Tivoli: Politik vor riskanter Entscheidung

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Schmuckes Stadion, das die Ale
Schmuckes Stadion, das die Alemannia nicht mehr bezahlen kann: Ob die Stadt sich an einer Umfinanzierung des neuen Tivoli mit über 18 Millionen Euro beteiligt, muss der Rat am Mittwoch entscheiden. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Jetzt liegt der Ball bei der Politik. Die Verwaltung hat nach mühevoller Arbeit 28 Seiten plus Anlagen an die Ratsfraktionen geschickt. Es ist die Entscheidungsvorlage für die Ratssondersitzung am Mittwoch.

Die vereinfachte Frage lautet: Hilft die Stadt mit einem Kredit von 18,85 Millionen Euro der Alemannia, die sich bei ihrer Stadionfinanzierung völlig verhoben hat und ihre Kredite nicht mehr bedienen kann? Oder lässt sie es bleiben? Letzteres würde für den Klub wohl unweigerlich die Insolvenz bedeuten.

Diese Frage muss jeder der 74 Ratsleute bis Mittwoch für sich beantworten. Die Fraktionen werden ihren Mitgliedern freistellen, wie sie abstimmen. Das Werk der Kämmerei wird ihnen die Entscheidung nicht unbedingt erleichtern. Erstens sollte man betriebswirtschaftlichen Kenntnisse haben, um sie zu verstehen. Zweitens bleiben einige wichtige Fragen zunächst unbeantwortet, weswegen drittens diese Vorlage noch als „vorläufig” gilt.

Unter anderem gibt es am Dienstag noch ein entscheidendes Gespräch bei der Bezirksregierung. Und einige Fragen werden wohl auch am Mittwoch noch nicht abschließend beantwortet sein. Zu komplex ist die ganze Sache. Trotzdem muss die Entscheidung her. Bis zum 15. März muss die Alemannia ihre Lizenzunterlagen bei der DFL einreichen. Dann muss das Damoklesschwert einer Insolvenz weg sein.

Die Verwaltung wägt in der Vorlage viele Dinge ab, stellt Varianten und Risiken dar. Sie vermeidet es aber, eine Empfehlung abzugeben. Es werden lediglich drei Beschlussvarianten formuliert. In Kurzform: keine Beteiligung, Beteiligung oder aber eine andere Variante, die sich durch eine Ratsdiskussion ergeben könnte. Oberbürgermeister Marcel Philipp bekundete am Freitag auf AZ-Anfrage allerdings, am Mittwoch „eine klare Empfehlung” abgeben zu werden, wenn weitere Fragen geklärt sind.

Bestenfalls werde das natürlich eine Empfehlung für eine Rettung der Alemannia sein. Dagegen stehen die Risiken, die ohne adäquate Absicherung höher sind als bisher schon - durch eine Drei-Millionen-Bürgschaft etwa. Im schlimmsten Fall könnte die Stadt die 18,85 Millionen Euro verlieren. Das könnte, so heißt es, „langfristig negative Auswirkungen auf den Haushalt der Stadt - und damit alle anderen sozialen und wirtschaftlichen Bereiche” haben.

Bei der Variante „Beteiligung” soll der Rat besagte Risiken „zur Kenntnis” nehmen. Als Argumente für den Einstieg der Stadt werden der Imageschaden durch eine Alemannia-Insolvenz, negative Auswirkungen für den Sportpark Soers durch eine ungeklärte Zukunft des Stadions und die soziale Bedeutung des Fußballvereins für die Stadt hervorgehoben. Davon abgesehen verliert die Stadt im Insolvenzfall Geld. Die Bürgschaft eben, aber auch laufende Zahlungen wie 100.000 Euro Erbpacht pro Jahr und Ausgleichszahlungen von 750.000 Euro.

Hilft die Stadt dem Klub, würde eine neue Gesellschaft gegründet, die sich an der Stadion GmbH beteiligt. Die gleiche Summe wie die Stadt würde die „AachenMünchener” einbringen. Vier Millionen Euro kämen über einen privaten Investor. Die Lücke durch die 2013 auslaufende Fan-Anleihe von rund vier Millionen Euro soll durch einen Vermarktungsvertrag mit einem Unternehmen geschlossen werden. Kommt dieser nicht zustande, müsste die Alemannia für diesen Betrag einen „Ersatz” finden.

Alles in allem sollen die jährlichen Kreditkosten der Alemannia dadurch auf zwei Millionen Euro sinken - das ist weniger als die Hälfte der heutigen Belastung. Laut Gutachten kann diese Summe im Falle der Zweitligazugehörigkeit, Rang 15 in der Tabelle und 15.000 Zuschauern im Schnitt gestemmt werden. Bei einem Abstieg geht ein Gutachter davon aus, dass wegen wegbrechender Einnahmen nur eine Million Euro aufgebracht werden kann. Die Differenz müsste dann teils die Stadt übernehmen.

Die Verwaltung will in den Verträgen allerdings auch Bedingungen stellen. Nimmt der Verein etwa durch Spielerverkäufe oder Pokalerfolge zusätzliches Geld ein, soll ein Teil davon zur Tilgung der Kredite verwendet werden, die Rede ist von einer Quote von 60 Prozent aus solchen Sondererlösen. Die Stadt erwartet außerdem umfassende Informationen von Alemannia zur Geschäftslage. Das sei bislang nicht immer der Fall gewesen. Zudem will die Stadt in den Aufsichtsräten der Alemannia-Gesellschaften sitzen - auch im sportlichen Bereich.

Eine nicht abschließend geklärte Frage ist jene nach der Absicherung der städtischen Kredite im Grundbuch. Dort ist eigentlich kaum noch „Platz” für die Stadt, denn dort werden die „AachenMünchener” und der private Investor abgesichert. Beiden müssten sich bereiterklären, der Stadt hier ein Stück abzugeben. Für die Grünen ist diese Absicherung jedoch entscheidend für ein Ja.

Im Fazit weist die Verwaltung „in aller Ausdrücklichkeit” darauf hin, dass ein Engagement der Stadt „kein typisches wäre und zwangsläufig vermögensgefährdend ist”. Zudem unterstreicht die Stadt, sie könne alleine „die rechnerische Stimmigkeit und damit die grundsätzliche Umsetzbarkeit des Modells” bestätigen sowie „dessen Chance, zu einer nachhaltigen Lösung zu gelangen”. Im Schlusssatz heißt es, dass auch andere klamme Städte wie Gelsenkirchen über städtische Gesellschaften eingegriffen hätten.

Und bei einem Satz aus der Vorlage kommt dann auch noch Wehmut nach besseren Zeiten auf: „Natürlich wäre die aus heutiger Sicht erforderliche Umfinanzierung nicht mehr geboten, würde die Alemannia GmbH (Spielbetrieb) sofort an alte sportliche Erfolge anknüpfen.” So aber liegt der Ball bei der Politik.
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