Monschau - Helmut Clahsen: „Höfen war und ist das Paradies für mich“

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Helmut Clahsen: „Höfen war und ist das Paradies für mich“

Von: Andreas Gabbert
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Immer wieder erzählt Helmut Clahsen die Geschichte, wie er die Zeit des Nazi-Regimes als jüdisches Kind erlebte. Interessierte Zuhörer waren diesmal Schüler der Jahrgangsstufe 7 des Monschauer St. Michael-Gymnasiums. Foto: Andreas Gabbert

Monschau. Nach seiner Rechnung ist Helmut Clahsen schon über 1000 Jahre alt – 1082 Jahre um genau zu sein. Schließlich habe er als Kind einer jüdischen Mutter das 1000-jährige Reich überlebt, erläutert er in der Aula des St.-Michael-Gymnasiums in Monschau den Schülern der Jahrgangsstufe 7 nicht ohne eine Portion Humor seine Rechenweise.

Die Geschichte, die Helmut Clahsen zu erzählen hat, macht sprachlos und geht zu Herzen. „Für alle, die nicht mit dem Nationalsozialismus einverstanden waren, war es damals eine furchtbare Zeit. Wer bis dahin nicht wusste, was Vernichtung bedeutet, dem war auch nicht mehr zu helfen“, sagt Clahsen zu Beginn seines Vortrages mit voller Stimme, ein Mikrofon braucht der 82-Jährige nicht. In der Aula wird es still.

„Mama, was ist ein Judenbalg“

Mit vier Jahren hat der in 1931 Aachen geborene Helmut Clahsen zum ersten Mal erfahren, „dass ich anders war als andere Kinder“. Wie jeden Morgen wollte er noch etwas mit seiner Mutter kuscheln, als die ihm sagte: „Wenn du brav bist, dann bekommst du zu Weihnachten ein Brüderchen oder ein Schwesterchen.“ Das erzählte er wenig später aufgeregt der Nachbarin. Die nahm seinen Kopf in die Hände und sagte: „Ja ja mein Kleiner. Ein Judenbalg mehr oder weniger wird unserem geliebten Führer nichts ausmachen.“ Der Junge wusste damit nichts anzufangen, aber er hatte ein neues Wort gelernt. „Mama, was ist ein Judenbalg“, fragte er seine Mutter, die furchtbar zu weinen begann. „Ein Judenbalg musste etwas Schlimmes sein, und ich hatte das Gefühl meiner Mutter weh getan zu haben“, erinnert sich Clahsen.

Die nächste schlechte Erfahrung machte er, als er einen Roller mit luftgefüllten Reifen geschenkt bekam, auf den er besonders stolz war. Weil er aber ein „Judenbalg“ war, wurde ihm dieser schnell wieder abgenommen.

Dann stand eine Untersuchung seiner Mutter an. „Es ging um die Frage, wie aus unliebsamen Menschen etwas Nützliches herauszuholen ist“, erklärt Clahsen den Schülern. Aufgrund des Alters der Schüler will er an dieser Stelle nicht näher auf die Details eingehen. „Dafür seid ihr mir noch ein wenig zu jung“, sagt er. Nur so viel verrät er: „Die Körper der Menschen sollten als Versuchskaninchen dienen.“

Im Alter von sieben Jahren verlor er seine Mutter. Sie wurde mit Tuberkulose infiziert und kam 1939 in die so genannte „Endtherapie“. „Das hörte sich ja an, als ob sie bald gesund würde. Sie hat auch gesagt, nächstes Jahr zu Ostern wäre sie wieder zu Hause. Ob sie das geglaubt hat, weiß ich nicht“, sagt Clahsen. Die Mutter starb in einer Euthanasieklinik. „Letzlich wurde sie wie alle anderen ermordet. Rausgekommen ist keiner.“

Tante Mary sei es gewesen, die versucht habe, ihn bei den Ordensschwestern im Josefsheim in Höfen unterzubringen. An die Namen der Schwestern kann sich Clahsen noch ganz genau erinnern. Heute sind die Schwestern Elfriede, Zita, Walburga, Nothburga, Franziska und Veronika hinter der Pfarrkirche St. Michael beerdigt. Mit ihnen verbindet Clahsen viele positive Erinnerungen. Schwester Elfriede war es, die zu ihm sagte: „Jetzt machen wir dich mal schnell katholisch, damit du in Höfen zur Schule gehen kannst. Du musst keine Angst haben, die Lehrer wissen Bescheid.“

Der kleine Junge konnte erstmal nur mit dem Kopf nicken und lernte das „Vater unser“ und das „Ave Maria“ auswendig. „Höfen war und ist das Paradies für mich“, sagt Clahsen. Dort sei er das erste Mal ernst genommen worden. Es habe keine krassen Befehle gegeben. „Ok, wir Jungs haben auch schon mal eine gewatscht bekommen, wir wurden aber nie durchgedroschen, wie ich es sonst schon oft erlebt hatte“, sagt Clahsen. Noch heute zieht es ihn immer wieder nach Höfen – auch wegen der guten Erinnerung.

Dazu gehört auch die Erinnerung an den damaligen Pfarrer, der ihm im Hühnerstall Katechismus-Unterricht gab, während die Haushälterin draußen Schmiere stand. Zu diesem Pfarrer brachten ihn die Schwestern auch in einen Altarteppich gerollt, als im Josefsheim eine Razzia drohte.

Clahsen erzählt von Begegnungen mit Hitlerjungen in Monschau, von Frauen, die geholfen haben, von Schwester Zita, die einen Hitlerjungen mit der Suppenkelle K.o. geschlagen hat. Er berichtet von seiner Odyssee, von fremden Menschen, die ihn abwechselnd aufgenommen haben, von der „schlimmen Zeit“ im Kloster Merkstein, wo er wie ein Tier behandelt worden sei. Er liest aus seinem Buch, berichtet davon, wie er die Deportation seiner Großmutter erlebt hat und von den Gesprächen mit seinem Onkel Hans, der Auschwitz überlebt hat. „Wir durften Auschwitz verlassen, aber Auschwitz hat uns nie verlassen“, hält Clahsen fest. Als 14-Jähriger kehrt er im Juni 1945 aus Belgien, wo er die letzten Jahre des NS-Zeit mit seinem Bruder verbrachte, nach Aachen zurück

„Wir leben heute in einer wunderbaren Zeit. Aber woanders brennt die Welt, Menschen werden unterdrückt und dürfen ihre Meinung nicht sagen. Ihr dürft es, ihr seid die Zukunft. Haltet diese Zukunft frei von Diktatoren“, ruft er den gebannten Schülern zu.

Die dürfen anschließend Fragen stellen – und davon haben sie eine ganze Menge: „Welche Erinnerungen haben Sie an die Reichsprogromnacht? Wo haben Sie sich überall versteckt? Gab es Situationen, die für Sie schwer zu verstehen waren? Haben Sie mal Ihren Namen ändern müssen? Hatten Sie Freunde? Haben Sie einen Judenstern getragen? Sind Sie jetzt katholisch oder jüdisch? Warum sind Sie in Deutschland geblieben?“Clahsen beantwortet die Fragen alle.

Während er spricht, kommt die Erinnerung wieder hoch, die Erinnerung wird lebendig. Doch genau deshalb zieht Helmut Clahsen durch die Schulen – damit die Vergangenheit nicht vergessen wird.

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