Mützenich - SPD will in Mützenich auch ein Denkmal für die Zöllner aufstellen

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SPD will in Mützenich auch ein Denkmal für die Zöllner aufstellen

Von: Andreas Gabbert
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Da ist die Kugel damals eingetreten: Der ehemalige Schmuggler Ernst Faymonville aus Kalterherberg zeigt, wo er verletzt wurde. Foto: A. Gabbert

Mützenich. Wäre die Kugel nur ein paar Zentimeter abgewichen, dann hätte sie Ernst Faymonville mitten ins Herz getroffen. Der heute 81-Jährige kann sich noch genau erinnern, wie er sich damals mit seinem Freund Richard Hammerschmidt auf den Weg nach Eupen machte.

Wie viele andere Eifeler schmuggelten auch sie nach dem Zweiten Weltkrieg massenweise Kaffee von Belgien über die grüne Grenze nach Deutschland. Faymonvilles Vater war 1942 in Stalingrad gefallen, die Mutter stand mit drei Kindern allein. Zudem musste sie sich um ihre Eltern und einen pflegebedürftigen Bruder kümmern. „Ich als Ältester musste damals sehen, dass wir was zu essen auf den Tisch bekamen“, erinnert sich Faymonville.

Mittags gegen 14 Uhr ging es los ins 20 Kilometer entfernte Eupen. Der Hinweg führte die Freunde in Konzen an der Stelle vorbei, wo heute die neue Kläranlage steht, hoch zum Bahndamm in Richtung Mützenich. Auf den Gleisen seien plötzlich Zöllner aufgetaucht. „Die stutzten und wir auch. Wir haben uns direkt umgedreht und sind abgehauen. Die Zöllner riefen, wir sollten stehen bleiben und eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer auf uns“, erzählt Faymonville. Die Kugeln hörte er pfeifen, und dann wurde es plötzlich warm an der Hand. Vom Oberarm lief das Blut herunter. Der Schmerz setzte erst Momente später ein. Der damals 18- oder 19-Jährige war getroffen.

Heute im Ausschuss

Ernst Faymonville krempelt die Arme hoch und zeigt auf die Stellen, an denen die Kugel ein- und wieder austrat. „Wenn es richtig kalt ist, kann ich die Finger bis heute nicht richtig bewegen“, sagt er und fügt mit schüttelndem Kopf hinzu: „Wir waren doch fast noch Kinder, als die auf uns geschossen haben, und den Zöllnern soll es jetzt auch noch ein Denkmal gesetzt werden. Das ist doch nicht normal.“

Was den ehemaligen Schmuggler ärgert, ist ein Antrag der SPD, der heute im Tourismus- und Kulturausschuss der Städteregion beraten wird. Als Ergänzung zu dem Schmuggler-Denkmal, das vor einem Jahr am Grenzübergang in Mützenich aufgestellt wurde, wollen die Genossen jetzt auch ein Zöllner-Denkmal errichtet sehen. Die Verwaltung soll dazu ein Konzept entwickeln. Fördermittel sollen beantragt und Sponsoren gewonnen werden.

Unzureichend aufgearbeitet

Geschichte müsse ganzheitlich betrachtet werden, findet der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Städteregionstag und ehemalige Zollbeamte, Manfred Bausch. Die Geschichten der Schmugglerzeit in der Grenzregion seien bislang nur unzureichend aufgearbeitet. „Der sozialromantische Teil ist ja ok, jeder hat ja einen Verwandten oder Bekannten vorzuweisen, der Kaffee oder Zigaretten geschmuggelt hat“, sagt Bausch. Der grenznahe Schmuggel sei eben eine Besonderheit der Region.

Dabei dürfe aber nicht außer Acht gelassen werden, „dass dieser auch Bestandteil organisierter Kriminalität von gefährlichen Banden war“. Davon seien erhebliche Gefahren ausgegangen. Todesfälle habe es auf beiden Seiten gegeben. Es müsse auch nicht für jede Berufsgruppe ein Denkmal aufgestellt werden, aber ein Schmuggler allein würde der Geschichte eben auch nicht gerecht, sagt Bausch.

„Ich hab das zuerst gar nicht ernst genommen und für einen Gag gehalten, aber das scheint wohl doch ernst gemeint zu sein“, sagt Bildhauer Klaus Gehlen aus Mützenich, der die Bronzefigur geschaffen hat. Das Denkmal sei aber nicht den schmuggelnden Personen gewidmet, sondern solle an die Zeit und die damaligen Umstände erinnern. „Deshalb wäre ein Zöllner dazu überflüssig“, sagt Gehlen. Grundsätzlich sei er aber bereit auch solch eine Figur anzufertigen.

Mützenichs Ortsvorsteherin Jacqueline Huppertz, deren Vater damals auch zu den Schmugglern gehörte, findet ein Zöllner-Denkmal unpassend. „Das geht gar nicht. Nicht in diesem Zusammenhang. Die Zöllner waren Staatsdiener. Sonst müsste man jedem Polizisten und Feuerwehrmann auch ein Denkmal setzen“, findet sie. Der Personal- und Kostenaufwand der von deutscher Seite damals an der belgischen Grenze betrieben wurde, habe ohnehin in keinerlei Verhältnis gestanden.

Es sei dem Kaffeeschmuggel zu verdanken, dass sich die Region ohne staatliche Hilfe nach dem Krieg erholt habe. Durch das Schmuggler-Denkmal seien Erinnerungen und Erzählungen wieder lebendig geworden. Viele Menschen ließen sich an dem Denkmal von touristischen Führern über diese Zeit informieren. „Wir haben hier schon vor Jahrzehnten ein Stück europäische Vereinigungsgeschichte geschrieben und bewiesen, dass menschliche Beziehungen und verwandtschaftliche Bindungen über Grenzen hinweg stärker sein können als staatlich verordnete Vorschriften und Gesetze“, sagt Huppertz.

Auch der evangelische Pfarrer Jens-Peter Bentzin aus Monschau schaltet sich in die Diskussion ein. Das ganze Leid dieser Zeit sei noch nicht wirklich aufgearbeitet, sagt Bentzin. Aus seiner Arbeit als Seelsorger wisse er, dass insbesondere die Familien der – oftmals evangelischen – Zollbeamten damals ganz erheblich unter Ausgrenzung und Anfeindungen zu leiden gehabt hätten. „Die Angst um das Leben der Väter und Ehemänner begleitete die Familien über lange Zeit.

Die Erinnerungen sind bei den Betroffenen jedenfalls auch nach langen Jahrzehnten noch sehr lebendig. Ob nun ein Denkmal das richtige Instrument ist, um die Geschichte fair und ausgewogen zu bearbeiten, möchte ich aber bezweifeln. Miteinander sprechen und die Feindbilder von damals überwinden wäre eher die Aufgabe. Jede Einseitigkeit reißt alte Wunden auf. Heilung ist die Aufgabe“, sagt der Pfarrer.

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