Vossenack - Pater Peter Schorr erklärt biblischen Hintergrund des Fastens

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Pater Peter Schorr erklärt biblischen Hintergrund des Fastens

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Pater Peter möchte in der Fastenzeit öfter sein Handy zur Seite legen. Foto: Welkener

Vossenack. Keine Süßigkeiten, kein Alkohol, keine Zigaretten – mit diesen oder ähnlichen selbst auferlegten Formen des Verzichts starten heute viele in die Fastenzeit. Wie aber fastet ein Profi? Pater Peter Schorr muss es wissen. Der 65-Jährige lebt im Franziskanerkloster Vossenack.

Er ist seit zwei Wochen der Ex-Schulleiter des dortigen Franziskus-Gymnasiums und sprach in seinen ersten Tagen als Pensionär mit unserer Redakteurin Anne Welkener über modernes Fasten, das Fasten in der Bibel und darüber, worauf er selbst in den nächsten Wochen auf keinen Fall verzichten möchte.

Pater Peter, erinnern Sie sich noch ein Ihr erstes Mal fasten?

Pater Peter: Oh, nein. Wobei... doch. Da war ich, glaube ich, Erstkommunionkind. Zuhause feierten meine sieben Geschwister alle Karneval, aber ich als Erstkommunionkind durfte nicht Karneval feiern und mich nicht verkleiden. Das war sehr streng. In der Fastenzeit haben wir Kinder uns dann der Süßigkeiten enthalten. Aber die Zeiten haben sich natürlich geändert. Kinder brauchen heutzutage ja nicht mehr fasten. Vom kirchlichen Gesetz her soll man von 14 bis 60 Jahren fasten.

Also bräuchten Sie auch nicht mehr zu fasten.

Pater Peter: Nein, ich bin 65. Aber an diese Altersgrenzen hält sich ja eh keiner. Wer es ernst nimmt, der macht‘s – aber die meisten halt nicht. Das Brauchtum wird nicht gepflegt. Oft steht der Nebeneffekt des Abnehmens oder Entschlackens im Fokus und das ist auch völlig in Ordnung, aber eben nicht der eigentliche Sinn des Fastens.

Worin liegt der?

Pater Peter: So wie wir Christen Fasten verstehen, hat es seinen Ursprung im Alten Testament. Man fastete an bestimmten Schnittstellen des Lebens, um nach dem Fasten etwas Neues zu beginnen. Zum Beispiel hat Jesus 40 Tage vor seinem ersten öffentlichen Auftritt gefastet. Die Tradition kommt von ihm her. Er hat sich so vorbereitet auf seinen Dienst, das Reich Gottes zu verkünden und den Menschen den Segen Gottes zu bringen.

Wie ist Jesus mit dem Fasten umgegangen?

Pater Peter: Er selbst ging sehr frei damit um. In der Bergpredigt im Matthäusevangelium steht, dass Jesus sagte, man solle beim Fasten kein finsteres Gesicht machen wie die Heuchler, sondern die Menschen nicht merken lassen, dass man fastet. Das ist eine schöne Stelle, es lohnt sich, die mal nachzulesen. Im Matthäusevangelium findet man auch Stellen, aus denen hervorgeht, dass das Fasten auch seinen Platz im frommen Judentum hatte, um sich zu läutern, das Verhältnis zu Gott zu bedenken und neu zu starten.

Und wie ist Ihr persönlicher Blick auf das Fasten?

Pater Peter: Ich verstehe es weniger im Sinne des Verzichts, als vielmehr sich zu bereiten. Die Fastenzeit geht der Karwoche voraus. Diese 40-tägige Zeit ist die Wegstrecke, die wir zurücklegen zu Ostern hin, dem Fest unseres Glaubens. Sich darauf vorzubereiten, ist unsere erste Aufgabe.

Wie meinen Sie das?

Pater Peter: Da wird man auf der geistlichen Wegstrecke mit existenziellen Fragen konfrontiert und bedenkt noch mal neu: Welchen Sinn hat mein Leben? Wo geht es lang? Welche Orientierung will ich ihm geben? Diese Neuorientierung kann nur von Gott herkommen. Das ist im tiefsten Sinne ein geistliches Ereignis. Aber ich sehe auch ganz klar zwei moderne Aspekte des Fastens.

Welche sind das?

