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Nationalparkführungen für Blinde und Taubstumme

Von: Ulrike Schwieren-Höger
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Auf der Sinnesliege kann man unter mächtigen Rotbuchen das Geheimnis des Waldes erkunden. Foto: Ulrike Schwieren-Höger

Heimbach. „Wir stehen über dem See. Er windet sich um bewaldete Hügel. Wie eine Schlange. Das Wasser glitzert in der Sonne. Segelboote lassen sich im Wind treiben.” Der Mann hat den Arm um die Schultern des Jungen gelegt und flüstert ihm ins Ohr: „Kannst Du Dir das vorstellen? Hier oben der Wald und unten der glitzernde See.” Der Junge nickt und reckt den Kopf nach vorne.

Tief atmet er die kühle Luft, spürt den Wind im Gesicht, schnuppert vermoderndes Holz und einen Hauch von Sommer. Das lässt ihn lächeln.

„Komm, wir essen etwas.” Sein Begleiter klopft ihm auf die Schultern und führt ihn vorsichtig an eine Holzbank. Papier raschelt, Flaschen werden geöffnet. Ab und zu ein Kichern, ein paar Sätze. Der Junge beißt in sein Brot. Fühlt und schmeckt.

Sehen kann er den Rursee nicht. Doch immerhin kann er hören. Und damit geht es ihm besser als einigen seiner Mitwanderer, die blind und taub sind. Unvorstellbar. Trotzdem marschieren sie heute durch den Nationalpark. Jeder mit einem Begleiter oder Assistenten an der Seite.

Auch Ranger Sascha Wilden hat einen Helfer: Dolmetscher Michael Zymelka übersetzt seine Worte für die gehörlosen Assistenten in Gebärdensprache. Und jeder Assistent leitet die Informationen an seinen taubblinden Begleiter weiter: Mit Buchstaben, die per Finger auf Handflächen getippt werden, dem Lormen.

Leuchtende Augen signalisieren Interesse: Teils in Laut-, teils in Gebärdensprache werden Fragen gestellt: „Die Menschen sind gerne hier”, sagt Sascha Wilden. „Das sieht man.” Und er hat Recht: Glückliche Gesichter, Heiterkeit, Gelöstheit verbindet die Gruppe, aber auch ein tiefes Gefühl von Verletzbarkeit: Als Radfahrer, von einigen weder gesehen noch gehört, heranpreschen, drücken die Assistenten die Wanderer sanft zur Seite - in stiller Solidarität.

Viel Vorbereitung war nötig, um diese Wanderung zu ermöglichen. Georg Cloerkes, selbst am Usher-Syndrom erkrankt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die „Dunkle Wanderung” und den „Dunklen Wettkampf” für Taubblinde zu organisieren. „Ich habe viel Erfahrung mit dem Orientierungs- und Mobilitätstraining”, lässt er wissen.

„Die meisten Taubblinden wagen es nicht, sich selbstständig zu orientieren, weil es ihnen zu gefährlich oder zu schwer erscheint. Ich möchte ihnen zeigen, was der „Wilde Kermeter” ist. Sie gewinnen Selbstbewusstsein, um den Umgang mit dem Langstock zu erlernen.” Vor allem machen sie im Wald nicht alltägliche Erfahrungen. „Der Ranger zeigte uns etwas, das wir berühren durften. Ich war erstaunt, als ich das behaarte Geweih erkannte”, erinnert sich Georg Cloerkes. „Ein Junge legte einen Käfer auf meine Hand, und ich bemerkte sofort seine kleine Hand: In der 39-köpfigen Gruppe war er das einzige Kind. Ich spürte das Gekrabbel des Käfers. Besonders interessiert habe ich mich für das Bronzemodell am Aussichtspunkt Hirschley, das ich abtasten konnte. So wurde mir bewusst, wie dieses Land aussieht. Man kann die Dörfer, Seen, Hügel oder die Spitzen der Kirchtürme entdecken.”

