Homosexuelle Liebe: Im Eifelort Dedenborn kein Problem

Von: red
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Idyllisches Dedenborn: Hier verbrachten Hans und Lambert als Paar mehr als ihr halbes Leben. Foto: Andreas Gabbert

Dedenborn. Hans ist 83 Jahre alt und schwul. Daraus hat er nie ein Geheimnis gemacht, auch nicht als es ihn in mit seinem Freund in die Eifel zog. Es war 1960, als Hans und Lambert auf einer Vespa auf dem Camping-Platz in Dedenborn ankamen.

„Hier sind wir so aufgenommen worden, wie wir uns gegeben haben”, sagt Hans während er vor seinem Haus auf der Terrasse sitzt und an seinem Kaffee nippt. Immer öfter sind die Beiden in die Eifel gekommen, nachher wöchentlich, weil sie hier zusammen sein und ihren gemeinsamen Interessen nachgehen konnten: Wandern, Schwimmen und Besichtigungstouren.

Damals lebte Hans noch bei seinen Eltern in Merkstein, Lambert bei seiner Mutter in Heerlen. Kennengelernt hatten sie sich im Herbst 1959 auf der Kirmes in Herzogenrath. Die Fahrten in die Eifel waren aber keine Flucht der frisch Verliebten. „Wir hätten auch zuhause schlafen können, unsere Eltern hätten das toleriert, aber draußen in der Natur ist es schöner, außerdem waren wir unter uns”, sagt Hans. Campingurlaub, mit Zelt oder Wohnwagen war schon immer ihr Ding. 45 Mal waren sie im Laufe der Jahre gemeinsam in Urlaub - vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer, von Dänemark bis Italien.

„Ich hatte eine schöne Kindheit”, sagt Hans und rückt die Pilotenbrille auf der Nase nochmal zurecht. Er wuchs als der zweite Sohn eines Bergmanns und einer Hausfrau in Merkstein auf. „Meine Eltern waren einfache Leute, aber belesen und politisch gebildet. Meine Mutter war weise”, sagt Hans. Schon damals spielte er lieber mit den Mädchen und kaufte sich von dem gesparten Taschengeld gerne Püppchen. Mit dem Kriegsspielzeug, das ihm sein Vater schenkte, konnte er nicht viel anfangen.

Im Laufe der Jahre wurde immer klarer, dass Hans sich zu Männern hingezogen fühlt. Für die Reaktion seines Vater ist er ihm heute noch dankbar. „Ich kann nix dafür, deine Mutter nicht und du auch nicht. Deine Geschichte ist so alt wie die Menschheit. Versuche nur, ein ordentliches Leben zu führen”, waren die Worte seines Vaters.

Auf dem Weg vom Campingplatz ins Dorf sahen sie im Juni 1970 ein Schild „Grundstück zu verkaufen”. Zuerst gab es auf dem Grundstück nur ein kleines Gartenhaus, in dem Hans heute noch seine Nähwerkstatt hat. Fünf Jahre später war aber alles geregelt. Mit Hilfe von Freunden und Bekannten hatten sich der Schneider und der Damenhutmacher ihr eigenes Haus gebaut.

Allen Vorurteilen zum Trotz wurden die Männer in der Dorfgemeinschaft aufgenommen. „Angepöbelt hat uns niemand, zumindest haben wir nichts bemerkt”, sagt Hans. „Anfangs haben insbesondere die Älteren die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen”, das hat ihnen später jemand erzählt.

Hans und Lambert haben sich nie versteckt, aber auch versucht, nicht zu provozieren. „Wir haben alle Veranstaltungen im Ort besucht - das Schützenfest, den Feuerwehrball.”

Getanzt haben sie dort aber nicht zusammen, sondern mit den Frauen der anderen Männer. „Bei euch brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen”, wurde ihnen nicht nur einmal gesagt. Sorgen, dass sie in dem kleinen Eifelort anecken könnten, haben sich Hans und Lambert auch nie gemacht. „Wir tanzten halt gern.” Es dauerte nicht lange, bis Hans die Uniformen für den Schützenverein nähte und den Nachbarn bei Bedarf die Hosen kürzte.

Vor 20 Jahren ist Hans in die SPD eingetreten, auf dem Simmerather Markt verkauft er im Namen der Partei Kuchen für den guten Zweck, er gehört zum Generationenbeirat der Gemeinde Simmerath und im Sozialausschuss der Städteregion ist er als sachkundiger Bürger vertreten.

Dass Hans in seinem Leben wenig Probleme aufgrund seiner Neigung hatte, ist für ihn nicht verwunderlich. Er kann sich wehren und nimmt kein Blatt vor den Mund. „Es kommt darauf an, wie man ist und wie man mit Menschen umgeht.” Dass andere weitaus größere Schwierigkeiten haben, offen mit ihrer Sexualität umzugehen, ist ihm durchaus bewusst. Im Vergleich zu damals sei inzwischen aber auch vieles lockerer geworden, sagt Hans. „Früher waren auch viele Dinge zwischen Mann und Frau tabu, die heute normal sind.”

Als Lambert vor fünf Jahren starb, war das für Hans ein schwerer Schlag. Die „freundschaftliche Verabschiedung” fand damals in der vollbesetzten Pfarrkirche statt und ein katholischer Priester gestaltete die Feier.

Seit diesem Jahr hat Hans wieder einen neuen Partner. An der Fleischtheke eines Supermarktes hat er den 79-jährigen Franz-Josef kennengelernt und zum Essen eingeladen. „Dann war es gelaufen.” Seitdem sind die beiden ein Paar. Das Schützenfest haben sie in diesem Jahr auch wieder besucht.

Für den ehemaligen Polier Franz-Josef, der über 50 Jahre mit einer Frau verheiratet war, war es das erste Mal. Gezeltet haben sie aber noch nicht zusammen. „Das kommt vielleicht im nächsten Jahr, dann will ich ihm Italien zeigen”, sagt der rüstige 83-Jährige. Er genießt das Leben, geht regelmäßig schwimmen und in die Sauna. Das ist besser als in der Ecke zu sitzen.”
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