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Mehr als nur ein Heimatschriftsteller

Von: Peter Stollenwerk
Letzte Aktualisierung:
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Mit dem Leben und Werk des Heimat-Literaten Ludwig Mathar hat sich seine Enkelin Eva Mathar in ihrer Doktorarbeit auseinandergesetzt. Mehrfache Besuche im Wohnhaus des Schriftstellers in der Monschauer Eschbachstraße waren auch Teil der Recherchen. Foto: P. Stollenwerk
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Ludwig Mathar im Alter von 70 Jahren: Der Monschauer Kunstmaler Paul Siebertz schuf 1952 dieses ausdrucksstarke Porträt. Foto: Eva Mathar
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1926 porträtierte der bekannte Fotograf August Sander den Schriftsteller Ludwig Mathar. Foto: Eva Mathar

Rohren. „Kommet alle mit mir, ihr Wanderer, ihr Sucher, und schauet die Wunder der Heimat!“ Mit leichtem Pathos und großer Begeisterung lässt Ludwig Mathar seinen Blick über die von ihm so geliebte Eifel schweifen. Zu finden sind diese Zeilen im 1929 erschienen Frühwerk des Heimat-Literaten unter dem Titel „Wunder der Heimat“.

Der „Führer durch Montjoie und seine Umgebung“ oder auch „Brautfahrt ins Venn“ sind in der Heimat des Schriftstellers durchaus häufig zitierte Arbeiten, aber Ludwig Mathar (1882 - 1958) war viel mehr als nur ein Heimatdichter. Über 60 Werke hat er verfasst. Erzählungen, Romane, Reiseberichte und Landschaftsbeschreibungen geben Zeugnis von seiner hohen Produktivität, vor allem in den 1920er und 1930er Jahren.

Die Heimat- und Geburtsstadt Monschau würdigt ihren Ehrenbürger aber eher reserviert. Am Wohnhaus in der Eschbachstraße befindet sich eine schlichte Bronzetafel; der Eifelverein hat einen Wanderweg nach ihm benannt.

Jetzt aber bietet sich ein neuer Blick auf Ludwig Mathar: Die Enkelin des Heimatdichters, Eva Mathar, hat soeben ihre Doktorarbeit über das Leben und Werk ihres Großvaters unter besonderer Berücksichtigung des Heimatbegriffs im Wandel der Zeit fertiggestellt. „Wanderung im Kreis – Ludwig Mathars Weg in die Heimat“ lautet der Titel der rund 250 Seiten starken „Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie durch die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf“.

Eva Mathar (37), die in Köln-Engelskirchen lebt, ist die Tochter des in Köln lebenden Franz-Ludwig Mathar (80), dem jüngsten Sohn von Ludwig Mathar. Einen Großteil ihrer Arbeit hat sie in Rohren im Haus ihres Onkels Albertus Mathar verfasst. Albertus Mathar (81) ist der älteste Sohn von Ludwig Mathar.

„Mein Herz schlägt für die Eifel, und hier sind auch meine Wurzeln“, sagt Eva Mathar, womit sich auch ihr ausgeprägtes Interesse an der Person und dem Werk ihres Großvaters erklärt. Bei den Wanderungen durchs Venn mit ihrer Tante Margret habe sie „viele Inspirationen“ erhalten und sich dem Thema besonders nahe gefühlt.

Am kommenden Montag, 15. Februar, erhält sie die Urkunde der Uni Düsseldorf für ihre Doktorarbeit, an der sie rund sieben Jahre gearbeitet hat.

Die Anregung für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ludwig Mathar und seinem Werk gab im Jahr 2009 ein Vortrag von Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann aus Anlass des 50. Todestages von Ludwig Mathar. Der Hinweis der Referentin, dass für Mathar weder eine vollständige Bibliografie noch eine vollständige Biografie existiere, weckte die Neugier und den Wunsch bei Eva Mathar, ihrem Großvater einen angemessenen Stellenwert in der Literatur einzuräumen, sein vielfach bereits vergessenes Werk ausführlich vorzustellen und auch seiner gesellschaftlich-politischen Positionierung gerecht zu werden.

