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Stören Windräder die Erdbebenmessung?

Von: Peter Stollenwerk
Letzte Aktualisierung:
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Hochempfindliche Messtechnik: Seismometerstationen wie an der Kall- oder Dreilägerbachtalsperre (Foto) können auch Mikroerdbeben registrieren. Das Bild zeigt den speziell errichteten Seismometerschacht während der Installation des hochempfindlichen Breitbandseismometers. Foto: Erdbebenstation Bensberg

Nordeifel. Ende November 2015 genehmigte die Stadt Aachen den Windpark Münsterwald, zwei Tage vor Weihnachten legte die Städteregion Aachen mit der Genehmigung des Windparks Lammersdorf in der Gemeinde Simmerath nach. Jeweils sieben Anlagen sind hier geplant.

Obwohl jetzt eigentlich mit dem Bau der 200 Meter hohen und 3,3 Megawatt starken Anlagen begonnen werden könnte, steht noch ein Einwand im Raum.

Sowohl der geologische Dienst NRW wie auch die Erdbebenstation Bensberg hatten vor Erteilung der Baugenehmigung für den Windpark Lammersdorf Bedenken geltend gemacht, dass die geplanten Windräder negative Auswirkungen auf die in der Nähe befindlichen Erdbebenmessstationen haben könnten. Es sei zu befürchten, dass die von den Windrädern ausgehenden Erschütterungen die Messergebnisse verfälschen und Stationen im schlimmsten Fall gar unbrauchbar machen könnten. Für den Windpark Münsterwald wurde der Geologische Dienst erst nach der Genehmigung beteiligt.

Die Eingabe der Seismologen wurde im Falle Lammersdorf bereits zurückgewiesen. Im Genehmigungsbescheid für den Windpark Lammersdorf heißt dazu, dass es sich um „pauschale Einwendungen“ handele, die „nicht nachvollziehbar“ dargelegt seien. Die Städteregion spricht von einer „allgemeinen Besorgnis“, die zum Ausdruck gebracht werde; die Betroffenheit sei „nicht substantiiert“ vorgetragen worden. Außerdem sein schon längst Windkraftanlagen im näheren Umfeld der Messstationen vorhanden, deren Auswirkungen aber nicht benannt würden. Eine solche Prüfung obliege nach Auskunft des Umweltministeriums demjenigen, der Stellung beziehe und nicht dem Antragsteller.

Ein vernetztes Messsystem

Der Landeserdbebendienst unterhält Stationen in Großhau und an der Urfttalsperre, die Erdbebenstation Bensberg als Kooperationspartner betreut Messstationen an der Kall- und Dreilägerbachtalsperre. Weitere Messstationen befinden sich unter dem Aachener Dom und im belgischen Venngebiet in Ternell.

Diese miteinander vernetzten Stationen bilden den Kern der seismischen Überwachung in der Region Eifel/Aachen/Stolberg. Laut Auskunft der Erdbebenstation Bensberg gehören die Stationen an beiden Eifel-Talsperren zu den „wichtigsten seismischen Überwachungsstationen in NRW“. Zu beiden Stationen sei 2015 mit erheblichem Zeit- und Kostenaufwand eine Internetverbindung hergestellt worden.

Prof. Klaus-G. Hinzen von der Erdbebenstation betont im Gespräch mit der Lokalredaktion, dass aufgrund der teilweise geringen Abstände der Windanlagen zu den Messstationen zu erwarten sei, „dass die Stationen in ihrer bisherigen Funktion als empfindliche Detektionsstationen nicht mehr zu gebrauchen sein werden, sollten die Windenergieanlagen in Betrieb gehen“.

Nach allen bislang vorliegenden Untersuchungen, Gutachten und Erfahrungen in der Praxis sollte der Abstand von Windrädern zu Erdbebenmessstationen mindestens zehn Kilometer betragen, wenngleich die Bodenbeschaffenheit im Einzelfall auch kürzere Abstände tolerierbar machten.

Die Abstände der sieben Anlagen im Lammersdorfer Wald zur Messstation Kalltalsperre liegen zwischen 870 Metern und 2,2 Kilometern; zur Station Dreilägerbachtalsperre betragen die Abstände zwischen 4,2 und 5,8 Kilometer. In seinem Einspruch gegen die Errichtung der Anlagen erklärt Hinzen weiter, dass mit der Umsetzung der Pläne für Simmerath „jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit in dieser Erdbebenregion ein Ende gesetzt würde“. Es gelte zu bedenken, dass die Städteregion Aachen in der stärksten Erdbebenzone der Bundesrepublik liege (Zone 3).

