Simmerath - Filmreif: Reagen Dikilu und der Tanz seines Lebens

Filmreif: Reagen Dikilu und der Tanz seines Lebens

Von: Christoph Classen
Letzte Aktualisierung:

Simmerath. Es gibt sicher anspruchsvollere Genres als den Tanzfilm. Aber er findet zuverlässig seine Zuschauer. In den Videotheken besetzt er nicht zufällig ganze Regale, die neueren Produktionen tragen Namen wie „Save the Last Dance”, „Fame” oder „Step Up 3D”.

Und da sind natürlich die Klassiker „Saturday Night Fever”, „Dirty Dancing”, kennt man ja. Die Handlung ist fast immer die gleiche. Junge Menschen, problembeladen und perspektivlos, bietet sich durch den Tanz die einzige Chance auf eine bessere Zukunft. Zwischendurch gibt es ein paar dramatische Wendungen, aber am Ende gelingt der große Auftritt und alles ist gut.

Reagen Dikilu hatte seinen großen Auftritt Mitte März in Paris. Da stand er im Finale eines Wettbewerbs der „Juste Debout” heißt und bei dem sich die besten Hip-Hop-Tänzer der Welt miteinander messen, um herauszufinden, wer der Allerbeste ist. Reagan Dikilu tanzt mit seinem Partner den finalen Tanz, Gegner ist ein Team aus den USA, auf den Rängen des Stadions toben 14.000 Menschen.

In der Tanzwerkstatt in Simmerath ist niemand, als Reagan Dikilu davon erzählt. Seine Wort hallen durch den leeren Raum, der Boden ist aus hellem Holz, an den Wänden hängen große Spiegel. Reagan Dikilu schüttelt den Kopf als er über Paris und den Auftritt im Finale spricht. Als könne er das was er sagt, selbst nicht glauben.

Gegen das Team aus den USA geht es in die Verlängerung, normalerweise braucht die Jury zwei Runden, um eine Entscheidung zu fällen, diesmal gibt es eine dritte. Am Ende sind es die Tänzer aus den USA, die sich den Weltmeistertitel im Locking - einer Hip-Hop-Tanzart älter noch als der Breakdance - sichern.

Würde das Leben von Reagan Dikilu einem Drehbuch folgen, dann hätte er diese Bühne als Sieger verlassen. So wie es in den Tanzfilmen passiert. Aber die Geschichte des jungen Mannes ist echt. Gerade deswegen lohnt es, sie zu erzählen.

Sie handelt von einem Menschen, der mit zwei großen Brüder und zwei kleinen Schwestern in Aachen aufwächst. In einfachen Verhältnissen. „In sehr einfachen Verhältnissen”, korrigiert Reagan Dikilu. Er weiß gar nicht mehr, wann das mit ihm und dem Tanzen angefangen hat. „Es war einfach schon immer so, ich habe mir das nicht ausgesucht”, sagt er und es klingt, als habe er tatsächlich keine Wahl gehabt.

Einen Moment, den er nie vergessen wird, ist der, als er zum ersten Mal Michael Jackson im Fernsehen sieht. Reagan Dikilu war da vier Jahre alt, wurde längst von allen Rae genannt und hatte plötzlich ein Idol. „Boah das will ich auch können!”, fasst er die Gedanken zusammen, die im beim Anblick des Popstars durch den Kopf gingen. Wahrscheinlich hat er nie wieder jemandem derart nachgeeifert, wie Michael Jackson. Rae tanzte und tanzte und tanzte. Zuhause vor dem Spiegel, auf dem Weg zur Schule, überall.

So ging es weiter, jahrelang. Rae hatte zweifellos eine Menge Talent. Aber wie bei jeder Leidenschaft kommt auch beim Tanzen irgendwann der Punkt, an dem es zu entscheiden gilt, ob das was man macht, mehr sein kann als ein Hobby. Bei Rae stellte sich diese Frage nie. Sie war bereits beantwortet. Berufstänzer wollte er werden, um mit dem was er liebt, sein Geld zu verdienen. Eine andere Option hat er für sich nicht gesehen.

Es war eine riskante Entscheidung. Viele junge Menschen träumen den gleichen Traum wie Rae. Die Konkurrenz ist hart und irgendwann reicht auch das größte Talent nicht mehr, um mitzuhalten. Rae schlug den Weg zur Professionalität ein, trainierte täglich, Stunde um Stunde. Und plötzlich ist es die einstige Leidenschaft, die Leiden schafft.

Rae kennt diese Momente, in denen die Freude am eigenen Tun abhanden kommt. „Aber dann”, sagt er „schaue ich zurück auf den Weg, den ich bis jetzt gegangen bin.” Er war lang und steinig, aber er führte den heute 24-jährigen an sein Ziel. Vor vier Jahren las er in einem Internetforum, dass die Tanzwerkstatt Simmerath einen Breakdance-Lehrer suchte. Rae meldete sich, tanzte vor und hatte den Job. Seitdem kann er vom Tanzen leben.

„Na, Star”, begrüßt Christoph Keischgens Rae und setzt sich neben ihn auf die Bank im Tanzstudio. Rae tut so, als habe er das nicht gehört, und Keischgens, erster Vorsitzender des Vereins Tanzwerkstatt Simmerath, griemelt, weil die Begrüßung ihren Zweck erfüllt hat. Der junge Breakdancer ist verlegen und weiß nicht so recht, wohin er schauen soll.

Rae hat auf Bühnen in Großbritannien und Schweden gestanden, er hat Wettbewerbe gewonnen oder sich beachtlich geschlagen. Tausenden Zuschauer sahen ihm zu, feuerten ihn an. Und doch wirkt dieser junge Mann schüchtern und zurückhaltend. Er macht nicht viel Auflebens um sich.

Vom Gewinn der Vize-Weltmeisterschaft erfuhr Christoph Keischgens über Umwege. Weite Umwege. Rae hatte ihm noch nicht mal erzählt, dass er sich für das Turnier qualifiziert hatte. Eines Abends dann telefonierte Keischgens mit seiner Tochter, die derzeit als Au-pair-Mädchen in den USA ist. „Ach, ich wäre heute Abend gern in Paris”, sagte sie. „Warum?”, fragte der Vater. „Weil Rae doch im Finale tanzt”, sagte die Tochter. So erfuhr dann auch Keischgens von der Sache.

Demnächst ist Rae im Film „Streetdance 3D” zu sehen. Er hat das Fernseh-Casting bei einem Musiksender gewonnen. Daneben hat er sich für einen Wettbewerb in Bilbao qualifiziert. Nach Simmerath wird er weiterhin kommen. Mit dem Bus, wie er es immer macht, eine Stunde ist er unterwegs. Rae hat keinen Führerschein. Wenn er in die Zukunft schaut, dann sieht er sich in Bewegung.

So lange wie möglich wolle er weiter tanzen und wenn das nicht mehr geht, vielleicht irgendwann ein Tanzschule eröffnen. Das ist Raes ganz großer Traum. „Das Tanzen war schon immer da, es war mein Ausweg aus allem”, sagt er. Es war Raes Chance, vielleicht seine einzige. Er nutzte sie - und nahm das mit dem Happyend selbst in die Hand.
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