Pater Peter: Zunächst: Auf das eine oder andere verzichten, sich beim Essen einschränken oder mit liebgewonnenen Gewohnheiten aufräumen – zum Beispiel weniger am Handy oder Computer zu sein. Das ist die beste Zeit, um „online out“ zu sein und sich eine Pause und damit mehr Freiheit zu gönnen. Außerdem kann man die Fastenzeit gut nutzen, um weniger über andere zu sprechen und mehr mit ihnen. Das ist ein Punkt, den ich mir auch vornehme, besonders wenn ich mit jemandem im Clinch liege.

Viele Menschen verbinden fasten heutzutage mit Zwang, für Sie ist es aber eigentlich mehr Freiheit, oder?

Pater Peter: Ganz genau. Es ist ein Sichfreimachen von etwas, dass mich sklavisch an diese Welt bindet – zum Beispiel eben immer online sein zu müssen. Beim Fasten geht es darum, innerlich gelöster zu sein. Ich werde deshalb bewusst Dinge tun, mit denen ich mir ein Stück Freiheit gönne. Das kann eine Zeit der Stille sein, in der man sich der Hektik der Welt oder des Berufes entzieht.

Geht es dabei dann auch um Gott?

Pater Peter: Ja, die Andacht ist für mich ein wichtiger Teil der Fastenzeit. Ihr möchte ich mehr Raum geben und im Innersten meiner Seele Raum lassen für das Zwiegespräch mit Gott – das Gebet. Man sollte beim Fasten den Blick für Gott haben, aber auch für den Nächsten. Fasten sollte nicht des Fastens wegen gemacht werden, sondern um sein Herz zu Gott zu erheben, zu beten und den Nächsten zu lieben. Die Welt dreht sich nicht um mich, sondern um uns und für uns. Deshalb ist Solidarität so wichtig, mit denen, denen es nicht so gut geht wie uns. Deshalb sollten wir für die Armen, die Einsamen da sein und für sie etwas tun.

Welche Rolle spielt das Fasten heute noch in der Gesellschaft?

Pater Peter: Ich habe das Gefühl, im Rheinland ist Aschermittwoch fast wie ein Festtag und das Fasten wie ein achtes Sakrament. Aber grundsätzlich hat der Einfluss des Christlichen stark abgenommen. Der Glaube ist Privatsache geworden, den trägt man nicht mehr nach außen. Das finde ich schade, man gibt dem keinen Ausdruck mehr. Wo in den jungen Familien ist Gott überhaupt noch Thema? Das war in den 50er Jahren anders. Zu glauben war damals ein Akt der Öffentlichkeit, das ist alles weg. Solch wertvolle Brauchtümer wie das Fasten sind auch weggefallen. Es hat sich reduziert auf Heilfasten oder Gesundfasten.

Wie beurteilen Sie das?

Pater Peter: Das hat auch seinen Sinn, aber ich will es darauf nicht reduzieren. Das Thema Ernährung gehört auch zum Fasten. Man kann die 40 Tage nutzen, um einen Blick auf sich selbst auf den eigenen Körper zu haben. Selbst leben lernen, statt gelebt zu werden – nicht dem Diktat der Werbung zu unterliegen.

Was würden Sie jemandem raten, der zum ersten Mal fasten möchte?

Pater Peter: Wenn jemand zu mir kommt und meinen Rat sucht, würde ich anbieten, ihn zu begleiten. Ich würde mir aber nicht anmaßen, den Therapeuten oder Arzt zu machen. Was solche Themen angeht, sollte man Fachleute konsultieren, schließlich kann fasten auch schaden.

Aber für den religiösen Teil sind Sie ja Fachmann. Welche konkreten Dinge würden Sie benennen?

Pater Peter: Nächstenliebe üben! Das ist mittlerweile nicht mehr üblich, bei Jesus ging die Nächstenliebe aber sogar bis zur Feindesliebe. Gerade bei der jetzigen Atmosphäre hat das Sprengkraft. Über solche Dinge würde ich gerne mit Menschen reden, die zum ersten Mal fasten. Ich würde ihnen aber auch raten: Schalt mal Computer und Handy aus!

Worauf werden Sie denn in der kommenden Fastenzeit auf keinen Fall verzichten?

Pater Peter: Auf die Musik. Ich habe lange keine Musik mehr gehört. Dass ich das jetzt, seit meiner Pensionierung genießen darf ist ein echter Gewinn für mich. Das werde ich in der Fastenzeit nicht ablegen. Ich bin froh, dass ich es darf und mir das gönne.

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