Auch in seinem Schreiben an die Stadt Aachen von Mitte Januar 2016 zum Windpark Münsterwald bedauert Hinzen, dass die Erdbebenstation Bensberg der Universität zu Köln als Betroffene bisher nicht in die Planung eingebunden worden sei. Die Stationen, würden zum Teil seit 1976 betrieben. Auf Grund der geringen Abstände zwischen den geplanten Windenergieanlagen im Münsterwald und den Erdbebenstationen (zur Station Dreilägerbachtalsperre betrage der Abstand nur etwa drei Kilometer) seien Störungen des Messgenauigkeit zu befürchten.

Die weitere Argumentation im Schreiben deckt sich dann mit der Stellungnahme zum Windpark Lammersdorf.

Prof. Hinzen führt im Gespräch weiter aus, dass trotz einer massiven Fundamentierung der Windanlagen „enorme Kräfte“ in den Untergrund übertragen würden.

Die Erdbebenstation Bensberg sei praktisch erst „fünf vor zwölf“ eingebunden worden, im Falle Lammersdorfer Wald durch den Talsperrenbetreiber. Von den Behörden sei man zu keiner Stellungnahme aufgefordert worden.

Die besondere Bedeutung der beiden Messstationen sieht Hinzen auch in der internationalen Vernetzung: „Erdbeben kennen keine Staatsgrenzen.“

Den Vorschlag, die Messstationen einfach in unproblematische Bereiche zu verlegen, könne man nicht ernsthaft verfolgen, da gerade langfristige Zeitmessreihen von großer Bedeutung seien, um zu erkennen, ob es seismologisch gesehen ungewöhnliche Bewegungen gebe.

Wenn man ständig mit den Stationen wandere, müsse man auch stets eine Bewertung des neuen Standorts vornehmen, was die Chance auf eine belastbare Erdbeben-Prognose stark verringere.

Klaus-G. Hinzen: „Der Punkt ist, dass im Windenergie-Erlass keine Tabu-Zonen festgeschrieben sind.“

Dass der Geologische Dienst bislang nicht beteiligt wurde, ist nicht verwunderlich, da erst die Neufassung des Erlasses vom 4. November diese Beteiligung festlegte. Diese Änderung erfolgte also zu einem Zeitpunkt, als der Erörterungstermin und die Eingabefrist bereits verstrichen waren. Der neue Runderlass enthielt zum Erstaunen der Genehmigungsbehörde keine Übergangsfrist.

Bürgerinitiative fassungslos

Die Nichtbeachtung der seismologischen Belange ist auch für den Verein Natur- und Landschaftsschutz Nordeifel mit Sitz in Rott ein Unding. Die Bürgerinitiative hat sich umgehend an die Bezirksregierung als Fachaufsicht gewandt und eingefordert, die für den Windpark Lammersdorf erteilte Genehmigung aufzuheben.

Klage gegen das Projekt Lammersdorf wird die Landesarbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt NRW (LNU), der Dachverband von rund 80 Einzelvereinen, aber aus Kostengründen wohl nicht führen, auch wenn die Frist dafür erst Mitte Februar abläuft. Anders ist das beim Windpark Münsterwald. Hier hat die LNU gegen die Genehmigung Klage eingereicht, ebenso auch die Gemeinde Roetgen.

„Klimaschutz vorgeschoben“

Rainer Ständer, der Sprecher des Vereins Natur- und Landschaftsschutz: „Die Eingaben des geologischen Dienstes und der Erdbebenwarte wurden aus fadenscheinigen Gründen zurückgewiesen.“ Dies sei ein „ungeheuerlicher Vorgang“, besonders deshalb, weil die Städteregion in ihrer Genehmigung ausführe, dass die Messstationen von Kooperationspartnern des Geologischen Dienstes , wie in diesem Falle der Erdbebenstation Bensberg, nicht im Winderlass NRW benannt seien und daher unberücksichtigt blieben.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Sicherheit des belgischen Atomkraftwerkes Tihange seien die seismologischen Belange in der Region von besonderer Bedeutung.

LNU-Sprecher Reiner Hülsheger sieht einmal mehr, dass „die negativen Aspekte der Windkraftnutzung ausgeblendet wurden“.

Auch Herbert Klinkenberg von der Bürgerinitiative sieht seine generelle Kritik an der Windenergienutzung bestätigt: „Die Sicherheitsinteressen der Bürger stehen im Gegensatz zu den handfesten wirtschaftlichen Interessen der Kommunen.“

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