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„Kreuz der Verlobten”: Tragödie in der eisigen Schneewüste

Von: Raimund Palm
Letzte Aktualisierung:
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Das Kreuz der Verlobten wurde zum Gedenken an Maria Solheid und Francois Reiff errichtet, am 21. Januar 1871 sind sie bei einem Schneesturm über dem tief verschneiten Venn umgekommen. Das Kreuz ist wohl das bekannteste Vennkreuz und heute noch ein viel besuchtes Wanderziel. Foto: R. Palm

Nordeifel. Ein eisiger Schneesturm fegt über das Venn. Das raue, unbarmherzige Land fordert und findet neue Opfer. Ein junges verliebtes Paar verirrt sich, bricht erschöpft zusammen und kommt in der Schneewüste um: Franois (Franz) Reiff und Maria Josepha Solheid. Am Freitag auf den Tag genau vor 140 Jahren, am 21. Januar 1871, geschah das Drama im Venn unweit von Baraque Michel.

Ein Kreuz, aus Eichenbalken gezimmert, erinnert an das bittere Schicksal der beiden Verlobten. Das Crois des Fiances ist neben dem „Kreuz im Venn” auf der Richelsley zwischen Kalterherberg und Mützenich wohl das bekannteste Venn-Kreuz überhaupt.

Heiratspapiere besorgt

Das Hohe Venn - diese weite Landschaft aus Mooren und Sümpfen, aus Wäldern und Einöde, damals weit größer, kaum Bäume, kaum erschlossen, es hat immer wieder seine Opfer gefordert. Die vielen Kreuze im Venn erinnern an bittere Schicksale, an menschliche Tragödien wie die von Maria-Josepha Solheid und Franois Reiff, der 1849 in Bastogne geboren wurde. Maria war als Magd und Hausmädchen auf dem Hof Niezette in Haloux beschäftigt, Franois hatte Arbeit an der Gileppe-Talsperre gefunden, während dieser Zeit war er in einer Baubaracke in Bethane untergebracht. Beim Tanze auf der Kirmes in Jalhay hatten die beiden jungen Leute sich kennengelernt. Schon bald sollte die Hochzeit sein.

Gegen den eindringlichen Rat von Wirtsleuten in Jalhay machten Maria und Franois sich um die Mittagszeit auf, um in Xhoffraix, dem Geburtsort Marias, die nötigen Heiratspapiere zu besorgen.

Der rund 20 Kilometer weite Weg führte über das tief verschneite Venn, aus dem die beiden nicht mehr herauskommen sollten. Der hohe Schnee, die unpassende leichte Kleidung, die frühe Dunkelheit, die Kälte, der aufkommende Hunger - all das machte die Wanderung immer schwerer. Bald waren die Kräfte aufgebraucht. Maria Solheid bricht völlig erschöpft zusammen. Und Franois, ebenfalls fast am Ende der Kraft, kann seiner Braut nicht helfen. Er glaubt, Maria sei tot. Verzweifelt kritzelt er auf einen Zettel: Maria ist gerade gestorben, ich werde jetzt auch sterben. Franois Reiff versucht wohl noch, den Rückweg nach Jalhay zu finden, doch er verirrte sich, das Venn gab ihn nicht wieder frei.

Maria erwachte aus ihrer tiefen Ohnmacht, sieht sich allein, von ihrem Franois keine Spur. Verzweifelt rafft sie sich auf, mit letzter Kraft kämpft sie gegen den nahen Tod. Doch sie kommt nicht mehr weit, dann bricht sie abermals zusammen, erschöpft vor lauter Hunger und Kälte, etwa 250 Meter weit vom Grenzstein 151, gut 1,8 km von Baraque Michel.

Erst Wochen später gefunden

Wochen später, am 22. März 1871, ein Mittwoch, findet ein preußischer Zollbeamter, nach der Schneeschmelze zum ersten Mal auf Patrouille, am Grenzstein 151 die Leiche der 24-jährigen Maria Solheid. Eine Woche zuvor, am 13. März 1871, hatten Bauern im Bioltes-Venn nahe bei Solwaster die Leiche eines Mannes gefunden, es war der 32 Jahre alte Franois. Gut zwei Kilometer weit von seiner Verlobten Maria war er dort in der Januarnacht zusammengebrochen und verstorben. Der Schnee hatte die Leichen zugedeckt und später erst wieder freigegeben. Der Grenzstein 151 zeigte damals die Grenze zwischen Belgien und Preußen an.

Bauern aus Solwaster setzten Francois ein Kreuz, Johann Joseph Solheid hatte schon im Sommer 1871 dort ein Kreuz aufgestellt, wo seine Tochter zum ersten Mal zusammengebrochen war.

Beide Kreuze verfielen, so wurde den Verlobten 1893 am Grenzstein 151 ein gemeinsames Kreuz errichtet, 1906 wurde das Kreuz erneuert, ein drittes Kreuz folgte. Dieses Kreuz der Verlobten wurde später mutwillig zerstört, die Vennfreunde („Amis de la Fagne”) setzten dann 1984 den Verlobten zum Gedächtnis ein neues Kreuz.

Die vielen Spuren (und der Abfall) vor dem Kreuz machen deutlich, dass das „Kreuz der Verlobten”, das „Croix des Fiances auf dem Weg von Baraque Michel nach Hockai ein viel besuchtes Wanderziel ist.

Das Kreuz der Verlobten: Es hat viele Vennfreunde und Heimatkundler immer wieder angeregt, dem Schicksal der beiden Verlobten nachzuspüren, zahlreiche Aufsätze und Artikel wurden geschrieben, es wurde spekuliert und interpretiert, doch was wirklich genau geschehen ist, bleibt wohl immer ein Geheimnis. Viktor Gielen aus Raeren hat sein Vennbuch sogar nach den Verlobten benannt. „Es gibt keine Erinnerungsstätte im Venn, die so viele Wanderer anzieht wie dieser Ort, wo zwei junge, hoffnungsvolle Menschen den Tod im Schnee fanden”, schreibt Viktor Gielen.

Das Kreuz der Verlobten: Vom Parkplatz an Baraque Michel ist der Weg bis zum Kreuz am Grenzstein 151 kaum 30 Minuten weit (rund 1,8 Kilometer), er ist einfach zu finden, auch wenn kein Schild den Weg dorthin weist. Der Weg an der kleinen Fischbach-Kapelle vorbei quer durchs Venn ist leicht, er führt bequem und sicher über die Bretterstege, die in die Moorlandschaft hingebaut worden sind. Die letzten paar hundert Meter ist der Weg eine breite Waldschneise, angelegt am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Weg wird von alten Grenzsteinen gesäumt, sie erinnern daran, dass hier einst die Grenze zwischen Preußen und Belgien war. Das Kreuz, 162 Zentimeter hoch, ist aus Eichenholz gezimmert und in einem Betonsockel verankert. Nur ein paar Meter daneben, ziemlich windschief der Grenzstein 151.

Das Kreuz der Verlobten - es steht stellvertretend für die vielen Dramen, die sich im Laufe der Jahrhunderte im geheimnisvollen Hohen Venn ereignet haben.
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