Von solchen „Aussichten” können viele der 4000 bis 6000 Taubblinden in Deutschland nur träumen. „An eine Wanderung wie diese ist ohne professionelle Assistenten nicht zu denken”, sagt Irmgard Reichstein. „Aber die doppelte Behinderung ist vom Gesetzgeber nicht anerkannt und damit fehlt es an Hilfe und Unterstützung.”

Mit der von ihr gegründeten Stiftung „taubblind-leben” will sie auf dieses Problem aufmerksam machen und landauf, landab um Interesse werben, bei Behörden, Medien und Behindertenverbänden.

Seit seiner Gründung war der Nationalpark Eifel für derlei Anliegen offen. Barrierefreiheit hieß das Stichwort, das in alle Überlegungen einbezogen wurde. Der Wunsch: Alle Menschen, mit oder ohne Behinderung, sollen die Natur erleben können - mithilfe geschulter Ranger, die, wenn nötig, durch Dolmetscher in Gebärdensprache unterstützt werden.

Doch damit nicht genug: Mit einem Kostenaufwand von einer Million Euro wurde der „Wilde Kermeter” geschaffen; ein 4,7 Kilometer langes Wegenetz, das auf die Bedürfnisse Behinderter abgestimmt ist: Die Wege sind rollstuhlgerecht und auch für Blinde geeignet.

Schon im Vorfeld sind behinderte Menschen in Planung und Umsetzung einbezogen worden. Pflasterstreifen auf den Kieswegen signalisieren Besonderheiten: Bänke, Schilder, Abzweigungen. Sehbeeinträchtigte Wanderer werden anhand taktiler Systeme vollständig durch das Gebiet geführt. Alle Informationen stehen in erhabener Großschrift und in Punktschrift oder akustisch zur Verfügung. Alle 250 Meter lädt eine Bank zur Rast ein. Am Start der Wanderung sind behindertengerechte Toiletten eine Selbstverständlichkeit.

Allerdings hätte Georg Cloerkes noch Verbesserungsvorschläge: „Wer gut mit dem Blindenlangstock umgehen kann, findet im barrierefreien Wilden Kermeter eine erholsame Sportanlage. Allerdings sollten die Aufmerksamkeitsfelder und die Leitstreifen ausgebessert werden, damit der Tastsinn verstärkt angesprochen wird. Die Pflastersteine müssten an allen Seiten weiter nach oben platziert sein, damit die scharfen Kanten als Bordsteine deutlicher spürbar sind.”

Trotz dieser Mängel ist die Wanderung durch den „Wilden Kermeter” für ihn ein Genuss; zumal sie auch zu ungewöhnlichen Ruhepausen einlädt: Auf so genannten Sinnesliegen wird der Nationalpark zum Traum: Liegend ruht der Wanderer unter mächtigen Rotbuchen. Das Geheimnis des Waldes wird spürbar, seine Einsamkeit, seine würzige Luft, sein Zauber, der die Seele berührt. Und den erleben auch taubblinde Menschen.

Der barrierefreie Natur-Erlebnisraum „Wilder Kermeter” ist über die Kermeter-Hochstraße (L 15) zwischen Schleiden-Gemünd/ -Wolfgarten und Heimbach-Schwammenauel zu erreichen. Vom Parkplatz führt ein Bodenleitsystem zum Ausgangspunkt des Wegenetzes am Rastplatz Kermeter.

Mit den Buslinien 231 und „Mäxchen” ist der „Wilde Kermeter” über die barrierefreie Haltestelle „Kermeter-Höhe” von Heimbacher Bahnhof beziehungsweise von Gemünd-Mitte aus zu erreichen.

Von der Haltestelle mit Leitsystem führt ein barrierefreier Fußweg bis zum Rastplatz Kermeter. Die Buslinie 231 verkehrt montags bis freitags ganzjährig, von Ostern bis Mitte Oktober auch an Wochenenden und Feiertagen. „Mäxchen” fährt an Wochenenden und Feiertagen von Mai bis Mitte Oktober.

In der Nationalparkverwaltung werden kostenlos mobile Hörverstärker ausgeliehen. Ein Faltblatt zum Wilden Kermeter ist selbstverständlich auch in Punktschrift bei der Nationalparkverwaltung erhältlich.

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