Monschauer Schulleiterin: Eine „Ehrenrunde” ist nicht mehr zeitgemäß

Von: Isabelle Hennes
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Bei vielen Familien leuchtet die Alarmstufe Rot, wenn ein blauer Brief ankommt. Foto: dpa

Monschau. Bei vielen Familien leuchtet in diesen Wochen die Alarmstufe Rot. Der Grund: Bald gibt es Zeugnisse - und bei manchen Schülerinnen und Schülern droht die „Ehrenrunde”.

Genau diese möchte der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes Klaus Wenzel abschaffen. Auch der Landesvorsitzende der Piraten-Partei in Nordrhein-Westfalen, Michele Marsching, nannte als konkretes Ziel seiner Partei die Abschaffung des Sitzenbleibens in der Schule. Ist die Ehrenrunde also nicht mehr zeitgemäß? Ja, sagt Liane Mertens, stellvertretende Schulleiterin der Mädchenrealschule St. Ursula in Monschau.

Reichen die Noten des Kindes für die Versetzung nicht aus, hinterlässt das oft eine Art Trauma bei den Kindern. Erfolgreich kann nur derjenige lernen, der erfährt, dass er durch Selbstdisziplin den verdienten Lohn erlangt. Ein Schüler muss einsehen, dass er durch Lernen zum Erfolg kommt. Sitzenbleiben vermittelt das aber nicht. „Sitzenbleiben bringt in den meisten Fällen einfach nichts”, sagt Liane Mertens.

Der Ansporn, es im kommenden Schuljahr aber besser zu machen, ist einfach nicht gegeben. Die Schülerinnen und Schüler ruhen sich darauf aus, dass sie den Stoff bereits zum zweiten Mal durchnehmen. „Viele denken: Ich kann das alles schon.” Das oft genannte Argument, die guten ziehen die schlechten Schüler mit, kann Liane Mertens nicht bestätigen. In der Gruppenarbeit könne das vielleicht klappen. Aber im Grunde kommt es darauf an, ob die Schüler ihren Platz in der Klasse haben. Ist die beste Freundin die Sitznachbarin oder bilden die Jungen auch im Fußballverein eine Clique. Dann ist der Ansporn, weiter in der Klasse bleiben zu wollen, fast von alleine gegeben. Andersherum hat Liane Mertens ähnliche Erfahrungen gemacht: Hat eine gute Schülerin einen Freundeskreis, in dem es nicht angesagt ist, gut in der Schule zu sein. Dann kann es passieren, dass sie abrutscht.

Rund 530 Schülerinnen werden in der Mädchenrealschule unterrichtet. Ungefähr fünf von ihnen bekommen einen sogenannten blauen Brief. „Wenn man sich die Statistiken anschaut, dann sind die Sitzenbleiber ja in den vergangenen Jahren drastisch zurück gegangen”, sagt Liane Mertens.

Das liegt zum einen an den neuen Unterrichtsmethoden und zum anderen an geänderten Bewertungsmaßstäben. Der Schwerpunkt liegt auf individueller Förderung. Wenn ein Kind eine mathematische Textaufgabe nicht lösen kann, weil es den Text nicht versteht, bedarf es keiner Förderung im Rechnen, sondern in Textverständnis beziehungsweise Lesen. Außerdem besteht die Möglichkeit, eine schlechte Note durch eine andere auszugleichen. Das gab es früher nicht.

Die Gründe für das Sitzenbleiben sind unterschiedlich: Unkonzentriertheit, Spätstarter, Überforderung oder Probleme zu Hause. „Vor allem in den Klassen fünf und sechs, der Erprobungsstufe beobachten wir die Kinder genau”, sagt Liane Mertens. Falls eine Schülerin besonders auffällt, wird ihr und ihren Eltern bereits im Laufenden Schuljahr eine Empfehlung ausgesprochen, das Schuljahr freiwillig zu wiederholen.

Mit dieser Methode hat Liane Mertens gute Erfahrungen gemacht. Denn erfolgt die Wiederholung freiwillig, ist mehr Ansporn da, als bei einer klassischen Ehrenrunde. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2009 sind Klassenwiederholungen nicht nur pädagogisch unwirksam, sondern auch teuer: In Deutschland werden jährlich 931 Millionen Euro dafür ausgegeben. Ist ein Schüler länger da, kostet er mehr.
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