Nordeifel - Stallungen für Kleinvieh waren Ferienhäuser

FuPa Freisteller Logo

Stallungen für Kleinvieh waren Ferienhäuser

Von: Kaspar Vallot
Letzte Aktualisierung:
6633058.jpg
„Am Gericht“ zwischen Simmerath und Imgenbroich sollten auf Vorschlag des Lammersdorfer Gemeindevertreters Dr. Hugo Fraikin nach dem Krieg zwei Schulgebäude errichten werden: Eines als Gemeinschaftsschule und eines als Bekenntnisschule. Voraussetzung war, dass 80 Eltern dieser Regelung zustimmten. Diese 80 haben sich nie gefunden. Foto: Archiv/Stollenwerk

Nordeifel. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, aber Ende der 50erJahre normalisierte sich das Leben im Monschauer Land. Mehr als den Städter drängt es den Landbewohner, etwas zu erwerben, sich etwas zu erarbeiten, ein Stück Land zu besitzen, ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. Wenn das auch im Besonderen für einen anderen Volksstamm zutrifft, dessen eigentlicher Lebenssinn das „schaffe, schaffe, Häusle baue“ ist, so ist diese Eigenschaft doch auch dem Eifeler zu eigen.

Überall in den Dörfern, die der Krieg zerstört hatte, wurde gezimmert, gegraben und gemauert, wurde Richtfest gefeiert und eingezogen, konnten Kirchen und Schulen aus ihren Notunterkünften neue Gebäude beziehen. Die Dörfer entstanden neu, blühten auf, auch das Leben in den Dörfern.

Die Fußballer sahen es an der Zeit, von den Behelfsplätzen, den Wiesen, auf denen das Vieh „flatterte“, wenn nicht gerade Fußballer um Ball und Tore kämpften, auf richtige und zudem eigene Sportplätze überzusiedeln; die Schützen formierten sich wieder zum Einsatz für „Glaube, Sitte und Heimat“ und für den Umsatz der heimischen Brauereien; die ersten kulturellen Ansprüche ließen in vielen Dörfern Laienspieler die Welt der Bretter betreten, die die Welt bedeuten und erfreuten die Dorfbewohner mit Stücken frohen und besinnlichen Inhaltes; nicht zu vergessen die politischen Parteien, die sich um die Stimmen der Wähler bewarben, in durchaus nicht immer edlem Wettstreit, den die CDU stets mit großem Vorsprung gewann, während sich das Zentrum, die SPD und die FDP vergebens dafür strapazierten, auch nur in die Nähe der überlegenen Christen-Union zu gelangen. Das Leben blühte wieder auf. Es war wieder schön geworden!

Oft ging etwas nur „schwarz“. Waren das schlimme Zeiten, in denen man in etwa über die Runden kam, wenn etwas „schwarz“ gemacht werden konnte“ Es wurde „schwarz“ geschlachtet, der „Schwarzhandel“ verhalf zu vielem, was es nirgendwo zu kaufen gab, „schwarze“ Märkte florierten überall. Und wer bauen wollte und mit den Behörden nicht zurechtkam, der baute eben „schwarz“.

Städter und Kleintiere

Apropos „schwarz“ bauen. Wer sein Haus wieder aufbauen wollte, konnte tagsüber zur Tat schreiten, von Vorschriften und Behörden kaum behelligt, anders hingegen jene Zeitgenossen, die ringsum in Städten bereits ihr Heim bewohnten, nun aber den Wunsch verspürten, in schöner Landschaft wie der Eifel ein zweites Quartier zu erwerben, für die Ferien, die Wochenenden, für Ausflüge mit Freunden! Zunächst vereinzelt, aber immer häufiger erkundigten sich Passanten in Eifeldörfern so ganz nebenbei danach, welcher Besitzer eines Grundstückes mit schönem Blick auf Rursee oder weite Täler und Wälder wohl bereit sei, etwas von seinem Grund und Boden zu verkaufen. Zu welchem Zweck? - Kleinvieh wolle man züchten. Hühner, Kaninchen, Schafe, Ziegen, und da seien Schuppen, Ställe unverzichtbar.

So wechselte manch schön gelegenes Grundstück den Eigentümer, und es entstanden derart viele Stallungen dort, wo sie eigentlich gar nicht hingehörten, dass man beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, denn noch nie waren selbst für ganz entfernt gelegene Grundstücke überhaupt Genehmigungen zum Bau kleiner Stallungen, Unterstellmöglichkeiten für Kleinvieh, beantragt worden!

Und was bot sich den Augen der Beamten dar, als sie die „Stallungen“ überprüften? Kein Huhn gackerte in den wohnlich eingerichteten Bauten, die Küche mit Tisch, Stühlen und Gefrierschrank waren für Schafe unbenutzbar, und welche Ziege würde wohl Licht in den schönen Stehlampen oder gar den Fernseher anknipsen können! Für das Kreisbauamt konnte von Kleintierzucht nicht die Rede sein, hier waren teils bescheidene, teils aber auch sehr anspruchsvolle Wochenend- und Ferienhäuser ja Bungalows „schwarz“ in die Landschaft gesetzt worden.

Abriss ohne Pardon

Da gab es kein Überlegen: Diese „Stallungen“ müssen weg! entschied das Bauamt. Die ersten 30 Häuschen von leichter Bauart, waren bald abgebaut. Dann aber ging es an 50 Kleinvieh-Unterkünfte, von Amtmann Kirch von der Kreisbehörde auch Bungalows genannt, „Häuschen“, die der Baufachmann auf 80.000 DM bis 250.000 DM schätzte.

Gegen deren Abriss boten die Bauherren, Ärzte, Anwälte, Kaufleute, wie Amtmann Kirch in einem Ortstermin von Presse, Rundfunk und Fernsehen erläuterte, Anwälte und beträchtliche Prozesskosten auf. Bis hin zum Oberverwaltungsgericht in Münster wurde prozessiert, und immer lautete das Urteil: illegal gebaut, Abriss! Übrigens: Den Schaden hatten nicht nur die angeblichen Kleintierhalter. Auch mancher Eifeler, der Grund und Boden in schöner Lage besaß, hätte gerne etwas davon abgegeben, denn ebenso schön wie die Landschaft waren ewig die Grundstückspreise, auf denen „schwarz“ gebaut werden könnte.

Ende der „Kleinschulen“

Ein Problem, das für viele Jahre Unruhe und Proteste auslöste, war das Schulwesen. Schulrätin Marianne Langen fasste es in einem Vortrag mit den Worten zusammen „Die Kleinschule hat ausgedient!“ Die Zeiten der Zwergschulen mit einem Lehrer, der in bis zu 15 Unterrichtsfächern zu lehren hatte, gehörten der Vergangenheit an. Die Schule müsse dem Wandel im öffentlichen, wie im wirtschaftlichen Leben Rechnung tragen.

Oberkreisdirektor Stieler glaubte, es werde zur Beruhigung der Eltern beitragen, wenn er versichere, alle Bemühungen dienten nur den Kindern. Für den Fall der Unbelehrbarkeit der Eltern gab der OKD auch noch zu bedenken, es sei alles geregelt und nichts mehr zu umgehen. War nichts mehr zu umgehen, so war für die Eltern und die Gemeinderäte jedoch noch viel zu erklären. Wochen und Monate stand das Thema „Schulreform“ auf der Tagesordnung. Eltern besonders bedrohter „Zwergschulen“ schlossen sich zusammen. So kam aus der Gemeinschaft von Huppenbroich, Paustenbach und Rollesbroich die Botschaft, die Schulen im Ort „verteidigen“ zu wollen.

Ein 9. Schuljahr sollte in Schwerpunkt-Dörfern eingerichtet werden. Welche Orte seien Schwerpunktorte und wer bestimme darüber? Fragen über Fragen. Sollten sogar schon ABC-Schützen von einem Dorf ins Nachbardorf gefahren werden? Wie würden diese Fahrten geregelt? In Kalterherberg einigte sich der Gemeinderat darauf, dass zumindest die Mädchen mit Schulomnibussen nach Monschau gefahren werden müssten und nicht auf die Linienbusse angewiesen sein dürften.

Dann Gemeinschafts- und Bekenntnisschulen? Es gab schließlich katholische und evangelische Eltern. Kein Argument, das nicht vorgebracht wurde. Der Lammersdorfer Gemeindevertreter Dr. Fraikin brachte die radikalste Lösung zur Sprache. Es verschlug vielen die Sprache, was Hugo Fraikin da vorschlug. Man solle in der Gemarkung „Am Gericht“ zwischen Simmerath und Imgenbroich zwei Schulgebäude errichten, auf der grünen Wiese, dort, wo im Mittelalter Gesetzesbrecher verurteilt und wohl auch hingerichtet wurden. Zwei Schulgebäude, eines als Gemeinschaftsschule und eines als Bekenntnisschule. Voraussetzung sei, dass 80 Eltern dieser Regelung zustimmten. Diese 80 haben sich nie gefunden.

Entschlossen setzte sich auch der kleine Ort Hammer zur Wehr. Schließlich, so rief man in Hammer in Erinnerung, habe man erst vor wenigen Jahren ein neues Schulgebäude erhalten, genau passend für die acht bis zwölf Schulkinder, die zuvor in dem schönen Fachwerkgebäude an der Kirche unterrichtet worden waren, dort aber ausziehen mussten, weil der für die Eifel zuständige Bundestagsabgeordnete Bernhard Günther aus Köln diese Schule zu seinem Zweitwohnsitz umbauen wollte, damit er nicht nach jedem Termin in der Eifel die Fahrt nach Köln auf sich nehmen müsse.

Die Eltern aus Hammer hatten auch die Gesundheitsbehörde eingeschaltet und es ärztlich bescheinigt bekommen, dass die Kinder gesundheitlich Schaden nehmen könnten, wenn sie für die Fahrt nach Eicherscheid oder Dedenborn an Haltestellen bei Wind und Wetter warten müssten. Die Eltern aus Hammer drohten, wenn nicht alle ihre Forderungen erfüllt würden, käme es in Hammer zu Schulstreik.

Kinder sollten entscheiden

Gefragt, welche Lösung für Hammer denn die beste wäre, wurde der Vorschlag gemacht, man solle die Kinder entscheiden lassen. Für das Verbleiben in Hammer, für Dedenborn oder für Eicherscheid. Da nun brach die Schulbehörde die Diskussion ab. Über diesen Vorschlag wollte man nicht ernsthaft diskutieren. Aber in der Bevölkerung kam Spott auf. So wurden die Eltern aus Hammer davor gewarnt, die I-Dötzchen darüber entscheiden zu lassen, wohin sie wollten. Damit würde man das Maß an Demokratie denn doch überspannen und im übrigen Gefahr laufen, dass die Kinder aus Hammer sich dafür aussprächen, gar nicht mehr zur Schule gehen zu können, sondern zu Hause bleiben zu dürfen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert