„Hier wird jetzt dicht gemacht!”

Von: Peter Stollenwerk
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Von Berlin nach Einruhr: Barba
Von Berlin nach Einruhr: Barbara Wollgarten schaut sich auf ihrem Balkom alte Ansichten der Bundeshauptstadt an. Sie erlebte als Kind den Beginn des Mauerbaus in Berlin vor 50 Jahren. Foto: P. Stollenwerk

Einruhr. Wenn Barbara Wollgarten heute ihren Balkon in der Wollseifener Straße betritt und der Blick über den Kirchturm der Einruhrer Pfarrkirche St. Nikolaus und den Obersee hinauf bis zum Wolfshügel wandern lässt, dann hat sie das Gefühl von Weite und Freiheit. Das war nicht immer so.

In ihrer Kindheit erlebte die heute 60-Jährige die Enge der Stadt und eine von staatlicher Obrigkeit diktierte Begrenzung ihrer Bewegungsfreiheit.

Am 13. August 1961, heute genau vor 50 Jahren, begann das DDR-Regime damit, mitten durch die Hauptstadt Berlin eine Mauer zu ziehen, einen „antifaschistischen Schutzwall”, wie die SED-Führung propagandistisch verkündete.

Die Mauer ist seit über 20 Jahren Geschichte, aber Barbara Wollgarten kann in ihrer Erinnerung noch viele Begebenheiten abrufen, die in Verbindung mit dieser irrealen und zum Teil menschenverachtenden Zeit des kalten Krieges stehen.

Als sie als Vierjährige mit der Familie im Jahr 1955 von Wernigerode im Harz (wohin die Familie während des Krieges evakuiert worden war) wieder nach Berlin zog, dachte noch niemand das Schicksal einer geteilten Stadt. Ihr Vater, der 1950 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, hatte in der Gutssiedlung Wartenberg im Ostteil der Stadt eine Anstellung gefunden. Barbara Wollgarten erinnert sich an eine unbeschwerte Kindheit in einem ländlich geprägten Ort.

1960 starb der Vater, ein Jahr später geschah das Unfassbare. Es war der 10. August 1961, als der der Gutsverwalter Mutter und Tochter zur Flucht aufforderte: „Haut ab, hier wird jetzt dicht gemacht!”, lautete die knappe aber eindeutige Ansage.

„Das war ganz kurz vor Toreschluss”, erzählt Barbara Wollgarten, auch wenn die damals Zehnjährige nicht ganz verstand, als ihre Mutter sagte: „Nimm mal Deinen Puppenwagen, heute fahren wir zur Tante.” Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr sein.

Über den Bahnhof Friedrichstraße führte der Weg nach Westberlin, wo die meisten Verwandten lebten. Im Puppenwagen waren ein paar Habseligkeiten versteckt worden, eine bewährte Methode, die die Mutter zuvor schon häufiger erfolgreich getestet hatte.

In Neukölln fand sich Barbara Wollgarten mit ihrer Mutter wieder. „Hier gab es nichts Grünes, nur Autos, dazu nur eine kleine Wohnung”, prägte sich als erster Eindruck ein.

„Die Freunde waren weg”, und aus der Sicht des Kindes auch die Freiheit. „Der Alltag erwies sich als Überlebenskampf.” Wenige Tage später wurde mit dem Mauerbau begonnen. „Stell Dir vor, die rollen Stacheldraht aus”, erinnert sie sich noch gut an die entsetzten Reaktionen der Erwachsenen. „Ich hörte, dass Hauseingänge zugemauert wurden und Leute aus den Fenstern in der Bernauer Straße sprangen.” Andere sprangen in den Teltow-Kanal, der die Grenze bildete. Barbara Wollgarten erinnert sich, dass auf beiden Seiten des Ufers die Menschen mit Ferngläsern standen oder Verwandte sich zuwinkten.

Aber es gab auch Annehmlichkeiten im Westen, erzählt sie: „Hier gab es kein Pionierwesen und keinen Morgenappell.”

Die Freiheit hatte aber ihre Grenzen, denn ganz Berlin war isoliert. Wer die Stadt über die Transitwege verlassen wollte, musste sich oft willkürlichen Kontrollen aussetzen. „Das war verrückt und deprimierend”, erinnert sie sich. „Es wurde immer schwieriger, aus Berlin herauszukommen.” Dabei hätten anfangs die Menschen fest glaubt, dass der Sperrzaun nur eine vorübergehende Episode sei, „aber dann wurde immer mehr zugemauert, und irgendwann gehörte die Mauer zum Alltag”.

In Berlin lernte Barbara Wollgarten auch ihren späteren Ehemann Wolfgang kennen, der in Berlin beruflich tätig war. Sie lacht herzhaft bei der Erinnerung an die ersten Begegnungen, als der aus der Eifel stammende Freund stolz berichtete, dass Einruhr „das Schwungrad der Welt” sei. Wolfgang Wollgarten geriet durch seine häufigen Besuche in Berlin bald ins Visier der Staatssicherheit, und wurde als Feind des Systems erkannt.

Jahrzehnte später, als die DDR Geschichte war, ließ sich der heute 66-Jährige von der Gauck-Behörde seine 80 Seiten umfassende Akte aushändigen und konnte es kaum fassen, dass er auf Schritt und Tritt beobachtet worden und jede seiner Bewegungen aktenkundig war.

Die Beschreibung des Oberseeortes Einruhr hatte bei Barbara Wollgarten ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt. 1979 ging es mit der vierjährigen Tochter erstmals Richtung Eifel, und als der Ehemann den Wagen an den Schönen Aussicht stoppte, um den Panoramablick auf Einruhr zu präsentieren, konnte Barbara Wollgarten ihre Berliner Herkunft nicht verleugnen: „So ein Kuhkaff”, war ihr erster Gedanke.

Am Anfang fiel ihr das Landleben nicht ganz leicht, inzwischen ist der Ort ihre Heimat. Sie arbeitete im Versicherungsbüro des langjährigen Ortsvorstehers Norbert Becker und organisierte zehn Jahre lang den Rursee-Marathon.

Ein einschneidender Moment für Barbara Wollgarten war dann das Ende der Mauer im November 1989. Dieses historische Ereignis verfolgte sie im Fernsehen, auch wenn sie liebend gerne in Berlin gewesen wäre.

Einige Zeit später fuhr sie mit ihrem Mann noch einmal an die Mauer - mit einem Meißel im Gepäck. Barbara Wollgarten rückblickend: „Der Mauerfall war sehr bewegend. Es war für mich, als wäre die gesamte Kindheit auf einmal wieder da.”
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