„Haller“: Geschichten von der Magie des Verfalls

Von: Egl
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Lesung und Vernissage an ungewöhnlichem Ort: „Haller“-Herausgeberin und Künstler vor dem Eingang des Stadtarchivs (v.l.n.r.): Sebastian Schwarz, Axel Bölling, Corinna Griesbach, Salina Petra Thomas, Ruth Möbius-Hanssen, Vorlese-Assistent Daniel Fleuster. Foto: H. Egerland

Monschau. Es war kaum noch Platz im altehrwürdigen Haus am Holzmarkt, dem jetzigen Sitz des Stadtarchivs: Rund 30 Personen hatten sich eingefunden, um Fotografien und Geschichten rund um verlassene Orte zu erleben – das war das Leitthema der mittlerweile siebten Ausgabe der Monschauer Literaturzeitschrift „Haller“.

Herausgeberin Corinna Griesbach freute sich über die zahlreichen Besucher, die den Weg zum Holzmarkt gefunden hatten.

In ihrer Begrüßungsrede sprach sie die Geschichte des Gebäudes an. Die Inschrift auf der Tür weist als Entstehungsdatum das Jahr 1663 aus, 1822 findet sich das Gebäude auf einem Grundriss, es handelt sich um eines der wenigen alten Steingebäude der Monschauer Altstadt. Bis vor kurzem war es zum Teil sehr baufällig – nur notdürftig abgestützt durch Stahlträger bot es einen erbarmungswürdigen Anblick.

„Die Gefahr war da, dass dieses stattliche Haus zu einem verlassenen Ort werden könnte“, so die Autorin. „Verlassene Orte“ lautete auch das Thema der aktuellen „Haller“-Ausgabe, jener buchförmigen Zeitschrift, die in ihrem vierten Jahr Geschichten zu einer festgelegten Thematik präsentiert. Der Ort der Präsentation war also ganz bewusst gewählt: ein „wiederauferstandener Ort, der heute 800 Jahre Dokumente Monschauer Geschichte für die nachfolgenden Generationen bewahrt“.

Der junge Fotokünstler Sebastian Schwarz hatte zu der aktuellen Ausgabe die Bilder geliefert und nutzte den Ausstellungsbereich der Räumlichkeit für eine Vernissage. Seine ungewöhnlichen Bilder zeigen „menschenleere Orte, die verfallen und ein ungesteuertes Eigenleben entwickeln“, so Corinna Griesbach. Der Künstler selbst zeigte und erläuterte dem faszinierten Publikum seine Bilder in einer Diashow am Bildschirm.

Nur wenigen Künstlern gelingt es auf unverwechselbare Weise, die Magie des Verfalls zu konservieren. Die Zuschauer waren sich einig, dass man von diesem jungen Mann noch einiges hören würde. Genauso spannend wie seine Bilder ist die Art und Weise ihrer Entstehung. Als „Urban Explorer“ betritt er alte Schlösser, ausgediente Fabrikanlagen, Krankenhäuser und Kraftwerke, die vor der Öffentlichkeit verschlossen dem Verfall preisgegeben sind.

Von den Bildern inspiriert, hatten dieses Mal ungewöhnlich viele Autoren interessante Texte eingeschickt, so dass Corinna Griesbach nicht nur eine Ausgabe der Zeitschrift füllte, sondern darüber hinaus noch das erste „Haller“-Taschenbuch mit einem Umfang von mehr als 200 Seiten vorlegen konnte. Drei der Autoren waren gekommen, um den Lesern ihre Texte vorzutragen: Ruth Möbius-Hanssen, Salina Petra Thomas und Axel Bölling.

„Die Tote in St. Lambertus“, so die Geschichte von Ruth Möbius-Hanssen klingt ganz nach einer Kriminalstory – und in der Tat ist dieses Genre die Spezialität der Autorin. Diesmal jedoch erzählte sie die Geschichte einer Frau, die mit ihrem Freitod in einer dem Abriss preisgegeben Kirche diese entweiht und damit ihren Protest artikuliert. Angesichts des überall zu beobachtenden Ausverkaufs von Kirchen in der Folge des demografischen Wandels ließ die Geschichte niemanden der Anwesenden kalt.

Salina Petra Thomas führte mit dem Titel ihrer Erzählung („Nummer Dreißig“) die Zuhörer in die Irre, erwarteten sie doch, dass sich dieser auf eine Hausnummer bezöge – die Geschichte aber wird aus der Perspektive eines alten (Eifel-) Hauses erzählt, das in seinem Verfall die dreißigsten potentiellen Käufer erwartet.

Wie ein Hammerschlag wirkte die Geschichte unter dem zynischen Titel „Unser Dorf soll schöner werden“ des nordhessischen Autors Axel Bölling und ließ die Zuhörer verwirrt zurück. Ein Rollkommando räumt ein ausrangiertes Dorf aus, exekutiert dessen letzte Bewohner, bevor die Planierraupen anrücken, um es endgültig auszulöschen. Assoziationen zu Dörfern mit einer eigenen Biografie, die dem Gewinnstreben des Tagebaus weichen müssen, bis hin zum Leben und Sterben unter unmenschlichen Diktaturen waren hier möglich.

Die Premiere einer öffentlichen kulturellen Veranstaltung im Haus „Holzmarkt 5“ erwies sich jedenfalls als Glücksgriff. Nicht nur dass einige Monschauer dadurch zum ersten Mal den Weg in den Ausstellungsbereich des neuen Stadtarchivs gefunden hatten, sie nutzten darüber hinaus auch die Möglichkeit, die dort installierte Ausstellung der Bilder von Paul Voss, dem malenden Chronisten der Altstadt, zu betrachten. „So etwas muss wiederholt werden“, befand Monschaus Senfmüller Guido Breuer: „Ein solches Haus muss mit Leben gefüllt werden!“

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