Kapitän auf dem Rursee: Kindheitstraum in der Eifel erfüllt

Von: Andreas Gabbert
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Auf vielen Umwegen ist Uwe Gramann an seinem Ziel angekommen: Endlich darf der 56-Jährige ein Schiff steuern. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Helle Glockenschläge tönen über den Obersee in Einruhr, als Uwe Gramann die auf dem Steg wartenden Fahrgäste an Bord der „Seensucht“ bittet. Für Schiffe hat sich der 56-Jährige schon als kleiner Junge interessiert. Er hat sie gezeichnet, gemalt und als Modell nachgebaut.

Später einmal zur See zu fahren und eines der Schiffe zu steuern, das war der Traum des kleinen Uwes. Der Weg dorthin war ihm als Bürger der DDR aber verwehrt. Der Sohn eines Fernfahrers und einer Sekretärin wurde in Weimar geboren und wuchs dort auf.

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“, sagt Gramann. Er besuchte die Technische Oberschule und bewarb sich anschließend im Alter von 16 Jahren bei der Handelsflotte. Warum seine Bewerbung abgelehnt wurde, hat er bis heute nicht verstanden. Die Enttäuschung war damals sehr groß.

Gramann begann schließlich eine Ausbildung bei der Bahn und wurde Triebfahrzeugelektriker. „Die Lehre war knallhart. Bereut habe ich diese Entscheidung aber nie. Ich zehre heute noch davon“, erzählt Gramann während er den Elektromotor der „Seensucht“ startet.

„Wenn man in der DDR einmal Elektriker war, dann war man es das ganze Leben lang“, sagt Gramann. In seinem Fall war das anders. Knapp ein Jahr lang war er nach seiner Lehre im Bahnbetriebswerk in Erfurt beschäftigt.„Aber dann kam der große Einschnitt, der alles verändert hat.“

Gramann musste den Militärdienst antreten, und ihm wurde ein Angebot gemacht, sich zehn Jahre als Unteroffizier zu verpflichten und eine Ausbildung als Werkstattleiter zu absolvieren. Fünf Jahre lang war er in Sömmerda, 20 Kilometer von Weimar entfernt, stationiert. Anschließend arbeitete er auf Radaranlagen als Ausbilder, bis er 1988 in Ehren entlassen wurde. Die nächste Station war eine Legebatterie, in der er als Produktionsmeister arbeitete.

Wenn Gramann mit leichtem Thrüringer-Dialekt über sein Leben in der DDR berichtet, malt er nicht alles schwarz. Gerne stellt er die Qualität des Bildungssystems heraus und spricht immer wieder von „unserem System“. An die Zeit vor 25 Jahren, als die Mauer fiel und das System zusammenbrach, kann er sich noch gut erinnern. „Als ich morgens in den Betrieb kam, war niemand da, alles war leer und ich wunderte mich, was da los ist“, sagt Gramann.

Als er das Radio einschaltete und die Nachrichten hörte, dachte er an einen Scherz und an eine DDR-Fassung der Fernsehsendung „Verstehen Sie Spaß?“. Um 11 Uhr kamen die Arbeitskollegen dann mit den Bussen des Betriebes zurück. „Im Gegensatz zu mir hatten die den Fall der Mauer mitbekommen und hatten sich die Busse geschnappt, um über die Grenze nach Bad Hersfeld zu fahren“, erzählt Gramann. Die Kollegen hatten sich bereits ihr Begrüßungsgeld abgeholt und kamen mit vollen Einkaufstüten zurück in den Betrieb. Auch an diesem Tag wurden die Maschinen wieder gestartet, um die Planvorgaben zu erfüllen.

Wie sollte es weitergehen?

Von jetzt auf gleich sah die Welt für den verhinderten Seefahrer plötzlich anders aus. Wie sollte es weitergehen? Die Zukunft lag im Ungewissen. Die Elektroabteilung des Legebetriebs, in dem Gramann arbeitete, sollte aufgelöst werden.

Doch dann erhielt er ein Jobangebot eines westdeutschen Unternehmens, das sich mit Computerkassen beschäftigte. „Ich hatte nichts zu verlieren und habe spontan zugesagt“, erinnert sich Gramann. Zwei Wochen später war er schon in Fulda. Die erste Zeit war hart für ihn. „Der Freundeskreis und die Nähe zur Familie waren nicht mehr da.“

Über einige Umwege landete er 1996 schließlich in Düren Rölsdorf, wo er eine neue Heimat fand und sich mit seiner Frau und den beiden Kindern niederließ. Er knüpfte neue Kontakte, trat der Schützenbruderschaft bei, wurde im Jahr 2006 deren König und wechselte zum katholischen Glauben. „Da sah die Welt schon wieder anders aus. Aus Rölsdorf bekommt mich keiner mehr weg“, sagt Gramann entschieden.

In den folgenden Jahren lernte er im Rahmen seiner Arbeit für verschiedene Unternehmen, bei der es immer um die elektronische Steuerung von Maschinen ging, die ganze Republik kennen.

„Mein Leben war nicht langweilig und wird es auch nicht werden“, sagt Gramann, während er die „Seensucht“ über den Obersee steuert. Zur Rurseeschifffahrt ist er gekommen, weil sein Sohn eine Ausbildungsstelle suchte und eine Anzeige gelesen hatte, dass ein Schiffsführer gesucht wird.

Beim Vorstellungstermin in Schwammenauel stellte sich aber heraus, dass für diese Stelle eine abgeschlossene Berufsausbildung nötig ist. Dem Sohn wurde eine Ausbildung zum Hotelfachmann angeboten und dem Vater die Stelle als Schiffsführer. Gramann sagte spontan zu. Endlich sollte sich sein Kindheitstraum erfüllen. Jetzt musste er es nur noch seiner Frau beibringen.

Das Salz in der Suppe

Gramann ist stolz, seit drei Jahren Kapitän auf dem Rursee zu sein. Seine in vielen Berufsjahren erworbenen Kenntnisse in Elektronik und Maschinenbau kamen ihm auch hier zugute. „Welcher Kapitän kann schon behaupten, dass er sein Schiff mitgebaut hat? Das habe ich hier“, sagt Gramann. Bei der Technik der Schiffe Hand anzulegen, das ist es, was ihm Spaß macht.

Ständig etwas Neues hinzuzulernen, ist für ihn das Salz in der Suppe des Lebens. „Man muss der Sache gegenüber nur aufgeschlossen sein.“ Freunde und Verwandte hatten bei den vielen beruflichen Wechseln oft Bedenken. „Na und“, sagt Gramann und lacht, „man muss nur unbefangen rangehen.“

Botschafter der Eifel

Am Rursee will Gramann aber endgültig vor Anker gehen. „Ich liebe die Eifel und verstehe mich auf dem Schiff als ihr Botschafter“, sagt er. Die schönste Belohnung für ihn sei ein Lächeln seiner Fahrgäste. „Dann habe ich meinen Job gut gemacht.“

Im Nachhinein betrachtet er die vielen Umwege, die ihn schließlich in die Eifel geleitet haben, als „göttliche Fügung“. „Das klingt vielleicht etwas pathetisch, aber das ist so.“ Inzwischen ist die „Seensucht“ in Rurberg angekommen. Vorsichtig steuert Gramann sie an die Anlegestelle, wo er sich von seinen Fahrgästen verabschiedet. Die Fahrgäste lächeln, der Kapitän ist zufrieden.

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