Roetgen: Der Windkraft geht die Puste aus

Von: Ernst Schneiders
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Den Münsterwald als intakten
Den Münsterwald als intakten Erholungswald zu erhalten, ist Ziel der Bürgerinitiative, der Natürschützer und im Bauausschuss auch der Mehrheit der Roetgener Politik. Foto: P. Stollenwerk

Roetgen. Wie man sich fühlt, wenn man alptraumhaft immer wieder dieselbe Situation durchlebt, hat Bill Murray als zynischer TV-Wetteransager in der Hollywood-Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier” eindrucksvoll dargestellt.

Dort gerät er am „Tag des Murmeltiers” in der US-amerikanischen Kleinstadt Punxsutawney in Pennsylvania bei einem Wetter-Ritual in eine Zeitschleife. So ähnlich war es am Dienstagabend im Roetgener Bauausschuss zum Thema Windenergie.

Kaum hatten die beiden unversöhnlichen Lager kontrovers diskutiert und sich etliche Unfreundlichkeiten an den Kopf geworfen, wurde wieder alles auf Null gestellt und der Disput begann von vorne.

Nachdem man sich alle Alternativ- und Kompromissvorschläge bei Stimmengleichheit gegenseitig abgelehnt hatte, war das Chaos komplett.

Schließlich, nach mehr als zweieinhalb Stunden zum Teil hitziger Debatte, rettete man sich in die nächste Ratssitzung. Die Verwaltung soll bis dahin alles in wohlgesetzte Worte gießen, damit das Gemeinparlament entscheiden kann.

Fukushima und Energiewende zum Trotz, Roetgen ist kein gutes Pflaster für Windkraft. Drei von der Politik ausgeguckte Areale, die als aussichtsreich galten, hatte das Büro BKR aus Aachen einer „vertieften Betrachtung” unterzogen.

Inge Ahlheim und Andrea Kranefeld kamen bei diesem Umwelt-Check zu dem Ergebnis, dass sich nur der südliche Münsterwald in Teilen als Konzentrationsfläche für Windkraft eignet. 54 Hektar böten sich dort an, der Rest sei wie das übrige Gemeindegebiet problematisch und mit hohen ökologischen Hürden versehen.

Wie die Verwaltung fochten SPD und Grüne für die Ausweisung der einzig möglichen Windkonzentrationszone, um eine Option zu wahren und möglichen Wildwuchs in der Gemeinde zu verhindern. Bei Verzicht auf eine neue Konzentrationszone könne jeder Investor seine Windmühle dorthin setzen, wo er es für machbar halte. Damit, so Bürgermeister Manfred Eis, gebe die Gemeinde ihr „planungsrechtliches Instrumentarium” aus der Hand.

Das sahen CDU, UWG und FDP grundsätzlich anders. Nicht nur für Günther Severain von den Unabhängigen ist Roetgen nach der BKR-Studie „kein guter Standort für Windkraft”. Das müsse man einfach zur Kenntnis nehmen, und nicht „etwas mitmachen, nur weil die Stadt Aachen was macht”.

Es gebe etliche andere Möglichkeiten der Gewinnung regenerativer Energien wie Photovoltaik oder Geothermie. Überdies, so Severain, seien die Pläne im Münsterwald konträr zu den Vorgaben des Umweltministeriums, das zerstörte Wälder oder ehemalige Mülldeponien als Windparks favorisiere, „und nicht intakte Waldgebiete”.

Diese Vorgaben seien so eindeutig, „da brauchen wir nicht mal einen Schwarzstorch”. Für Stephan Speitkamp (CDU) spielt auch der Bürgerwille ein entscheidende Rolle. Wenn sich 2500 bis 3000 Menschen mit ihren Unterschriften gegen einen Windpark im Münsterwald stark gemacht hätte, „dann können wir Politiker nicht so tun, als wäre nichts”.

Für SPD-Fraktionschef Klaus Jörg Onasch hatte auch diese Medaille zwei Seiten: „Ebenfalls 2500 bis 3000 Menschen haben nicht unterschrieben. Da sind bestimmt viele dabei, die einen Windpark völlig in Ordnung finden. Aber eine Bürgerinitiative pro Windpark gibt es halt nicht.”

