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Von der Großbaustelle auf den Frühstückstisch

Von: Nadine Preller
Letzte Aktualisierung:
OP am offenen Herzen: Während
OP am offenen Herzen: Während Bauarbeiter den alten Betontisch abtragen und Vorbereitungen für ein neues Fundament treffen, läuft, geschützt hinter Planen, bereits die neue Druckmaschine. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Aufbau eines menschlichen Körpers ist eine komplizierte Sache, ein sensibles System aus Muskeln, Organen, Gewebe und Zellen, aus Knochen und Adern. Im Zentrum des Ganzen schlägt das Herz. Der Knotenpunkt, an dem alles zusammenläuft. Von dem das Funktionieren des Apparats abhängt.

Nimmt jemand eine Operation am Herzen vor, müssen ihn schon gute Gründe dazu bewegen. Schließlich könnte ein Zwischenfall das ganze System ins Wanken bringen.

Andreas Troßmann hat gute Gründe, so eine Operation zu wagen - an der Produktion unserer Zeitung. Seit Mai 2011 werden die kompletten Druck- und Versandanlagen ausgetauscht - im laufenden Betrieb. „Der Umbau ist eine Operation am offenen Herzen, aber notwendig”, sagt der Projektkoordinator. „Unsere alten Maschinen stammen aus dem Jahr 1989. Es war längst überfällig, sie auszutauschen.”

Der Gewinn: Ab Herbst erscheinen die Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten komplett in Farbe und in brillanter Druckqualität. „Ein klares Plus für den Leser”, sagt Troßmann. „Nicht zuletzt sichern wir mit der neuen Anlage den Standort Aachen. Es ist einfach sinnvoll, in unserem Verbreitungsgebiet auch eine eigene Druckerei zu haben.”

Dass die Investition in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags ein klares Bekenntnis zu Print ist, unterstreicht Andreas Müller, Geschäftsführer des Zeitungsverlags Aachen und der Aachener Verlagsgesellschaft. „Print ist und bleibt unsere Stärke. Wir sind damit ganz klar auf der Höhe der Zeit und wollen zeigen: Wir sind auch künftig nah bei unseren Lesern. Deshalb legen wir den Fokus unserer Berichterstattung bald noch stärker auf das Lokale und Regionale.”

Für dieses Bekenntnis nimmt man in der Dresdener Straße seit Monaten eine hoch komplizierte Operation auf sich. Reinhard Krick, Projektleiter vom gleichnamigen Ingenieurbüro: „Das Spannende ist, dass drei alte Drucktürme durch nur zwei neue ersetzt werden.” Der erste der zwei neuen steht bereits. Zylinder rotieren dort jeden Abend, Zeitungspapier rast durch das Druckwerk, Ketten befördern die Exemplare nach dem Einfärben durch die Versandstraße. Keine zwanzig Meter entfernt läuft die alte Maschine auf Hochtouren. Und zwischen beiden klafft ein metertiefes Loch. Hier stand bis vor einigen Wochen Maschine Nummer drei. Eine der alten Generation. Und genau hier soll ab diesem Sommer die zweite neue Maschine aufgebaut werden. Aus drei alten Maschinen werden so zwei neue: „Commander CT”.

„Jeder Handwerker hat ein klares Zeitfenster”, zeigt Krick den Knackpunkt des ambitionierten Projekts auf. „Bohrarbeiten, Beton mischen, baggern - alles muss exakt abgepasst sein.” Chirurgengleich entfernen Arbeiter kleine Betonbröckchen nahe der alten Druckmaschine, keine Handbreit von komplizierter Technik entfernt. Das ist Millimeterarbeit, erfordert höchste Konzentration bei ohrenbetäubendem Lärm. Ein Kran schwenkt ein massives Bauteil durch die Halle. „Das sind Anforderungen wie bei einem Hausbau”, ruft Troßmann gegen den Lärm an, während er die Arbeiter beobachtet, die mit dem Presslufthammer in der Schlucht stehen. Staub wirbelt auf, Dreck fliegt durch die Luft. Eine kritische Umgebung für die neue Maschine, die deshalb, wie an einem OP-Tisch, durch meterlange Plastikplanen geschützt ist.

Schrittweise übertragen

Das Komplizierte am Umbau: „Es ist nicht damit getan, bei der einen Maschine den Stecker aus der Dose zu ziehen und später den der neuen wieder reinzustecken”, sagt Troßmann. Hunderte Schläuche und Kabel, Elektronik, Hydraulik, Kühlwasser, Druckluft, Farbversorgung - all das muss vom alten System schrittweise aufs neue übertragen werden. „Derzeit sind sechs Spezialisten vor Ort, um die neue Maschine so zu justieren, wie wir sie brauchen”, erklärt Andree Trautmann, Leiter der Euregio Druck GmbH. „Das ist nicht mit einem Golf zu vergleichen, der in Massenproduktion vom Band läuft.” „Commander CT” ist eine Einzelanfertigung, speziell auf die Bedürfnisse unserer Zeitung ausgerichtet.

