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Voll integriert und dennoch abgeschoben: Zarko muss zurück

Von: Carsten Rose
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Der Chef verliert seinen Koch: Zarko Pavlovic (rechts) wird trotz gelungener Integration nach Serbien abgeschoben. Sein Chef Maximilan Becker, Inhaber des Imgenbroicher Restaurant Bodega, ist bedient. Foto: Carsten Rose

Imgenbroich/Kesternich. Zarko Pavlovic kennt alle Küchen. Japanisch, französisch, indisch, asiatisch und natürlich die seiner Heimat, die serbische. Er kann alles kochen, sagt er. Deswegen liebt er das Konzept im Restaurant Bodega an der Trierer Straße in Imgenbroich, für das er seit Dezember 2015 am Herd steht. „Ich kann die Karte umstellen“, sagt er, „ich habe alle Freiheiten.“ Noch genau bis zum Samstag.

Dann wird er abgeschoben. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, das Schreiben vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat er vergangenen Samstag erhalten. Eine Woche hatte er also Zeit, seine Sachen zu packen. Sein Chef, Maximilian Becker, zeigt dafür kein Verständnis. „Zarko ist vorbildlich“, sagt Becker, „er macht alles nach bestem Wissen und Gewissen. Wir haben einen, von dem wir uns alles wünschen.“ Becker sieht in seinem Küchenchef ein Paradebeispiel für jemanden, der sich aktiv um Integration bemüht, es schafft – und am Ende doch aus politischen Gründen den Kürzeren zieht.

Sicheres Herkunftsland

Serbien, die Heimat von Zlatko Pavlovic, ist seit November 2014 ein sicheres Herkunftsland. Noch bis ins dritte Quartal 2015 kamen 40 Prozent aller Asylanträge von Flüchtlingen aus den Balkanstaaten. Pavlovic wird nicht der einzige sein, der abgeschoben wird. Denn es wächst der politische Druck, Asylanträge aus den Balkanstaaten nicht mehr zu bewilligen. So soll die Zahl der Flüchtlinge hierzulande verringert werden, weil Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Syrien Priorität genießen.

Das Asylpaket II, das am Donnerstag in Berlin beschlossen wurde, unterstreicht das. In der Debatte warben Politiker von Union und SPD zudem für eine Einstufung von Algerien, Marokko und Tunesien als „sichere Herkunftsstaaten“. Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte, die dadurch entstehenden Möglichkeiten müssten – wie bereits im Umgang mit Zuwanderern aus einigen Balkanstaaten – „effektiv genutzt“ werden.

Zarko Pavlovic, 28, der Koch, kommt aus der serbischen Hauptstadt Belgrad und lebt seit September 2014 in Deutschland. Zarko ist mit seiner Freundin Leposava Lestaric, 25, und der vierjährigen Tochter Nastasa nicht vor Krieg und Gewalt geflohen, sondern vor der Familie. Er ist Serbe, sie Romni, gehört also zur Minderheitengruppe der Roma. Diese Beziehung – sie hatten bereits ein Kind und waren nicht verheiratet – wird von streng konservativen Roma nicht akzeptiert. Der Vater seiner Freundin hat ihm jedes Mal, wenn er Leposava besuchen wollte, mit der Polizei gedroht. „Ich habe meine Tocher vielleicht zwei Mal im Monat gesehen“, sagt Pavlovic.

Diese Gründe, die für das Paar ein normales Familienleben unmöglich gemacht haben, reichen nicht, um in Deutschland zu bleiben.

„Eine Bereicherung“

Das Bamf hat ihn im August 2015 aufgefordert, Gründe für eine Aufenthaltserlaubnis zu nennen. Mit Verfolgung konnte Pavlovic nicht argumentieren – nur mit etlichen Referenzschreiben, die die gelungene Integration der jungen Familie belegen. „Sie sind für uns eine Bereicherung“, schrieb zum Beispiel Pater Chi Thien Vu, Schulseelsorger am Franziskus-Gymnasium Vossenack, weil sich Pavlovic und seine Lebensgefährtin in der Flüchtlingshilfe engagiert haben. Die Caritas in der Nordeifel schrieb, die beiden hätten sich „immer um Arbeit bemüht, um unabhängig von Sozialleistungen leben zu können“.

Für den TSV Kesternich, für den Pavlovic – der bereits in Serbiens erster Liga für BSC Borca Belgrad gespielt hat – die Fußballschuhe schnürt, ist er ein „fester Bestandteil unseres Vereinslebens“. Pavlovic engagiere sich auch neben dem Platz regelmäßig.

Tochter Nastasa hat sich „schnell in den Kindergartenalltag eingefunden“ und spricht „sehr gut“ deutsch, schreibt der Kindergarten Pusteblume in Kesternich. Die Eltern sind „sehr hilfsbereit und bei den anderen Eltern akzeptiert“, heißt es weiter. Berthold Lennartz vom Bistro Q-Bus, für das Pavlovic im September 2015 noch gearbeitet hat, schrieb, dass es in Deutschland schwierig geworden „gute Arbeitskräfte“ zu finden.

Bodega-Chef Maximilian Becker hat im Dezember 2015 mit Zarko Pavlovic einen Küchenchef gefunden, nach dem er zuvor über ein Jahr aussichtslos gesucht hat. 80 bis 100 Schreiben von der Bundesagentur für Arbeit mit potenziellen Bewerbern hat er bekommen, sagt Becker – letztlich vorstellig wurden nur drei.

Einer war Industrielackierer, der einen Saisonjob gesucht hat. Ein anderer war aus dem Sicherheitsgewerbe und hat außer zu Hause noch nie gekocht. „Vom Dritten weiß ich schon nichts mehr, der kam einfach gar nicht infrage“, sagt Becker.

Als Pavlovic den Abschiebebescheid bekommen hat, meldete sich Becker bei der Agentur für Arbeit für den Kreis Aachen Düren. Im Antwortschreiben heißt es, dass das Amt die Abschiebung aus arbeitsmarktrechtlicher Sicht für „bedenklich“ hält, weil die Stelle wieder genauso schwer zu vermitteln sei. Es wäre „von Vorteil, wenn Herr Pavlovic in Deutschland bleiben dürfte“, heißt es weiter. Diese Worte ändern für Pavlovic nichts daran, dass er morgen in seine Heimat zurück muss.

Wenn Pavlovic zurück in Serbien ist, hat er neben dem festen Job vorerst auch seine kleine Familie verloren, zu der Sohnemann Zlatko im August hinzugestoßen ist. „Ich bin nach Deutschland gekommen, um endlich mit ihr zusammenzuleben“, sagt er verzweifelt, „und jetzt werden wir wieder getrennt.“ Denn Leposava Lestaric darf vorerst bleiben. Am 3. März hat sie den nächsten Termin in ihrem Asylverfahren. Wenn sie Zarko folgt, darf sie wegen der Asylverletzung fünf Jahre kein EU-Land betreten.

In Kesternich teilen sie und die Kinder sich erstmal die Sozialwohnung weiter mit einem Mann aus Tadschikistan und einem Pakistaner, bis das Sozialamt Simmerath eine Lösung gefunden hat. Bis zum Anruf unserer Zeitung habe man von der Abschiebung nichts gewusst, sagt Monika Johnen vom Sozialamt Simmerath.

Demnächst soll noch ein weiterer Mann hinzukommen. Pavlovics Schmerz über die bevorstehende Trennung wird noch durch die Sorge um seine Frau und die Kinder verstärkt. „Drei Männer und meine Frau, das geht nicht“, sagt er. Morgen soll er Richtung Belgrad aufbrechen.

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