Tunnel, Autobahn und andere kuriose Projekte

Von: Kaspar Vallot
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Diese Neubauten im „Äuchen“ sollten zur Stabilisierung der Elektrizitätswerken des Kreises Monschau entscheidend beitragen. Foto: Viktoria Evers

Nordeifel. Spätestens seit Herbst 1967 waren die „Spitzen“ des Kreises Monschau informiert: Das, was man die „Kommunale Neugliederung“ nannte, werde kommen und mit ihr die Auflösung des Regierungsbezirks Aachen und der Eifelkreise Monschau und Schleiden.

Der Landrat und der Oberkreisdirektor des Kreises Monschau hatten sich nach Düsseldorf begeben, und dort hatte ihnen die Landesregierung reinen Wein zum Thema „Neugliederung“ eingeschenkt. Zunächst hatte Innenminister Weyer dem Besuch aus Monschau bedeutet, „auf Dauer ist der Kreis Monschau nicht zu halten“. Beide Eifelkreise seien zu klein, und der von Politikern aus der Eifel geforderte Zusammenschluss dieser beiden Kreise zu einem Eifelkreis sei unrealistisch, denn aus zwei „Armen“ könne man keinen „Reichen“ machen.

Landrat und Oberkreisdirektor hatten argumentiert, 25 der 415 Landkreise in Nordrhein-Westfalen seien kleiner als der Kreis Monschau. Der Minister konterte mit dem Argument, die vielen kleinen Dörfer in der Nordeifel bedürften einer „Grundsanierung“. Richtig sei, dass die Bundesregierung die Eifelkreise als „förderungswürdig“ anerkannt habe. Aber diese Anerkennung sage nichts darüber aus, wer denn die „Grundsanierung“ bezahlen solle – bei, so das Ergebnis eines Gutachtens, Kosten zwischen 6000 und 10 000 DM je Einwohner!

Bestenfalls 25.000 Einwohner

Einige Gemeinden des Kreises Monschau hätten im übrigen bereits mitgeteilt, dass sie nichts gegen eine „Anbindung“ an einen Nachkreis einzuwenden hätten. So tendiere Lammersdorf in Richtung Aachen, während sich die Orte Schmidt und Vossenack klar für eine „Anbindung an den Kreis Düren“ ausgesprochen hätten. Was dann für den Kreis Monschau übrig bleibe, seien bestenfalls 25.000 Einwohner, viel zu wenig, um diese wenigen Leute durch eine Kreisverwaltung und mehrere Ämter verwalten zu lassen. Die für die Eifelkreise unumgängliche „Strukturverbesserung“ könne unschwer von den Nachbarkreisen Aachen und Düren finanziert werden.

Statt nun in Monschau die Weichen für eine neue kommunale Zukunft zu stellen, wurde weiter getagt, diskutiert und regiert, als würden die Festlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen des Kreises Monschau, die in diesen 60er Jahren anstanden, Impulse für einen Aufschwung in Selbstständigkeit auslösen. Nicht nur lokal wurden die schönsten Pläne erörtert und geplant. Auch Minister aus Düsseldorf und Bonn reisten immer wieder an, um vor Ort Zusagen für Projekte, die sie mit Zuschüssen unterstützen wurden, zu machen.

Monschaus Stadtrat wollte die Verkehrsprobleme im engen Städtchen durch den Bau eines Tunnels lösen. Der örtliche Gewerbeverein meldete sogleich weitere Maßnahmen an. Hunderte Parkplätze am Anfang und Ende des Tunnels müssten gleichzeitig gebaut werden, weil sonst der Fremdenverkehr um Monschau herum und in Richtung Höfen und Schleiden geführt werde. Verkehrsminister Seebohm, der bei einem Besuch in Monschau versprochen hatte, das Tunnel-Projekt in Monschau fördern zu wollen, konnte nach diesen zusätzlichen Forderungen den Fall Tunnel „dilatorisch“ behandeln, da nichts überstürzt werden dürfe – mit dem Ergebnis, dass der Bau des Tunnels auf den St.-Nimmerleinstag vertagt war.