17 verschiedene Ausgaben

Schließlich müssen jeden Abend 17 verschiedene Ausgaben produziert werden: Von der Eifel über Stolberg bis Eschweiler, von Geilenkirchen über Heinsberg bis Düren, von Jülich über die Aachener Land-Gebiete und schließlich Aachen Stadt gilt es nicht nur, in den Redaktionen diverse Lokalteile zu produzieren. Auch die Druckmaschinen laufen auf Hochtouren. Derzeit wird die komplette „gelbe” Nachrichten-Ausgabe auf der alten Maschine gedruckt, die neue erledigt bereits den gesamten „blauen” Zeitungs-Bereich.

45 000 Exemplare pro Stunde schafft die neue Maschine. Im Vergleich: Die alte packte in der gleichen Zeit 26 000 Zeitungen. Hans-Jürgen Steffens ist Geschäftsführer der Aachener Presseversand GmbH: „Wir haben drei Stunden Zeit, die einzelnen Ausgaben zu drucken, zu verpacken, über die Rampe zu jagen und in die Sprinter zu laden.” Das Ziel: Um vier Uhr soll jeder Bote seine Zeitungen haben, damit diese um 6.30 Uhr in den Briefkästen stecken.

Da ist ein genauer Zeitplan unabdingbar: Um 21 Uhr läuft bereits der Druck für Jülich an. Schließlich liegt das Gebiet am weitesten entfernt. Im Halbstundentakt gehts weiter: Düren, Heinsberg, Eschweiler? Um zwei Uhr läuft der letzte Druck für Aachen. 36 Fahrzeuge bedienen jede Nacht 1400 Zustellgebiete. Paketweise wird die Zeitung von morgen an die Boten weitergegeben. „In Aachen-Stadt gibt es Umschlagplätze, an denen Zeitungen für gleich mehrere Gebiete abgeladen werden. Klar, hier liegt ja auch alles nah beieinander.” Ganz anders sehe die Sache schon in den ländlichen Gebieten aus: „Da fahren die Sprinter etliche Kilometer, um ein kleines Gebiet zu beliefern.”

Denn bis in die hintersten Winkel der drei Kreise erwarten unsere Leser ihre Zeitung am nächsten Morgen. Von Aachen-Stadt bis Wegberg, Vettweiß und Kalterherberg sind über 1000 Boten im Einsatz. Damit auch in der kritischen Phase des Umbaus dieser Ablauf gesichert ist, wurde der Andruck zeitlich vorverlegt. So eine Operation hat eben auch Auswirkungen auf andere Teile des Körpers. Von der Recherche eines Redakteurs über das Schreiben eines Artikels, von der Technik bis zum Belichten der Seiten, von der Druckerei über die Versandstraße bis zu den Boten - all das ist ein Apparat, in dem jeder einzelne Arm perfekt in den anderen greifen muss. Unermüdlich, im ständigen Takt. Eine Operation kann dieses System zeitweise aus dem gewohnten Takt bringen. Aber wenn der Körper stark und gesund ist, übersteht er auch so einen Eingriff.

Regelmäßig Führungen

Damit sich unsere Leser vor Ort einen Eindruck machen können, bieten wir auch in der Umbauphase Führungen an. So eine Operation am offenen Herzen ist schließlich keine Sache, die man alle Tage zu Gesicht bekommt.

Die Chronik eines Mammut-Projekts:

Mai 2011: Die Umbauarbeiten an der Druck- und Versandanlage beginnen, die erste der drei alten Druckmaschinen wird abgerissen. Bis Ende des Jahres müssen die verbleibenden zwei alten Maschinen die Arbeit von dreien verrichten.

September 2011: Der erste Teil der neuen Maschine, „Commander CT”, wird geliefert. Kurz darauf starten die Arbeiten zum Aufbau der Anlage.

Parallel wird der Versand umstrukturiert. Wo vorher drei Ketten die Zeitungen aus der Druckmaschine gen Lieferausgang beförderten, arbeiten jetzt nur noch zwei.

Januar 2012: Der erste Teil von „Commander CT” steht und ist voll einsatzbereit. Schon beginnt der Abriss des zweiten alten Druckturms.

Februar 2012: Der zweite alte Druckturm ist vollständig abgebaut. Die Arbeiten am Betonfundament beginnen.

April 2012: Das Fundament für den Druckturm ist getrocknet.

Mai 2012: Die zweite neue Druckmaschine wird geliefert. Jetzt ist „Commander CT” komplett - was die Bauteile betrifft. Der letzte Aufbau kann beginnen.

Sommer 2012:Der Abschied winkt. Der dritte und damit letzte Teil der alten Druckmaschine wird abgerissen.

Herbst 2012: Mit der neuen Druck- und Versandanlage erscheinen die Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten in Farbe. 45.000 Exemplare pro Stunde schafft die neue Anlage. Im Vergleich: Die alte Maschine packte in der gleichen Zeit 26.000 Stück.

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