Gleiche Arbeit künftig in deutlich weniger Zeit

Von: Heiner Schepp
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Mal eben feucht durchwischen -
Mal eben feucht durchwischen - damit ist es für das Reinigungspersonal in Kindertagesstätten nicht getan. Täglich muss in diesem sensiblen Bereich gründlich gereinigt werden, neben den Böden vor allem auch Nassräume und jeder Tür- und Fenstergriff, weil Krankheitserreger sich hier am wohlsten fühlen. Foto: Heiner Schepp

Simmerath. Wenn die Kinder der Integrativen Tagesstätte „Die Sonnenblume” in Simmerath morgens die Räume im Süd-Flügel des Berufskollegs stürmen, dann ist dort alles blitzeblank. Böden und Möbel glänzen, Waschbecken und Klos sind sauber, die Papierkörbe und Mülleimer leer.

Die „Heinzelmännchen”, die hinter dieser Fleißarbeit stecken, bekommen Kinder und Eltern selten bis gar nicht zu sehen. Im Falle der „Sonnenblume” sind dies Sylvia und Aziz Cerit, die hier bereits seit sieben Jahren täglich sauber machen, wenn die Kinder zu Hause und die Erzieherinnen im wohlverdienten Feierabend sind.

Kürzlich erhielt Sylvia Cerit unerwarteten Besuch, während sie die Kita-Räume in Ordnung brachte. Eine Vorarbeiterin der Osnabrücker Firma, die von der Städteregion Aachen mit der Reinigung einiger Kitas in der Nordeifel beauftragt ist, wollte von ihr unterschrieben haben, dass das Ehepaar exakt die gleiche Arbeit künftig statt in insgesamt dreieinhalb in nur zweieinhalb Stunden macht. „Das ist eine Lohnkürzung durch die Hintertür!”, ist die Mutter von zwei Kindern stinksauer, ist aber offensichtlich nur ein „Fall” von vielen.

In den Kitas Imgenbroich und Kesternich wurde dem Reinigungspersonal die zur Verfügung stehende Zeit um 15 Minuten gekürzt, für die Einrichtung in Eicherscheid hat man die Zeit der Raumpflege mal eben halbiert - von drei auf eineinhalb Stunden. „Diese Zahlen habe ich von Kolleginnen bekommen, und es ist anzunehmen, dass überall gekürzt wurde”, vermutet Sylvia Cerit.

„Das lassen wir so nicht mit uns machen”, macht sich die 43-Jährige zur Sprecherin des betroffenen Personals, weiß aber auch, dass einige Kolleginnen bereits anders auf die Kürzungsmaßnahme reagiert haben: „Zwei haben schon gekündigt, eine andere Kollegin rutscht dadurch jetzt wieder in Hartz IV”, weiß die Frau aus Huppenbroich.

Sylvia Cerit hat bei der Leiterin der Kita in Simmerath bereits um Nachsicht gebeten, dass künftig nicht mehr alles so gründlich gereinigt werden könne wie bisher. „Gerade Kindertagesstätten sind ein äußerst sensibles Feld, weil hier täglich kleine Kinder ein- und ausgehen und schnell Krankheiten übertragen werden”, berichtet die 43-Jährige.

Jeden Werktag macht sich das Ehepaar Cerit am späten Nachmittag auf den Weg nach Simmerath, wo sich jeder eine Etage vorknöpft. Fünf Toiletten, zwei Bäder, vier Waschbecken, Küche, Büro, ein großer Gruppenraum, Therapieraum, Bewegungsraum und ein großer Flur - wohlgemerkt auf jeder Etage - sind zu säubern. „Und zwar nicht nur die Böden”, erläutert Sylvia Cerit. Diese werden zuerst gesaugt und dann feucht geputzt, Fliesen, Spiegel und jeder Tür- und Fenstergriff abgewaschen und der Müll nach draußen in die Garage gebracht.

Eine Stunde und 45 Minuten standen dafür bisher für jede Etage zur Verfügung, jetzt sind es noch 75 Minuten.

„Wir machen unsere Arbeit gerne. Aber wir möchten vor allem auch die Eltern dafür sensibilisieren, was hier gerade passiert”, sagt Sylvia Cerit, die keine persönlichen Folgen befürchtet, weil sie das Thema öffentlich macht. Natürlich werde die Städteregion bzw. die Reinigungsfirma neues Personal finden, wenn die bewährten Kräfte kündigen. „Es sollte aber im Sinne der Kinder und Eltern sein, dass hier vernünftiges und zuverlässiges Personal zu einem angemessenen Preis arbeitet”, findet die 43-Jährige.

Die Städteregion Aachen hat die vom Personal beklagten Kürzungen auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt. „Im Rahmen der aktuellen Neuausschreibung für die Unterhalts- und Fensterreinigung in allen Liegenschaften der Städteregion Aachen wurde unter anderem auch die Reinigung der Kindergärten neu vergeben”, so Holger Benend von der Pressestelle, der erläutert: „Da sich in den letzten Jahren die Struktur der Kindergärten zum Beispiel durch Neu- und Anbauten geändert hatte und hier noch Altverträge aus den 1990er Jahren bestanden, war auch in diesem Bereich eine Neuausschreibung notwendig.

Hier wurde darauf geachtet, dass alle Kindergärten im Bezug auf die Reinigungszeiten gleich behandelt wurden. Es gelten somit überall gleiche Standards. Die realistisch zu schaffende sowie heute marktübliche Reinigungsleistung pro Stunde ist im Vergleich zu anderen Gebäuden der Städteregion wie Schulen, Büroflächen entsprechend nach unten angepasst, da in den Kindergärten selbstverständlich höhere hygienische Anforderungen bestehen.”

Der Anbieter, der den Auftrag erhalten habe und die Reinigung in den nächsten Jahren durchführen werde, habe das wirtschaftlichste Angebot abgegeben”, so Benend. „Der Preis war dabei aber nicht das alleinige Kriterium, sondern auch die Qualität wie verbesserte Reinigungstechnik und die Umsetzbarkeit der Reinigung waren entscheidend”, berichtet der Sprecher der Städteregion.

Von Seiten der Städteregion habe man „großen Wert darauf gelegt, dass die Reinigungskräfte die geforderte Leistung erbringen können und entsprechend bezahlt werden”, so die offizielle Stellungnahme der Städteregion, die zu der Bewertung kommt, „dass die Leistungsvorgaben aus den Altverträgen nach den derzeitig angewandten Kriterien und nach allgemeiner fachlicher Meinung so nicht mehr haltbar sind.” Dies habe daher auch „realistische und umsetzbare Stundenreduzierungen in unterschiedlicher Höhe” zur Folge.

Großen Wert legt die Städteregion auf die Einhaltung der aktuell gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne von zur Zeit 8,82 Euro/Stunde und ab Januar 2013 9,00 Euro/Stunde. „Dies und auch die Leistung der Firma wird seitens der Städteregion im Rahmen eines neuen Kontrollsystems laufend überprüft werden”, kündigt der Pressesprecher an.

Zur Zeit führe die Reinigungsfirma noch vereinzelt Gespräche mit Reinigungskräften durch, da hier noch gültige Altverträge bestünden, so Holger Benend.
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