Mustafas Gespür für Natur: Neue Wege im Nationalpark

Von: Elke Silberer, dpa
Letzte Aktualisierung:
naturpark
Mustafa sieht die Natur nicht mit seinen Augen, er spürt sie. Der 24-Jährige ist seit seiner Geburt blind und wandert oft durch den Nationalpark Eifel, der sich in den nächsten Jahrzehnten zur Wildnis entwickeln soll. Foto: Victoria Bonn-Meuser, dpa

Schleiden-Gemünd. Das muss man erst mal wirken lassen. „Pflanzen sind kräftige Wesen”, sagt Mustafa Ilhan freundlich. Der gemeine Wanderer stutzt. Mustafa sieht die Natur nicht mit seinen Augen, er spürt sie.

Der junge Mann ist seit seiner Geburt blind. Wie soll er einem Sehenden vermitteln, wie das ist, wenn er „Natur am eigenen Leib spürt”. Rhythmisch pendelt Mustafa den weißen Blindenstock vor seinen Füßen hin und her und geht voran.

Der 24-Jährige wandert durch den Nationalpark Eifel, der sich in den nächsten Jahrzehnten zur Wildnis entwickeln soll. Aber Wildnis darf nicht heißen, dass Menschen mit Behinderung gleich zurückschrecken - das will der Park beweisen.

Der knapp fünf Kilometer lange Wanderweg im Waldareal Kermeter am Rursee hat spezielle Markierungen, Hinweisschilder und Infotafeln in Blindenschrift. Mustafa würde sich auch alleine zurechtfinden, würde aber nie ohne Begleitung losziehen: „Das ist doch zu gefährlich”, bekennt er, ist aber in hohem Maße eigenständig unterwegs.

Dieser Weg ist das Herzstück einer Idee, die für einen Nationalpark visionär klingt. „Wäre es nicht genial, den Nationalpark allen zugänglich zu machen - Familien mit Kindern, älteren Menschen, Rolli-Fahrern, Blinden und Gehörlosen?”, beschreibt der Initiator bei der Parkverwaltung, Michael Lammertz, die Kernidee. Mit seinem barrierefreien Konzept werde der Nationalpark international beachtet, in Deutschland gilt er als touristische Modellregion.

„Die Barrierefreiheit im Tourismus ist ein junges Thema”, sagt die Sprecherin vom Tourismus NRW, Julie Sengelhoff. Sie beobachtet einen neuen Trend zu neuen barrierefreien Angeboten. Auch der Verband selbst setze sich mit dem Thema zunehmend auseinander. „Der Nationalpark ist der Vorreiter in NRW”, sagt die Verbandssprecherin.

Ranger erzählen in Gebärdensprache, sind auf speziellen Kutschen für Rollstuhlfahrer unterwegs und per Schiff auf dem Rursee. Auch die Infrastruktur in den Orten verändert sich.

Der Nationalpark warb bei Hotels und in der Gastronomie für die Idee und rannte bei der agilen Marion Müller offene Türen ein. Ihr Café „Zum alten Rathaus” in Schleiden-Gemünd gehört zu den zwölf zertifizierten barrierefreien Betrieben.

„Es war mir immer schrecklich, wenn die Rollstuhlfahrer an unserem Café vorbeifuhren”, erzählt sie. Müller ersetzte die Stufen am Eingang durch eine Rampe, das Büro wanderte in den Keller und im Parterre entstand eine Behinderten-Toilette. Die Tische haben ein Bein in der Mitte und sind etwas höher. Die 12.000 Euro Investition zahlt sich mit der Zeit aus: „Wir bekommen neue Stammkunden.”

Bei einer Schulung bekam Müller ganz persönlich eine Ahnung davon, was es heißt, behindert zu sein. Einen halben Tag lang bewegte sie sich nur im Rollstuhl. Danach trug sie eine Brille, die den grauen Star simulierte: „Für meine Verhältnisse sah ich nichts.” Jetzt weiß sie, wo es im Alltag klemmen kann.

Mustafa schreitet aus. Der Weg führt an einen prächtigen alten Baum vorbei, eine 150 Jahre alten Esche. Beschreiben macht keinen Sinn.

Lammertz führt Mustfa vom Weg ab und näher heran. Der junge Mann betastet die grobe Rinde und lacht laut auf: „Ameisen überfallen mich.” Woher er weiß, dass das Ameisen sind? „Welche Tiere sollten so schnell an meiner Hand hochkrabbeln?”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert