Mit dem letzten Rettungsboot davongekommen

Von: Thomas Thelen
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Sind mit dem Schrecken davon g
Sind mit dem Schrecken davon gekommen: Mischa Müller (37) und seine Ehefrau Janette (27) aus Rohren in der Eifel überlebten die Schiffskata­strophe auf der „Costa Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es ist der letzte Abend an Bord auf diesem Traum von einem Schiff. Mischa Müller und seine Ehefrau Janette genießen noch einmal die einzigartige Atmosphäre an Bord der „Costa Concordia”.

Im italienischen Restaurant „Milano” tief unten im Bauch des Kreuzfahrtriesen sitzen sie beim Abendessen und lassen die vergangenen fünf Tage noch einmal an sich vorüberziehen: der Landgang auf Mallorca, die unvergesslichen Gala-Abende an Bord, das sagenhaft schöne Wetter, die nimmermüden Blicke über die Reling hinaus auf das offene Meer.

Im Oktober hatten die Müllers aus dem Eifelort Rohren geheiratet, die Hochzeitsreise auf der „Costa Concordia” sollte ein erster Höhepunkt ihres jungen Ehelebens werden. „Wir beide hatten noch nie eine Kreuzfahrt unternommen, für uns war es die klassische Traumreise, etwas, das man nicht alle Tage macht”, erinnert sich Mischa Müller (37), und man spürt, dass ihm das, was an diesem letzten Abend passieren sollte, noch deutlich nachhängt.

Als die Kartoffelsuppe kommt

Es ist gegen 21.30 Uhr. Nach der Vorspeise (Carpaccio vom Rind) trägt der Kellner gerade eine Kartoffelsuppe auf, da wird die „Costa Concordia” von einem gewaltigen Ruck erfasst. „Man sitzt da nichtsahnend beim Essen und plötzlich wird man durchgerüttelt”, sagt der gelernte Koch Müller, der sich auf das letzte Essen an Bord besonders gefreut hatte. Dass der gewaltige Ruck, der sich wie ein Aufprall anfühlte, nicht zum Unterhaltungsprogramm unter Deck gehört, ist den Gästen im selben Moment klar. „Ich wusste, dass da irgendetwas passiert war. Wir sind aber zunächst einfach sitzen geblieben, wie alle anderen Gäste an den Tischen”, erinnert sich Müller.

Doch dem ersten Schock folgt kurz darauf der nächste: Plötzlich neigt sich das Schiff zur Seite, es ist der Moment, in dem Müller endgültig begreift, dass es einen Unfall gegeben haben muss. „Als mir meine Kartoffelsuppe entgegenkam, wusste ich Bescheid. Da hat uns dann auch nichts mehr auf unseren Plätzen gehalten. Wir sind aufgesprungen und nach oben gerannt.”

Plötzlich in Todesangst

Was sich wenige Tage nach der Schiffskatastrophe wie ein halbwegs geordnetes Zeugenprotokoll liest, ist in den Momenten, in denen sich das Drama abspielt, nichts weniger als der Kampf ums Überleben. „Als ich die ersten Besatzungsmitglieder mit Rettungswesten sah, wusste ich, dass meine Frau und ich hier nur noch heil rauskommen mussten. Plötzlich war da diese Todesangst.” Und plötzlich war aus der Traumreise ein Alptraum geworden.

Panik! Es ist dieses eine Wort, das Müller immer und immer wieder in den Mund nimmt. „Niemand wusste mehr, wohin er rennen sollte, man wurde durch die Gegend geschubst, es war fast unmöglich in diesem Chaos halbwegs den Überblick zu bewahren”, beschreibt der 37-Jährige die chaotischen Zustände an Bord. Jeder habe natürlich versucht, sich selbst und seine Liebsten in Sicherheit zu bringen, ein natürlicher Reflex, kein Wunder, dass „da alles total durcheinander lief und niemand den Überblick hatte”. Gerade deshalb sei es unbegreiflich, dass es kein Krisenmanagement an Bord gegeben habe. „Wenn es Hilfe gab, dann höchstens von Seiten der unteren Dienstgrade. Von den Offizieren hat man nichts gesehen”, erinnert sich Müller, und es fällt ihm schwer, die Wut darüber zu unterdrücken. Kein Rettungsplan! Kein Krisenszenario! Das blanke Chaos!