Der FDP-Politiker Dr. Josef Effertz, zunächst Landwirtschaftsminister in Düsseldorf und dann für die letzten Jahre des Regierungsbezirks Aachen Präsident dieses Bezirks, ermunterte dazu, in der Landwirtschaft neben dem Fremdenverkehr den wichtigsten „Wirtschaftszweig“ für das Monschauer Land zu sehen, was allerdings die Aufgabe der vielen kleinen landwirtschaftlichen Betriebe und einige wenige Großbetriebe zur Voraussetzung habe.

Gutachter nicht zu bremsen

Experten, die in diesen Endjahren des Kreises Monschau mit guten Ratschlägen nicht geizten, entwickelten in Gutachten die unterschiedlichsten Pläne. So wurde den Gemeinden dringend geraten, Bauland auszuweisen und Ansiedlungswilligen Bauland zu Bedingungen anzubieten, die konkurrenzlos seien.

Konkret wurden die Leute vom Fach allerdings nur im Falle Simmerath. Aber für Simmerath hätte es eines Gutachters gar nicht bedurft, denn seit jeher war unbestritten, dass Simmerath Dank seiner zentralen Lage die besten Möglichkeiten habe, die Einwohnerzahl zu erhöhen und Schulen und Betriebe aufzunehmen, die über den lokalen Bedarf hinaus erforderlich würden.

Aber die Gutachter waren nicht zu bremsen. Sogar für eines der kleinsten Dörfer, für Huppenbroich, wurde geplant, und das nicht zu knapp: Bau einer Kapelle und eines Lehrerwohnhauses, Anlage eines neuen Sportplatzes, ferner Reserve-Bauland für den Fall, dass tatsächlich Ansiedlungswillige gefunden würden. Schließlich hieß es sogar – was immer man darunter verstehen könne – das Dorf solle „abgerundet“ werden.

Neugliederung hin, Neugliederung her! Es wurde geplant, als sei vom Ende der Selbstständigkeit nirgendwo die Rede. Oberkreisdirektor Stieler indes sorgte besser vor. Er hatte sein Dienstjubiläum feiern können: zehn Jahre OKD des Kreises Monschau! Nun, da das Ende des Kreises absehbar war, stellte er sich dem Kreistag zur Wiederwahl, ließ sich einstimmig im Amt bestätigen und hatte so immerhin noch die Möglichkeit, sein zwölftes Jubiläum im Dienste eines noch bestehenden Kreises Monschau feiern zu können.

Dienstwagen angeschafft

Aber auch andere Vorfälle ereigneten sich, die nicht eben den Erfordernissen der Zeit entsprachen. So berichteten die „Nachrichten“ unter der Schlagzeile „Kurz vor Toresschluss“, der Kreistag habe es heftig kritisiert, dass die Verwaltung – eben „Kurz vor Toresschluss“ – noch einen Dienstwagen angeschafft hatte. Die Verwaltung wunderte sich über die scharfen Worte im Kreistag, wo sie doch darauf verweisen konnte, dass der Autohändler das repräsentative Fahrzeug für ganze 18.000 DM abgegeben habe, so billig, weil es „Konti- und Rabatt-Abzüge“ gegeben habe. Was nutzte es, dass die SPD-Fraktion von einer „faulen Ausrede“ sprach. Der neue Dienstwagen war nun einmal da. „Für die Konkursmasse!“ zürnte die Opposition.

Zorn wurde auch darüber laut, dass sich der Kreistag seine Diäten erhöhte, die „Sitzungsfelder“ für die Fraktionen. Es hatte für Fraktionssitzungen bis dahin fünf Mark je Sitzung gegeben. Dieser Betrag wurde auf 10 DM erhöht. Weitblickend war jedoch zusätzlich verfügt worden, und zwar, um die Fraktionen nicht allzu sitzungsfreudig werden zu lassen, dass es diese neuen Diäten nur für 18 Sitzungen im Jahr gebe.

Der Kreis Monschau schien einer guten Zukunft entgegen zu gehen. Es sollte ihm auch verkehrstechnisch auf die Beine geholfen werden. Für das Jahr 1970 waren die Mittel für den Tunnel, der nie gebaut worden ist, fest zugesagt. Aber mit diesem Tunnel sollte es nicht getan sein. Vom Ausbau der Straße Aachen-Lammersdorf-Einruhr war die Rede, und in Aussicht gestellt wurde ein Straßenbau-Projekt Aachen-Monschau-Südeifel. Dann sogar die Vollendung der Verkehrsschließung durch Bau einer Autobahn über Lammersdorf in Richtung Südeifel. Es wurde allerdings einschränkend mitgeteilt, dass die Autobahn erst in etwa zehn Jahren fertig sein werde. Fertig seien jedenfalls schon einmal die Pläne. Sie harren jedoch auch nach Jahrzehnten noch darauf, realisiert zu werden.

