Nordeifel - Reichenstein: Buch über Wirtshauswesen und Trinkgewohnheiten

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Reichenstein: Buch über Wirtshauswesen und Trinkgewohnheiten

Von: P. St.
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Buchautor Hans Gerd Lauscher (re.), seine Mitstreiter und der Vorstand vom Geschichtsverein des Monschauer Landes (Ingolf Kamphausen, Franz-Wilhelm Hermanns, Dr. Elmar Neuß und Dr. Toni Offermenn, v. li.) gönnen sich einen Schnaps auf das gelungene Werk. Foto: P. Stollenwerk
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Abseits gelegene Gasthäuser wie Fringshaus luden Fuhrleute ein, um sich mit einem Schnaps aufzuwärmen.

Nordeifel. Wenn man an Gut Reichenstein in Zusammenhang mit Hochprozentigem denkt, dann kommt einem gleich der Reichensteiner Els in den Sinn. Dabei erlangte der markante Kräuterschnaps erst nach dem Zweiten Weltkrieg seinen regional hohen Bekanntheitsgrad.

100 Jahre zuvor bereits hatten der Reichensteiner Branntwein und der Reichensteiner Korn eine weitaus größere Verbreitung und auch eine deutlich höhere Produktionsquote erlangt.

Welche Bedeutung der Reichensteiner Branntwein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert besaß, wird detailliert in einem soeben erschienenen stattlichen Buch mit zahlreichen Fotos detailliert beschriebe. Autor Hans Gerd Lauscher (Ruitzhof) stellte seine jüngste Arbeit jetzt in der Rohrener Gaststätte Hermanns der Öffentlichkeit vor.

Wirtshauswesen-Kleinhandel-Tringewohnheiten im 19. Jahrhundert - Im Dunstkreis des Reichensteiner Branntweins“ lautet der Titel des Buches. Diese Neuerscheinung in der Reihe „Beiträge zur Geschichte des Monschauer Landes“ knüpft an das 2008 erschienene Buch „Der Gutshof Reichenstein. Arbeiten und Wirtschaften in der Mitte des 19. Jahrhunderts“ an und geht unter anderem folgenden Fragen nach: In welchem Umfang wurde Branntwein in Reichenstein produziert? Wo lagen die Schwerpunkte seines Vertriebs? Wie wurde der Reichensteiner Korn zu den Kunden transportiert? Welche sozialen Gruppen waren besonders anfällig für den Branntweinkonsum? Was ließen sich Gast- und Schankwirte einfallen, um den Konsum zu steigern? Inwieweit beeinflusste die Droge Branntwein Arbeitsalltag und Freizeitverhalten?

Aufschlussreiches Fässer-Konto

Der Autor rekonstruiert zunächst aus der spröden Quelle eines betrieblichen Fässer-Konto-Buches die Verbreitung und Absatzwege des Reichensteiner Kornbranntweins in den 1850er und 60er Jahren, die weit über das Monschauer Land hinausgingen. Dieses Geschäftsbuch war eine wichtige Grundlage für seine Recherchen, ließ das 800 Seiten starke Fässer-Konto doch klare Rückschlüsse auf Liefermengen und Lieferungen zu, die bis ins Ruhrgebiet reichten. Allein 80 Kunden fanden sich im Raum Eupen und circa 60 in Aachen, ebenso wurde Reichensteiner Schnaps an Rhein, Ruhr und Mosel und in die abgelegenen Dörfer des Schleidener oder Dürener Landes oder der Wallonie geliefert.

Die betriebswirtschaftliche Sicht auf Produktion, Lieferpläne und Frachtrouten wird dann wesentlich ausgeweitet durch sozialgeschichtliche Fragestellungen. So ließen bedrückende Wohnverhältnisse und Arbeitsbedingungen in den industriellen Ballungsgebieten den Branntweinkonsums sprunghaft ansteigen.

