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Naturfreunde bangen um die Rursee-Bucht

Von: Ulrich Simons
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Jöb Kersting (75) leitet seit
Jöb Kersting (75) leitet seit 52 Jahren das Jugendferienheim im Schilsbachtal. In der romantischen Bucht am Rursee soll das Ein- und Auslaufbauwerk des neuen Wasserspeicherkraftwerkes entstehen. Kersting befürchtet während des Baus das Schlimmste für Pflanzen und Tiere. Foto: Ulrich Simons

Aachen/Woffelsbach. Jürgen Bernhard Kornelius Josef Maria Kersting, Rufname „Jöb”, hat das, was man gemeinhin als Traumjob bezeichnet. Jedenfalls beschleicht den Besucher sehr schnell dieser Eindruck, wenn Jöb Kersting von seiner Arbeit in der Rursee-Bucht bei Woffelsbach erzählt, die durch das Sprossenfenster seiner Küche aussieht wie die Bonsai-Ausgabe eines norwegischen Fjordes.

Eine schmale Straße, auf der zwei Pkw mit Mühe aneinander vorbei passen, führt in wilden Kurven vom Ortseingang zum See hinunter. Am Ende der Bucht taucht am Ufer eine Handvoll Häuschen auf. Hier unten hat der 75-jährige Junggeselle mehr oder weniger sein ganzes Leben verbracht: Seit 52 Jahren ist er Leiter des Jugendferienheimes im Schilsbachtal.

1960 hat der Eifelverein das kleine Refugium für Kindergarten- und Grundschulkinder geschaffen. Da war Jöb Kersting 23, und seitdem hält er die drei Blockhütten für die Kinder und die zwei Fachwerkhäuser für die Betreuer in Schuss, gleichermaßen beliebt bei Mensch und Tier. Fuchs und Hase, Schwäne und Enten, Haubentaucher, Eisvögel, seltene Kröten, Buntspechte, Kleiber, Meisen, Bussarde - Kerstings „Freundeskreis” ist bunt und vielfältig. „Die Kinder leben hier mit den Tieren. Die haben so viel Spaß”, erzählt er.

An das, was er auf sich und die romantische Bucht zukommen sieht, mag Jöb Kersting lieber gar nicht denken.

Markus Hakes scheint derzeit mit seinem Beruf und der Welt nicht ganz unzufrieden, denn er steht vor spannenden Aufgaben. Hakes ist Projektleiter Wasserkraftwerke bei der Aachener Firma Trianel, einem Verbund mehrerer Stadtwerke aus ganz Deutschland, die für mehr als 700 Millionen Euro am Rursee ein Wasserspeicherkraftwerk errichten wollen.

Wenn er von dem neuen Kraftwerk bei Simmerath erzählt, fallen häufig Begriffe wie „Miteinander” und „Kooperation”. Von „Bürgerbeteiligung” ist da die Rede und von „Konsens”. Radikale Positionen sind nicht sein Ding. Und so sieht er auch das „Nein”, das vor drei Wochen quer durch alle Fraktionen aus dem Heimbacher Rat kam, nicht als grundsätzliche Ablehnung, sondern eher als dringende Bitte um Nachbesserung. „Ideen. Gemeinsam. Umsetzen.” lautet das Motto von Trianel. Derzeit liegt die Betonung auf „Gemeinsam”.

Worum geht es? Weil man Strom nicht in beliebiger Menge speichern kann, wohl aber die Energieträger zu seiner Erzeugung hat man irgendwann einmal die Wasserspeicherkraftwerke erfunden. Zwei Behälter auf unterschiedlichen Höhenniveaus werden mit einer Rohrleitung verbunden, an deren Ende sich eine Turbine und ein Generator zur Stromerzeugung befinden. Den Rest macht die Schwerkraft.