Bei der ersten Annäherung an das Thema stellte sie ernüchtert fest: „Die Forschungslage zu Ludwig Mathar ist desolat.“ Die vorhandene Sekundärliteratur erwies sich als eher spärlich und selten seriös. Die Autorin stellte sich also in ihrer Dissertation der Herausforderung, den sich in Mathars Werken zeigenden differenzierten Heimat- und Identitätsbegriff präzise herauszuarbeiten. Erkenntnisziel der Arbeit sollte sein, die These zu belegen, dass es bei Ludwig Mathar, der als katholisch und konservativ galt, „bestimmte unveränderliche Faktoren gibt, die dazu führen, dass er eine Landschaft als seine Heimat ansieht und sich damit identifiziert“. Er sei eben „ganz unbefangen“ mit dem Heimatbegriff umgegangen.

Eva Mathar kommt zu der Erkenntnis, dass man den Schriftsteller Ludwig Mathar dem „bürgerlichen Realismus“ zuordnen müsse. Die Einstufung als Heimatschriftsteller werde ihm bei allem Patriotismus sicherlich nicht gerecht.

Die politische Einordnung seiner Texte während der Herrschaft der Nationalsozialisten spielt in der Dissertation ebenfalls eine wichtige Rolle, wurde doch in manchen vorangegangenen Veröffentlichungen Ludwig Mathar hin und wieder eine gewisse Nähe zum NS-Regime unterstellt.

Gerade in diesem sensiblen Punkt ging es Eva Mathar um eine an objektiven Bewertungsmaßstäben orientierte Betrachtung, wohl wissend um „die Risiken und Vorteile“, die sie als Familienmitglied mitbringt.

Die Frage lautete, inwiefern „sich die zu jener Zeit herrschenden Verhältnisse auf das sich im Werk widerspiegelnde Verständnis von Heimat und Identität ausgewirkt haben“.

Ludwig Mathar gehörte der Reichsschriftkammer an und war auch bereits früh Mitglied in der NSDAP. Für die Autorin ist seine Rolle in der NS nicht leicht zu bestimmen, da sich einige Quellen widersprechen. Unzweifelhaft sei aber, „dass er tendenziell offen für ideologisch-politische Manipulationen war“. Als mögliche Erklärung für die Akzeptanz der Nazi-Ideologie sieht sie die Erziehung und militärische Ausbildung Mathars wie auch bei vielen seiner Zeitgenossen, wo das Kollektiv Vorrang gegenüber dem Individuum besaß.

In seinem Tagebuch bezeichnet Mathar seine NSDAP-Mitgliedschaft als „Zwang“, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Tagebuch „unter Umständen von ihm selbst zu seinen Gunsten geändert wurde“.

Eigentlich, sagt die Autorin, sei Ludwig Mathar „völlig unpolitisch“ und wohl mehr „ein Mitläufer“ gewesen. Dennoch findet sich in einem 1933 gemeinsam mit Eifelmaler Fritz von Wille herausgebrachten Bildband eine Textstelle mit nicht zu verleugnender nationalsozialistische Rhetorik, wenn er von „Blut und Boden“ schreibt. Andererseits gibt es schriftliche Belege, wo sich Mathar über den „Ungeist der Zeit“ auslässt.

Eva Mathar zieht am Ende dieses Kapitels das Fazit, „dass Mathar für eine kritische Sichtweise gegenüber dem NS-Regime durchaus offen war“. Ein überzeugter Nazi sei er nicht gewesen, „vielmehr ein Opportunist ohne innere Überzeugung“.

Im Anhang der Dissertation befindet sich das im Familienbesitz befindliche und jetzt erstmals vollständig veröffentlichte Tagebuch von Ludwig Mathar („Wanderung im Kreise“), das Aufzeichnungen zwischen 1897 und 1947 enthält. In Kürze soll die Doktorarbeit auch als Buch erscheinen.

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