Gestaltgutachten: An den Segeln erhitzen sich die Gemüter

Von: Günther Sander
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Projektleiter Stefan Krapp brachte den Bürgerinnen und Bürgern die Ziele und Vorstellungen des Gutachtens näher. Foto: Günther Sander
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Professor Rolf Westerheide diskutierte kontrovers mit Roetgener Bürgern auf dem „heißen Stuhl“ über die Ergebnisse des Gutachtens.

Roetgen. Was die rund 200 interessierten Bürger im Bürgersaal als Ergebnis des Gestaltgutachtens über Ziele und Planungen in der Gemeinde Roetgen vorgestellt bekamen, entsprach in keinster Weise ihren Wünschen und Vorstellungen. Von Fehlern, Fehlplanungen, baulichen Sünden, Verschandelungen des Ortes war die Rede, nur Vorteile seien nicht erkennbar.

Es dürfe nichts entstehen, was man nicht wolle. Fazit: „Roetgen darf nicht am Wachstum scheitern!“ Bürgermeister Jorma Klauss sagte bei der Begrüßung, in Sachen Ortsgestaltung habe sich viel bewegt. Jetzt gehe es darum, wie Roetgen in Zukunft aussehen soll. Heute wolle man nicht über Bebauungspläne sprechen, sondern zuhören. Auch die Regionalplanung sei für die Gemeinde wichtig.

Das vorliegende Gutachten, ein umfangreicher Wälzer, so Professor Rolf Westheide von der RWTH Aachen, sei ein erster Schritt auf dem zukünftigen Weg. Man haben eine Bestandsaufnahme gemacht. Ziel müsse es sein, neues Bauen und Entwicklungen zu ermöglichen, wobei es gestalterische Prämissen zu berücksichtigen gelte. „Wir haben den Rahmen gesetzt, wie es weiter gehen soll. Sie dürfen und können uns kritisieren“, ermunterte Rolf Westerheide.

Sorgen und Bedenken

Dieser vorgezeichnete Weg dürfte ein sehr steiniger werden, wenn es nach dem Willen der Bürgerinnen und Bürger geht, wie die kontrovers geführte Diskussion ergab. Da wurde mächtig Dampf aus dem Kessel gelassen, erhitzte Gemüter brachten ihre Sorgen und Bedenken auf dem „heißen Stuhl“ in vier Minuten – so die vorgegebene Zeit – in Richtung RWTH-Team, das keinen leichten Stand an diesem Abend hatte, zum Ausdruck. Für Verwaltung und Politik gab es an diesem Abend eine Menge zu registrieren und festzuhalten.

Die Dorfstruktur mache den Ort attraktiv, das müsse auch so bleiben. Wichtig sei es zudem, alte Bausubstanz zu erhalten. Gewünscht wird ein „Masterplan“. Westerheide wurde gefragt, ob das die „Quadratur des Kreises“ sei? Im Urlaub erfreue man sich an schönen Orten, zu Hause werde „alles kaputt gemacht“, war eine weitere Feststellung.

Norbert Langohr, Roetgener Bürger und Leiter der Baubehörde der Städteregion Aachen, möchte die Wohnqualität nicht nur erhalten, sondern steigern. Dazu gelte es, in den Randbereichen das „schöne grüne Band“ zu schützen. Richtige Bebauungspläne und ein sensibles Vorgehen seien gefragt. Es dürfe nichts entstehen, was niemand wolle. Daher wäre eine Ortssatzung empfehlenswert, um Bauen mit Augenmaß zu erreichen. Langohr musste sich aber fragen lassen, warum die Städteregion vom Roetgener Gemeinderat abgelehnte Bauvorhaben dennoch kurzerhand genehmige (alte Schreinerei an der Bundesstraße).

Schlag auf Schlag ging es auf dem „heißen Stuhl“ und im Saal rund. Mietskasernen sind vielen längst schon ein Dorn im Auge, darunter leide das Ortsbild. Vorrangig sollten vorhandene Baulücken geschlossen werden, statt grüne Flächen zu opfern. Westerheide betonte, man wolle kein „Überplaner“ sein.

Im Kernort sei die Prägung anders als in den Randgebieten. Man wünsche sich einen Prozess, der von allen getragen werde. Über Gesetze könne man diskutieren, eine Erhaltungssatzung wäre sicherlich ein „schärferes Instrument.“ Auch müsse man sich im Klaren sein, wo man etwas zulassen möchte. Er habe auch bereits über einen „Masterplan“ nachgedacht.

Bürger meinten, Roetgen brauche dringend eine „Aufenthaltsqualität“. Dazu gehöre die Aufwertung der Bundesstraße, die im derzeitigen Zustand regelrecht zum Rasen verführe. „Achten Sie auf eine landesübliche Bebauung. Sie können eine Bauordnung aufstellen, wie Sie wollen“, hieß es in Richtung Westerheide. Das vorhandene Grün müsse erhalten bleiben und Hecken unter Schutz gestellt werden.

