Nach der Wende: Allkauf war 1989 wie ein Schlaraffenland

Von: Julia Bäumler
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Familienglück im Westzipfel: Andy Kästner mit seiner Frau Bianca und Töchterchen Stella. Foto: Bäumler

Nordeifel. Es war im kalten Dezember, als eine Familie eine Strecke von über 500 Kilometer zurücklegte. Ihr Ziel: Rollesbroich. Andy Kästner war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt, erinnern kann er sich noch gut an das Jahr 1989. Das Jahr des Mauerfalls, und für ihn somit das Jahr des Umzugs von Halle (Saale) im Osten Deutschlands nach Rollesbroich im Westen. Dort lebten schon lange Zeit Verwandte.

 „Als ich als Kind das erste Mal den Allkauf betrat, war das für mich natürlich wie das Schlaraffenland“, erzählt der heutige Familienvater. Haribo, Coca-Cola, das alles habe er nur aus dem sonst heimlich geschauten „West-Fernsehen“ gekannt. „Ich glaube wir waren die ersten, die hier einen Trabi fuhren“, erinnert sich Kästner. Nachdem er eine Lehre zum Maler absolvierte, ist er heute Besitzer der Simmerather Kneipe „Zur Sonne“ und hat mit seiner Frau Bianca eine kleine Tochter.

Ersehnte Reisefreiheit

Der Osten ist jedoch noch nicht ganz in Vergessenheit geraten, gehört er doch zu einem Teil seines Lebens. So erinnert er sich noch gut, als mit dem Mauerfall die große Fluchtwelle kam. Er vermutet, dass sich die meisten älteren Leute von der westlichen Werbung verrückt machen ließen. Zudem hätten sich die Erwachsenen aus dem Osten nach Reisefreiheit gesehnt.

Dann habe es natürlich immer diejenigen gegeben, die „drüben“ waren und erzählten. Nachdem er schon Jahre in Westdeutschland lebt, hat es einen Urlaub – hauptsächlich aus Neugierde – gegeben, der in den Osten ging. Doch seine Erkenntnis war, dass dort nicht viel getan wurde und Geld nur in die großen Städte wie Berlin oder Leipzig gepumpt wurde. Und auch die Arbeitslosigkeit ist ihm nicht entgangen.

Damals sei vieles zu schnell gegangen und angepasst worden. 40-Jährige hätten kaum eine Chance auf einen Beruf gehabt und seien nur von Seminar zu Seminar geschickt worden. „Eigentlich zieht mich da nichts mehr hin“, ist er sich sicher. Doch auch wenn der Traum von Westdeutschland für seine Familie in Erfüllung ging, so denkt er oft an das Leben in der DDR aus der Sicht eines Kindes zurück:

„Für mich ist es zwar nicht mehr meine Heimat, aber für uns als Kinder war es schöner da drüben, da wurde viel mehr getan für die Kinder als hier“, erzählt Kästner und wirft ein, dass mittlerweile sogar die Systeme aus dem Osten wie die Offene Ganztagsschule übernommen würden. Ein paar positive Erinnerungen flammen immer wieder auf.

„Wenn man nichts mit der Stasi am Hut hatte, dann war das Leben nicht so schlecht wie es immer dargestellt wird“, erklärt er. „Was hier fehlt ist die Kameradschaft. Hier gibt es für mich keine richtigen Freundschaften“, erklärt der Kneipenbesitzer. Sein Vater zum Beispiel würde nie ein „Wessi“, wie er es noch nennt, werden. „Drüben war es nicht so schwer, da hatten alle dasselbe“, versucht er zu erklären.

In der Schule sei niemand ein Außenseiter gewesen, nur weil er andere Kleidung gehabt hätte, oder das Elternhaus mehr oder weniger Geld hatte. Auch ein „Hilfst du mir - helf ich dir“ habe es noch gegeben. „Man musste sich auch helfen“, über Kontakte ging vieles schneller. Ging die Scheibe vom Trabi kaputt, so sah man sich einer langen Wartezeit ausgesetzt. Kannte man aber jemanden in einer Autowerkstatt und hatte wie sein Vater den Beruf eines Malers, dann wurden ein paar Eimer Farbe gegen eine Scheibe getauscht.

Immer noch eine kleine Grenze

Andy Kästner zieht für sich selbst ein klares Fazit: „Ich heute würde sagen, wenn der Osten wieder so wäre wie er war, dann würde ich mich schwer mit der Entscheidung tun, wo ich wohnen wollte.“ Kästner weiß aber auch, dass diese Zeit im Osten vergangen ist. Doch eine kleine, wenn auch nicht geografisch bedingte, Grenze scheint in ihm immer noch gezogen zu sein.

Veranstalte er doch im letzten Jahr ein „Ossi-Treffen“ in seiner Kneipe. Um die 30 Leute waren gekommen, die aus ihrer Zeit in der Deutschen Demokratischen Republik erzählten und von ihrem Umzug in den Westen, in die Eifel. „Man merkt einfach, dass es andere Leute sind. Sie verstehen sich besser, und man ist unter Gleichen“, erklärt Andy Kästner.

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