Besonders auffällige Beispiele hierfür sind Mechernich (Bleibergbau), Lendersdorf (Walzwerk), Altenberg (Zinkabbau), Malmedy (Papier- und Lederproduktion), Monschau, Imgenbroich und Eupen (Tuchindustrie).

Unter der bäuerlichen Bevölkerung auf dem Lande waren es traditionelle Trinkgewohnheiten, die den Alkoholkonsum auf einem beachtlichen Niveau hielten –dank jährlich wiederkehrender Feste wie Karneval oder Kirmes. Aber auch bei Taufen, Hochzeiten oder Begräbnissen spielte Branntwein eine wichtige Rolle. Der Autor: „Der Schnaps war die ‚Arbeiter-und-Bauern-Droge‘; es überrascht jedoch, in welchem Maße auch andere Berufsgruppen wie Pfarrer, Förster, Handwerker oder Fabrikanten mithielten.“

Zu den Verbreitern des Branntweins gehörten Kleinwarenhändler und Schenk- beziehungsweise Gastwirte. Mangels öffentlicher Räume hatten sich Wirtshäuser zu wahren Kommunikationszentren entwickelt. Wirte förderten diese Entwicklung, weil dadurch Kunden angelockt wurden. Schießwettbewerbe sollten ebenso zu Alkoholkonsum animieren wie Theateraufführungen, musikalische Darbietungen oder Soloauftritte von Unterhaltungskünstlern. Für Versteigerungen von landwirtschaftlichen Produkten und Hausrat, Verpachtungen von Maut- und Jagd-Lizenzen, für Versammlungen von Lehrern, Bienenfreunden und Patrioten stellten Wirtsleute ihre Lokalitäten gern zur Verfügung. Ärzte, Quacksalber, Uhrmacher und Fotografen mieteten sich stunden- oder tageweise bei Wirten ein und förderten damit den Umsatz. Einsam gelegene Gasthäuser profitierten vom Durst der Fuhrleute, Kutscher und Reisenden.

In seine Darstellung baut der Autor – ebenso informativ wie unterhaltsam – zahlreiche Begebenheiten und Ereignisse aus dem „Dunstkreis“ von Schnapsverkauf und -konsum ein, die auf den ersten Blick wie eine Reminiszenz an die „gute alte Zeit“ wirken könnten, wenn man die sprachlich ausgefeilte, feine Ironie übersieht, mit der wichtige Aspekte der kleinstädtischen und bäuerlichen Gesellschaft um die Mitte des 19. Jahrhunderts herausgestellt werden. Zudem werden die negativen Auswirkungen der „Branntweinpest“ (Gewalttätigkeiten, Unfälle, Suizide) nicht ausgespart, die der Autor an zahlreichen Vorkommnissen verdeutlicht. Am Beispiel von „Wirtshauswesen, Kleinhandel und Trinkgewohnheiten“ werden Einsichten in eine Lebenswirklichkeit vermittelt, die der Autor durchaus kritisch sieht. Dies geschieht jedoch an Hand anschaulicher und unterhaltsamer Vorfälle, die vor allem durch eine intensive Auswertung der zeitgenössischen Presseorgane erschlossen werden.

Das Buch umfasst 248 Seiten und ist mit 152 durchweg unveröffentlichten und sorgfältig bearbeiteten alten Ansichten reich illustriert. Meist sind es Abbildungen von Wirtshäusern, in die der „Reichensteiner“ Eingang fand.

Bilder mit Szenen aus der Alltags- und Arbeitswelt lassen Milieus lebendig werden, in denen der Branntwein präsent war oder sich sein Konsum anbahnte. Ein Kartenausschnitt des Regierungsbezirks Aachen und ein Ortsindex machen die 272 Orte, in die der „Reichensteiner“ geliefert wurde, nachvollziehbar. Tabellen mit Branntwein-Kunden und Angaben zu ihren Berufen und Aktivitäten, die den Branntwein-Konsum zu fördern versprachen, wurden zu den Altkreisen Monschau, Eupen, Malmedy, Schleiden und Düren erstellt.

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