Ein Moment ist Müller besonders in Erinnerung geblieben: „Plötzlich lief der Erste Offizier an uns vorbei. Lief durch eine Türe - und weg war er.” Ob er wie der Kapitän im wahrsten Sinne des Wortes das sinkende Schiff verlassen hat, darüber mag Müller nicht spekulieren. „Ich kann nur sagen, dass man uns in der größten Not uns selbst überlassen hat. Lediglich der für das Unterhaltungsprogramm zuständige Offizier hat versucht, zu helfen. Das war es aber auch schon. Das ist ein Skandal.”

Doch es ist nicht der einzige Skandal, der sich an diesem Abend an Bord abspielt. Während die Katastrophe ihren Lauf nimmt, werden die Passagiere über Lautsprecher aufgefordert, die Ruhe zu bewahren - es handele sich, so die Durchsage der Verantwortlichen, um elektrische Probleme. Erst als sich das Schiff zur Seite neigt, wird Alarm ausgelöst. „Viel zu spät, so etwas darf doch nicht passieren”, ereifert sich Müller. Wie er es mit seiner Frau, deren Hand er in den Minuten der Odyssee an Bord kein einziges mal mehr loslässt, letztlich in eines der Rettungsboote schafft, ist ihm im Nachhinein ein Rätsel.

Da es keine Anweisungen gibt, nimmt Müller das Heft selbst in die Hand: „Als wir endlich in einem der hoffnungslos überladenen Rettungsbote saßen, ist das Boot plötzlich zwei Meter in die Tiefe auf das Deck gestürzt. Menschen lagen übereinander, wir mitten unter ihnen, man kann sich das nicht vorstellen.” Es gelingt Müller schließlich, sich mit seiner Frau aus dieser Lage zu befreien. Weil das Schiff immer mehr in Schräglage gerät, wird es zunehmend schwerer, sich vom Deck zu retten. Mit Hilfe eines Seils gelingt den Müllers der Sprung auf ein tiefer gelegenes Deck - und von da aus der rettende Satz ins nächste Rettungsboot. „Es war das letzte Rettungsboot überhaupt”, sagt Müller, und er schweigt für einen Moment.

„Wir gehen da jetzt rein”

Was der 37-Jährige erzählt, deckt sich mit dem, was andere über das Chaos an Bord berichten. Manches liest sich sogar noch dramatischer: Nach einem Stromausfall habe zunächst eine „gespenstische Totenstille” auf dem Schiff geherrscht, sagt Peter Stenger, Chef eines Reiseveranstalters aus dem fränkischen Alzenau. Bei dem Unternehmen hatten Kunden aus Bayern und dem Rhein-Main-Gebiet die achttägige Kreuzfahrt gebucht. Die Rückkehrer erzählten Stenger von der Dramatik an Bord. Die Rettungsboote seien kurz nach dem Unglück für 45 Minuten gesperrt gewesen. Das Personal habe die Gäste daran gehindert, in die Boote zu steigen. Bis die Gäste so massiv geworden seien und das Personal zur Seite geschoben hätten. „Wir gehen da jetzt rein und lassen Sie uns runter. Wenn Sie es nicht tun, machen wir es selbst”, erzählte der Chef von Stewa-Touristik. „Die haben dann nachgegeben.”

Als die Müllers endlich aus dem Rettungsboot steigen und einen Blick zurückwerfen auf den halb gesunkenen Riesen, der wie tot im Wasser liegt, können sie ihr Glück kaum fassen. Sie sind dem Chaos entkommen. Insofern nimmt die Traumreise doch ein gutes Ende.

Von Happy End will Mischa Müller aber nichts wissen. Andere haben weniger Glück gehabt, „ich darf gar nicht darüber nachdenken, dass einige nicht überlebt haben”, sagt Müller mit leiser Stimme. Und obwohl er weiß, dass das Bild vielleicht ein bisschen zu dramatisch klingen könnte, er ja gar nicht will, dass die Geschichte, von der er erzählt, zu reißerisch wirke - am Ende sagt er doch, was diesen Abend, dieses Drama an Bord, am besten beschreibt: „Titanic der Neuzeit.” Dann könne sich sicher jeder vorstellen, was sie erlebt hätten. In etwa.
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