitteln und Vorwürfen ausgetragen wird, die vor Jahrzehnten an der Tagesordnung waren. Aber wieder stehen sich zwei Lager gegenüber - in der Frage: Soll am See ein Pumpspeicherkraftwerk gebaut werden oder nicht? Strikter Gegner ist die Bürgerinitiative „Rettet den Rursee“.

Sie sieht in den Plänen um dieses Kraftwerk die Gefahr, die auch die Protestler vor Jahrzehnten gegen die Aufstockung des Stausees auf die Barrikaden getrieben hatte, und die Argumente von damals und heute sind teilweise fast gleichlautend: Landschaftsvernichtung, Ende aller Bemühen, einen blühenden Fremdenverkehr zu entwickeln, Gefahr für die Lebensqualität der Menschen, nur: Töne, die damals angeschlagen wurden, gab es in der Auseinandersetzung dieser Wochen und Monate nicht. So sah Bauernführer Dr. Flosdorff damals voraus, es sei zweifelhaft, „ob überhaupt noch Fremde nach Einruhr kommen werden, wenn aus dem Dorf erst ein Schlammloch geworden ist, in dem Mückenschwärme die Gäste plagen“.

Strom aus der Eifel

Delegierte aus dem Schleidener Land übertrieben nicht weniger heftig, wenn sie das Versprechen ablegten, was immer kommen werde, sie würden dafür sorgen, „dass die große Sintflut nicht stattfindet.“ „Vor Ort“, wie die Kumpel im Streb vor Kohle ihren Arbeitsplatz nennen, mag man heute zivilisierter streiten, in der Frage, ob das Kraftwerk gebaut wird oder nicht, werden ein entscheidendes Wort Stromriesen wie RWE sprechen. Und für sie gibt den Ausschlag, ob sich ein Kraftwerk am Rursee rechnet.

Ist das der Fall, dann wird es wohl in einigen Jahren Strom aus der Eifel geben. Aber entschieden ist noch nichts. Einer der Stromriesen ließ jüngst durchsickern, dass ein nahe der Stadt Dresden stehendes Pumpkraftwerk, das Strom seit Jahrzehnten liefert, auf der „Kippe“ stehe. Warum? Weil diese Anlage unrentabel zu werden drohe. Was sich nicht rechnet, wird stillgelegt. Oder erst gar nicht gebaut. Ob rentabel oder nicht ist eine Frage des Strompreises, und über den wogt der Streit an entscheidender Stelle: in der Politik. Der Kampfruf „Rettet den Rursee“ schreckt die Manager Stromriesen nicht. Wohl aber der Strompreis. Wenn er denn zu niedrig ausfallen würde.

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