Radarfallen Blitzen Freisteller

Kreuz im Venn: Vor dem Gebet gab es Grenzkontrollen

Von: Raimund Palm
Letzte Aktualisierung:
Der Platz vor der Lourdesgrott
Der Platz vor der Lourdesgrotte am Fuß der Richelsley lädt zum stillen Verweilen ein. Vor nunmehr 60 Jahren zog zum ersten Mal wieder nach dem Krieg eine Prozession zum „Kreuz im Venn”. Foto: R. Palm

Nordeifel. Alle, die am 1. Mai hinauf zur Richelsley wollen, um dort gemeinsam mit anderen Gläubigen Gottesdienst zu feiern, müssen sich in eine Liste eintragen.

Und: Großeltern, Tanten, Onkel und andere Verwandten, die am Sonntag danach, also am Weißen Sonntag, nach Bütgenbach, Rocherath, Elsenborn oder Küchelscheid wollen, um dort im Kreis der Familie mit einem Kind Erstkommunion zu feiern, müssen die Erlaubnis zum Grenzübertritt beantragen.

Vordrucke dafür gibt es bei der Stadtverwaltung. Zum Antrag gehören zwei Lichtbilder. Und: Die belgische Pfarre muss die Erstkommunion bescheinigen. Wichtig ist zudem noch dies: Die Verwandten aus Kalterherberg, Höfen oder Mützenich (und den übrigen Orten im Monschauer Land) dürfen höchstens 48 Stunden bei ihren Verwandten im belgischen Grenzgebiet bleiben.

Es ist das Jahr 1951: Die Grenze zwischen Deutschland und Belgien ist abgeriegelt. Wer ohne Erlaubnis und ohne Ausweis von hüben nach drüben geht, der macht sich strafbar und wird auch bestraft, wenn er erwischt wird. Das gilt auch für das „Kreuz im Venn” auf der Richelsley. Allerdings: „Die Zöllner, die hier oben Dienst machen, haben Verständnis für jene, die das Kreuz besuchen wollen, sie drücken stillschweigend beide Augen zu”, so ist Ende Juni 1950 in der Lokalzeitung zu lesen.

Anders war es im August 1948, da verweigerte die Militärregierung wie schon im Jahr zuvor deutschen Pilgern den Zutritt zum „Kreuz im Venn”. Damals hatte Pfarrer Hubert Schlömer engagiert mit den belgischen Behörden verhandelt, damit 1951 eine Prozession aus Kalterherberg zur Muttergottes in der Lourdesgrotte am Fuß der Richelsley ziehen durfte. Und die erste Prozession nach dem Kriege (am 2. Mai 1951) wurde dann zu einem großen Festtag für die ganze Gemeinde.

Und heute, 60 Jahre später, da braucht sich niemand mehr in Listen einzutragen und Erlaubnisse zu beantragen, wenn er zur Kinderkommunion nach Ostbelgien will oder hinauf zur Gottesmutter an der Richelsley. Wer es nicht weiß, merkt es auch nicht: Die Richelsley ist belgisch und gehört zur Gemeinde Bütgenbach. Nichts und niemand hält die Wanderer und Pilger auf. Keine Schranke, kein Grenzposten, der nach dem Ausweis fragt oder sogar den Zutritt verwehrt. Der Weg ist frei.

Vor nunmehr 121 Jahren, also 1890, hat Pfarrer Arnoldy das Kreuz errichten lassen, zur Erinnerung an den Venn-Apostel Stefan Horrichem und als Mahnmal für den Frieden. Seither ist das Kreuz auf der Richelsley ein beliebtes Ziel für Wanderer und Pilger. Zur Tradition gehört auch der Gottesdienst am frühen Morgen des 1. Mai. Die heilige Messe beginnt um 6 Uhr, die MV Kalterherberg wird sie musikalisch gestalten. Mehrere hundert Pilger werden erwartet, darunter auch Prozessionen aus Bütgenbach und Weywertz. Nichts und niemand hält die Wanderer und Pilger auf.

Das war nicht immer so. Rund 500 Pilger aus den belgischen Ostkantonen zogen im August 1948 zur Gottesmutter an der Richelsley, doch für die Gläubigen aus Kalterherberg und Umgebung gehörte die Richelsley zur „verbotenen Zone”, zum Sperrgebiet: Die Militärregierung verweigerte den Gläubigen den Zutritt zum Ort, „wo der Frieden wohnt”, wie auf einer Tafel an der großen Buche vor der Grotte zu lesen ist. Zwei Jahre später hatte sich die Lage etwas entspannt: Allerdings durfte ein Deutscher nicht hinauf zur Richelsley pilgern.

Der Chronist berichtete: „Viele Frauen und Kinder, auch aus den Nachbarorten, waren der Prozession vorausgeeilt und fleißige Hände hatten der Grotte den schönsten Blumenschmuck der kargen Landschaft gegeben. Um die Statue der Heiligen Maria flackerten im Halbrund brennende Kerzen. Unter den alten knorrigen Tannen standen die Pilger eng zusammen.” Im Herbst 1951 zog dann abermals eine Prozession von Kalterherberg zur Richelsley, „für die Einwohner ist sie eine Zufluchtsstätte in Leid und Not”, hieß es damals im Bericht des Chronisten.

Die brennenden Kerzen und die frischen Blumen zeugen von den vielen Pilgern, die auch heute hinauf zur Richelsley ziehen, um dort Frieden, Trost und neuen Lebensmut finden.

Einst rollten Wagenzüge und Kaufleute vorbei

Vom Parkplatz an der Reichensteiner Straße (106), unweit der Norbertuskapelle vor der Rurbrücke, führt ein Pfad hinauf. Nach gut 15 Minuten ist die Richelsley erreicht. Wer es bequemer haben will, fährt zum Ruitzhof: vom Ende des Wohnplatzes führt ein Weg, kaum eine halbe Stunde weit, zur Richelsley.

Das Gestein der Richelsley - ein Konglomerat aus der Devonzeit vor rund 400 Millionen Jahren - ist auch im weiteren Umfeld der Richelsley im Untergrund verbreitet, so auf dem Pfad, der hinauf führt.

Im Mittelalter führte eine Handels- und Pilgerstraße an der Richelsley vorbei, sie durchzog das Land zwischen Rhein und Maas von Norden nach Süden. Kaum vorstellbar, dass einst Wagenzüge der Kaufleute vorbeirollten und ein endloser Strom von Pilgern unterwegs war.

Oben auf dem Gipfel der Richelsley ragt das „Kreuz im Venn”; 31 Stufen führen hinauf zum Kreuz aus Eisen, gut sechs Meter hoch und 1338 Kilogramm schwer. Pfarrer Arnoldy hat das Kreuz am 28. Juli 1890 errichten lassen - zur Erinnerung an den „Vennapostel” Stephan Horrichem (von 1639 bis 1686 Prior im Kloster Reichenstein).

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert