Aachen - Reiter bedroht: Karnevalszüge (fast) ohne Pferd

Reiter bedroht: Karnevalszüge (fast) ohne Pferd

Von: Robert Esser
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Abgesattelt: Nach Drohungen vo
Abgesattelt: Nach Drohungen von angeblichen Tierschützern hat die Prinzengarde die Teilnahme ihrer Reiterstaffel am Rosenmontagszug - hier ein Bild aus dem Vorjahr - abgesagt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Hier hört der Spaß auf. Ein anonymer Anrufer hat dem Eigentümer eines Aachener Reitstalls offenbar gedroht, seinen Stall „abzufackeln”, wenn er Karnevalisten Pferde für den Rosenmontagszug zur Verfügung stellt. Der Bedrohte erstattete am Dienstag Anzeige, die Polizei ermittelt.

Prinzengarden-Kommandant Markus Bongers und der Kommandant des KK Oecher Storm, Hans-Jürgen Begas, zogen daraufhin Konsequenzen, die in der Geschichte des Öcher Fastelovvends beispiellos sind. Beide Reiterstaffeln, die seit Jahren auch Tiere aus dem betroffenen Stall nutzten, werden dieses Jahr nicht mit zwei Dutzend Pferden an den Karnevalszügen teilnehmen. „Wer weiß, wozu diese Idioten fähig sind, die solche Drohungen aussprechen?”, zeigt sich Bongers entsetzt.

„Wir können und dürfen das Risiko nicht eingehen - zum Schutz der Zuschauer, der Pferde und zu unserer eigenen Sicherheit”, sagt er. Einen Angriff vom Zugrand auf Pferd und Reiter - etwa mit Feuerwerksraketen - könne man nicht verhindern. Gleichzeitig betont Bongers: „Unser Rückzug hat nichts mit der Debatte um den Einsatz von Beruhigungsmitteln bei Pferden zu tun. Die Absage geht allein auf die Bedrohung zurück.” Vor einigen Tagen hatte bereits die Reiterkorporalschaft der Scharwache nach Anfeindungen via Internet für Eschweiler und Aachen abgesagt.

Hintergrund: Seit Wochen diskutiert die Reitsportszene über medikamentös beruhigte Pferde, die angeblich seit Jahren in Karnevalszügen unterwegs sein sollen. „Sedierung” nennen Fachleute diese Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems. Den Stein ins Rollen brachte ein - ebenfalls anonymer - Brief der selbst ernannten „Pferdefreunde der Städteregion Aachen” an das hiesige Veterinäramt. Darin fordern die unbekannten Absender den Ausschluss von Pferden bei Karnevalsumzügen aus tierschutzrechtlichen Gründen.

Angeprangert wird zudem die angeblich übliche Sedierung zur Beruhigung der Tiere im Karnevalstrubel. Der Chef-Veterinär der Städteregion, Dr. Peter Max Heyde, reagierte mit einem Schreiben an die Karnevalisten. Grundtenor: Nur trainierte Pferde dürfen sich in den närrischen Zug einreihen, Beruhigungsmittel für nervöse und unerfahrene Vierbeiner sind tabu. Dies wollte der Veterinär am Tulpensonntag und am Rosenmontag vor Ort kontrollieren und im Zweifel Blutproben nehmen. Allerdings sind sich Tiermediziner keineswegs einig, ob schwach dosierte Beruhigungsmittel Pferden überhaupt schaden können.

Für Oecher-Storm-Kommandant Begas ist die Entwicklung dramatisch: „Bei uns wird nicht sediert. Und jetzt müssen alle darunter leiden, dass einige angebliche Tierschützer durchdrehen”, klagt er. Traditionell saß sein Karnevals-Korps nicht nur am Rosenmontag im Sattel, sondern führte auch 20 Ponys im Kinderzug. „Ich habe alles abgesagt. Die Kinder haben sich ein Jahr lang auf diesen Höhepunkt am kommenden Sonntag gefreut und sind maßlos enttäuscht. Da fließen schrecklich viele Tränen”, schildert Begas.

Nur einige Kaltblüter, die für die Oecher Storm Planwagen und Kutschen ziehen, will der Kommandant zu den Karnevalszügen schicken. „Die sind naturgemäß tiefenentspannt.” Vor Hunderttausenden jecken Zuschauern reiten demnach zum Höhepunkt des Straßenkarnevals nur die Aachener Stadtreiter mit. Sie führen mit bis zu zwölf Reitern - wie immer - den Zug an. „Was hier im Namen des Tierschutzes passiert, ist das Allerletzte”, kritisiert der Vorsitzende Horst Peters. Und fügt hinzu: „In Köln und Düsseldorf sind Hunderte Pferde seit Jahrzehnten im Karneval dabei - da regt sich niemand auf.”

Die Stadtreiter, 2004 aus der Aachener Polizeireiterstaffel hervorgegangen, lassen sich nicht einschüchtern. „Unsere Pferde und Reiter sind Trubel bei Veranstaltungen gewohnt und hervorragend trainiert. Beruhigungsmittel haben wir nie gebraucht”, sagt Peters. Er hofft, dass der Aufgalopp der Stadtreiter ohne Zwischenfälle bleibt. Gelitten hat in Sachen Reiterei im Karneval bislang nur eines: der Spaß daran.
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