Für Grünen-Fraktionschef Gerd Pagnia nahm die Debatte groteske Züge an: „Wir werden auf der einen Seite des Ortes auf Aachener Windräder blicken, auf der anderen Seite auf Lammersdorfer. Nur Roetgen ist wie eine Insel, wo es keine Windkraft gibt.”

Mit ihrer Mehrheit lehnten CDU, UWG und FDP die Ausweisung einer Windkonzentrationsfläche im Münsterwald ab. Damit ist das Thema Windkraft auf Roetgener Gemeindegebiet fürs Erste erledigt. Und damit war eigentlich auch der Entwurf einer Stellungnahme Makulatur, mit der die Gemeinde auf die Änderung des Flächennutzungsplanes der Stadt Aachen im Münsterwald reagieren sollte.

Man werde der Stadt Aachen allerdings keine Antwort schuldig bleiben, betonte Christdemokrat Speitkamp, denn das Verhalten der Aachener sei „nicht tolerierbar”. Als „zu positiv” geißelten CDU und UWG den Entwurf, den Bürgermeister Eis verteidigte. Man habe auch hiermit die Chancen auf die Zukunft wahren wollen. Zumal, pflichtete Dirk Meyer vom Bauamt bei, die Stadt Aachen nach wie vor gesprächsbereit sei.

Wer wisse denn jetzt, so Eis weiter, ob es nicht nach nach wenigen Jahren eine Mehrheit im Rat gebe, die im Münsterwald Windkraftanlagen errichten wolle, aus welchen Gründen dann auch immer. Einen Sinneswandel könne es auch schon früher geben, denn für abgelehnte Anträge gebe es keine Sperrfristen. Sage der Gemeinderat jetzt nein, sei die Chance ein für allemal vertan.

Die CDU wartete mit einem eigenen Entwurf auf, der die Finger in die Aachener Wunden, sprich die fehlerhaften Gutachten, legen soll, was den ungeteilten Beifall von UWG und FDP fand, im Gegensatz zu SPD und Grünen. Klaus Jörg Onasch hielt es für schlechterdings unmöglich, als Gemeinde einfach nein zu den Plänen der Nachbarkommune zu sagen. Da müsse schon substanziell etwas kommen, ohne Emotionen.

Gerd Pagnia von den Grünen warnte diejenigen im Bauausschuss, „die glauben, eine Mehrheit zu haben”, vor allzu großer Vorfreude. Das könne im Rat ganz anders laufen. Da gebe es schließlich noch Menschen, „die ihren Verstand beisammen haben”.

Heftige Kritik übte Rot-Grün auch an der Auswahl des Sachverständigen, den die Union hinzugezogen hatte. Rainer Ständer sei „kein Sachverständiger, sondern ein Bürger aus Rott”. Es sei „überaus peinlich”, wetterte Gerd Pagnia, dessen Ausarbeitungen als offizielle Stellungnahme einer Behörde zu übernehmen.

Stephan Speitkamp hatte derlei Probleme nicht: „Als Kommunalpolitiker sind wir alle kleine Lichter, die keine Ahnung haben. Deshalb sollten wir Sachverstand nutzen, und den hat Rainer Ständer. Damit blamiert man sich nicht!”

Nachdem UWG-Fraktionsvorsitzende Silvia Bourceau das Thema zügig entscheiden wollte, weil sie keinerlei Harmoniebedürfnis verspürte, musste sie sich von verschiedenen Seiten über die parlamentarischen Gepflogenheiten aufklären lassen.

Wenn eine Fraktion, in diesem Falle die SPD, noch Beratungsbedarf anmelde, sei es gute Sitte, sich auf die nächste Gelegenheit zu vertagen. Das ist die Sondersitzung des Rates am 8. Mai.

Für die Naturschützer ist der Windpark der Stadt Aachen im Münsterwald längst nicht in trockenen Tüchern. Wie am Rande der Bauausschuss-Sitzung bekannt wurde, haben die Windpark-Gegner „noch das eine oder andere Ass im Ärmel”. Für Details sei es aber noch zu früh.
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