Die Technik hat eigentlich nur Vorteile, vor allem, weil der Energieträger nicht im klassischen Sinn „verbraucht” wird. Sie ist hoch effizient, sie belastet nicht die Luft (wie Öl, Gas und Kohle), sie strahlt auch nicht (wie Atomkraft), und sie ist ruckzuck verfügbar: Die „Kaltstartfähigkeit” eines Wasserspeicherkraftwerkes, die Zeit vom Stillstand bis zur vollen Leistung, liegt bei fünf Minuten.

Braucht man bei Bedarfsspitzen Strom, lässt man Wasser aus dem oberen Behälter durch die Turbine in den unteren laufen. Hat man mehr Strom als aktuell benötigt wird, pumpt man das Wasser wieder zurück ins Oberbecken.

Das soll 240 Meter höher und in drei Kilometern Entfernung im „Buhlert” entstehen, einem Feld-, Wald- und Wiesengebiet an der L 246 nördlich von Simmerath-Strauch. Die Anlage wird so groß wie 80 Fußballfelder, wovon auf das Bassin mit einem Inhalt von 7,6 Millionen Kubikmetern rund 50 entfallen. Der Rursee fasst 203 Millionen Kubikmeter.

Zwei unterirdische Rohrleitungen, jeweils sechs Meter im Durchmesser, führen zur Turbinenhalle, tief im Berg und groß wie eine Kathedrale. Von dort fließt das Wasser durch den so genannten Unterwasserstollen in den Rursee. Im Schilsbachtal, ziemlich genau vor Jöb Kerstings Haustür, soll das Rohr wieder herauskommen.

Für Jöb Kerstings Ferienlager wäre das eine Katastrophe. Wenn die Bauleute 2017 nach dem Frühjahrshochwasser den Wasserstand des Rursees auf 240 Meter absenken (im trockenen Herbst 2011 lag der Pegel bei 255 Metern), wird da, wo heute noch die Wellen ans Ufer plätschern, nur noch Schlamm sein. Sechs Monate, von April bis Oktober, wollen sie das Schilsbachtal trockenlegen, um am Eingang der Bucht das Ein- und Auslaufbauwerk zu bauen.

Gebaut wird allerdings kein aus dem Wasser ragender Turm wie vielfach befürchtet, sondern ein Betonriegel am Grunde des Sees, etwa 75 Meter breit und 15 Meter hoch. Das ganze Gebilde sieht ein wenig wie ein versenkter Staubsauger aus. Hier wird das ankommende Wasser auf mehrere Auslassöffnungen verteilt und dadurch mit nur noch 0,5 Metern pro Sekunde in den See fließen.

Pegelschwankungen von mehreren Metern wie in den Modellrechnungen und wie u.a. von Touristikern und Wassersportlern befürchtet erwartet Markus Hakes dabei auch nicht: „Die Zeiten sind vorbei, in denen am Tag das ganze Becken zur Stromerzeugung geleert und nachts das Wasser zurückgepumpt wurde. Gerade weil diese Art der Energieerzeugung so flexibel ist, gibt es keine Extrembewegungen mehr.”

Und zu den Standorten der Geräte- und Materiallager, darunter auch im Schilsbachtal, sei das letzte Wort ebenfalls noch nicht gesprochen.

„Hier geht ein kleines Stück Paradies für die Kinder zu Ende”, fürchtet Jöb Kersting.

„Wir wollen einen Mehrwert für den Rursee schaffen. Aber nur, wenn alle Betroffenen damit einverstanden sind, wird das Kraftwerk auch entstehen”, sagt Projektleiter Hakes.

„Es ist davon auszugehen, dass die Regenerierung der Flächen nach Beendigung der Baumaßnahmen in einigen Jahren erfolgt”, heißt es im Umweltgutachten der Kölner Bezirksregierung.

Jöb Kersting würde es wohl anders formulieren: Das Schilsbachtal wird Jahre brauchen, bis es sich von diesem Eingriff erholt hat.
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