Auch die von Minister Dr. Effertz begünstigte Landwirtschaft verlor immer mehr an Bedeutung. Augenfällig vor allem die Entwicklung der Molkereien, deren Zahl sank und sank. 1967 wurde es als zukunftsträchtig gefeiert, dass sich die Molkerei Kall der Molkerei Simmerath anschloss. Sogar von einer „Milchunion Aachen“ wurde gesprochen, aber die Betriebe mussten einsehen: „Die Molkereien sind in ihren bisherigen Größen nicht konkurrenzfähig, obwohl die ‚Milchverwertung Düren-Nordeifel‘ pro Jahr 70 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet“. Nur eine Fusion mit der Milchverwertung Aachen könne weiterhelfen, so hieß es 1967. Aber die Decke blieb zu kurz. Kein Wunder, wenn doch ein Referent von Molkereifachleuten schon 1968 für das Jahr 1965 Daten nannte, die zeitig klar machten, wohin die Reise gehen werde: Im Jahr 1965 gab es in der Bundesrepublik 2206 milchverarbeitende Betriebe, die 128 Milliarden Liter Milch lieferten. Den lokalen Molkereien wurde bedeutet, lohnende Preise für die Milch werde es nur noch „für tiefgekühlte Milch“ geben. In den Eifeler Molkereien seien Tiefkühler jedoch „nur in Einzelfällen“ vorhanden.

Das Fazit lautete: „Die kleinen Bauern können die nötige Milchqualität nicht garantieren. Sie werden auf der Strecke bleiben.“ Eine tröstliche Zusage: da die Bauern es beklagten, dass ihnen das Milchgeld oft verspätet überwiesen werde, sei die Anschaffung eines Computers geplant, mit dem man dieses Ärgernis aus der Welt schaffen werde.

Das letzte „Tafelsilber“

Viel zu vererben hatte der Kreis Monschau „vor Toresschluss“ nicht. Aber ein Unternehmen, das noch einmal Geld in die Kasse bringen sollte, darf denn doch „Tafelsilber“ genannt werden: das Elektrizitätswerk. Zwei Kaufinteressenten bekundeten Interesse: die Stadtwerke Aachen als der kleinere Anbieter und der Energie-Riese RWE mit beträchtlich größeren Möglichkeiten als das Aachener Werk. Die Stadtwerke hatten zunächst gute Chancen, denn die RWE-Unterhändler gaben vor, nicht sonderlich auf diesen kleinen Betrieb aus der Eifel angewiesen zu sein. Der Anbieter aus Aachen bot eine Million DM für das „Ganze“. Ausgeschlossen, beschied Monschau. „Wir wollen das Werk nicht verschenken.“

Bald erwies sich, dass beim RWE mit verdeckten Karten gespielt wurde. Eine Million hätte man aus der Portokasse bezahlen können. Angesichts der begrenzten Möglichkeiten des Konkurrenten ging man beim RWE nunmehr zur Sache. Und da konnten die Stadtwerke Aachen nicht mithalten. Für 157 Kilometer Hochspannung, 145 km Niederspannung, 163 Transformatoren, 7480 Hausabschlüsse und einen Jahresumsatz von 38 Millionen Kilowattstunden wurden vom RWE „bar auf den Tisch“ 1,5 Millionen DM geboten. Zusätzlich würden viele Einzelbeträge und Zinsen nach Monschau fließen, unter anderem eine Konzessionsabgabe von 240.000 DM jährlich und geschätzte 30.000 DM jährlich dafür, dass das Ablesen der Zähler für Strom und Wasser vom RWE übernommen werde. Da konnte der Kreis nicht passen, zumal damals für das „Bare“ mit sieben bis acht Prozent Zinsen gerechnet wurde. Der Höchstanbieter erhielt den Zuschlag, und er sorgte dafür, dass der Werbespruch der Kreiswerke Monschau „Strom kommt sowieso ins Haus – nutz das aus“ vom Verbraucher realisiert werden konnte.

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