Über die Konsequenzen aus dem Gutachten wundere man sich, Naherholungsorte seien darin nicht zu entdecken. Ratschlag: In Neubaugebieten gehe niemand spazieren, wohl aber in den Segeln. Mit diesem Stichwort war man bei einem heißen Eisen angekommen. Auf keinen Fall dürfe in diesem Bereich die Qualität zerstört werden. Viele seien nach Roetgen gezogen, weil es hier schön sei. Man habe aber Bedenken, wie es in einigen Jahren aussehen werde

. Dann sei es nicht mehr das Roetgen von heute. Wachstum dürfe nicht auf Kosten der Natur gehen, auf Kosten der Bürger, die hier wohnen. Im Bereich Segeln, Mühlenstraße, Schwerzfelder Straße sei man begeistert von Wiesen, Feldern und Wäldern. In der Mühlenstraße befinden sich drei leerstehende Häuser. „Diese sollten sie anderweitig nutzen und nicht unberührtes Land zerstören“, hieß es. Nicht auszumalen, wenn dort ein Neubaugebiet entstünde. Heute schon seien die Probleme groß, mit dem Auto von dort auf die Bundesstraße zu gelangen.

Behutsam mit Raum umgehen

Probleme auch in Rott im Bereich Hahnbruch, wo das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei. Dort habe man Landwirtschaftswege asphaltiert, denn es soll ein großes Neubaugebiet mit „Mischmasch-Bebauung“ entstehen. Wünschenswertes aus dem Gutachten würde man in Rott nicht verstehen.

Bebauungspläne seien notwendig, „um Schlimmeres zu verhindern“. Auch die vorgesehene Bebauung an der Hahner Straße wurde angesprochen. Auch hier sei eine stärkere Bebauung unerwünscht. In der Lammerskreuzstraße in Roetgen wünscht man auch weiterhin „grüne Bänder“ für den Innenbereich, dafür weniger großes Volumen auf kleinen Flächen.

„Die Stimmungslage ist ein schwieriger Weg“, weiß Professor Westerheide nur allzu gut. Man könne über alles sprechen, wichtig sei am Ende die Frage des „Wie“. Er könne gut verstehen, dass die geplante Erweiterung am Rande die Bürger „auf die Palme bringe“. Man kenne nun alle Ecken und Winkel, werde noch einmal „gut hinschauen“.

Er bekam zu hören, dass es doch die Gemeinde gewesen sei, die „umstrittene Flächen“ ausgemacht habe. Klar wurde an diesem Abend: Die große Mehrheit hat mit einer Bebauung der Segel „erhebliche Probleme“. In Rott seien die Bürger nicht gefragt und das Allgemeininteresse nicht berücksichtigt worden. Mit begrenztem Raum müsse man behutsam umgehen. Die Aufnahme ins Biotopkataster wäre empfehlenswert.

Verwunderung und Aufregung herrschte, weil in Sachen Segeln in Planungen bereits Häuser eingetragen worden seien. Für die Deutsche Glasfaser „ein gefundenes Fressen“, hieß es. Bei diesem Thema geriet der Bürgermeister in Schwierigkeiten. Man habe nur vorgeschlagen, wo eventuell Baugebiete entstehen könnten. Daher sei alles Denkbare genannt worden. Jorma Klauss erhielt den Ratschlag: Erst die betroffenen Menschen informieren, wo etwas hin soll, sie gezielt einbeziehen und mitnehmen. In Roetgen seien sie leider oftmals die „Gelackmeierten“, war nicht zu überhören. Fazit: Bebauungspläne sind „keine Allheilmittel.“

Änderung des Regionalplans

Der Fachbereichsleiter der Bauverwaltung, Dirk Meyer, schnitt als zweites, wichtiges Thema die anstehende Änderung des Regionalplans an. Dazu würde man in diesem Jahr noch mit der Bezirksregierung in Gespräche treten. „Danach sind wir schlauer.“ Er räumte ein, dass Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen worden seien. Daraus habe man etwas gelernt. Die für Hahnbruch bestehenden Planungen hätten nichts mit dem heute zur Sprache Gebrachten zu tun.

Rolf Westerheide bilanzierte, man werde auf die Anregungen und Argumente eingehen, um die beste Strategie noch einmal mit den Bürgern diskutieren zu können. Heute habe es sich um einen Zwischenstand gehandelt. Das Gutachten beschreibe und bewerte ortsbildprägende Gestaltparameter für alle drei Ortsteile. Auf dieser Grundlage werde eine gestalterische Steuerungsoption empfohlen. Anlass dazu biete der nach wie vor hohe Siedlungsdruck.

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