Steckenborn - Feierabend bei der dörflichen Nahversorgung

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Feierabend bei der dörflichen Nahversorgung

Von: Peter Stollenwerk
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Sie bleiben bis zum bitteren E
Sie bleiben bis zum bitteren Ende in Steckenborn: „Frischmarkt”-Inhaberin Anke Greuel (li.) und ihre treue Mitarbeiterin Cilly Schöller. Foto: P. Stollenwerk

Steckenborn. Anke Greuel macht immer noch die gleiche Rechnung auf: Wenn jeder Haushalt in Steckenborn täglich nur einen Euro für den Einkauf im „Frischmarkt” ausgeben würde, dann könnte der Laden gut und sicher existieren. Diese Rechnung aber ist jetzt nicht mehr interessant, denn das Schicksal für den Dorfladen in Steckenborn ist besiegelt.

Am Mittwoch, 16. Mai, ist endgültig Feierabend. Dann ist Schluss mit der Nahversorgung in Steckenborn. Für Inhaberin Anke Greuel steht die Entscheidung, nach 13 Jahren den Laden zu schließen.

„Es ist kein Geschäft mehr zu machen”, lautet für sie die ernüchternde Bilanz. Eigene Bemühungen, den Laden noch einmal in Schwung zu bringen, scheiterten ebenso wie vor drei Monaten auch ein dringender Appell des Ortsvorstehers an die Bevölkerung, das Geschäft durch regelmäßige Einkäufe zu unterstützen.

Es half nicht. Von den rund 1400 Einwohnern in Steckenborn nutzten maximal 30 Prozent mehr oder weniger intensiv das Angebot der Nahversorgung. Im Laufe des letzten Jahres reduzierte sich die verlässliche Stammkundschaft auf rund 80 Leute.

Dabei hatte am 1. Mai 1999 alles so vielversprechend begonnen: Der Nahverkauf in Steckenborn startete auf großzügigen 300 Quadratmeter Verkaufsfläche mit acht Verkäuferinnen voll durch. „Wir hatten zehn gute Jahre”, blickt Anke Greuel zurück, doch mit der Einführung des Euro im Jahr 2002 habe man bereits gemerkt, dass die Kauflust im Laden um Ecke ganz langsam zu schwinden begann. „Das war ein schleichender Prozess.”

Viele Negativ-Faktoren

Hinzu komme der gnadenlose Preiskampf der Discounter, bei dem der Einzelhandel hoffnungslos unterlegen sei, wie auch die immer weitere Ausdehnung der Öffnungszeiten der großen Warenketten.

Beim zehnjährigen Ortsjubiläum in Steckenborn vor drei Jahren startete das „Frischmarkt-Team” noch einmal durch, erweiterte das Angebot und die Öffnungszeiten, doch der Erfolg war nur von kurzfristiger Dauer. Zu Beginn des Jahres 2012 musste das Personal zurückgefahren werden; der Umsatz hatte sich gegenüber 1999 inzwischen um 50 Prozent halbiert.

Weitere Faktoren, die das Schicksal des Ladens besiegelten, kamen hinzu. Die Schließung des Jugendhauses Don Bosco im Ort ließ sichere Käuferströme wegbrechen wie auch die Schließung eines Campingplatzes in Woffelsbach. Auch viele Segler, die auf dem Weg zum Rursee am Dorfladen in Steckenborn kurz zum Einkauf anlegten, blieben im letzten Sommer wegen des absolut niedrigen Rurseepegels weg. Hinzu komme, so Greuel, dass die Käuferschicht der 30- bis 45-Jährigen völlig fehle.

„Mir tut es vor allem leid um die ältere Kundschaft, die gar nicht dafür kann, dass der Laden geschlossen wird”, sagt Anke Greuel. Manche der treuen Kunden hätten sogar geweint, aber zur Schließung gebe es keine Alternative.

Für die Stammkundschaft wird der Verlust schmerzlich sein und eine große Umstellung bedeuten, so auch für Hilde Kratz, die gleich gegenüber wohnt und in der Regel mehrmals täglich für kleine Einkäufe den kurzen Weg über die Straße zurücklegt: „Es ist schrecklich, dass das Geschäft schließt. Ich darf gar nicht daran denken”, trauert die treue Kundin um den Verlust echter Lebensqualität.

Mittwoch geräumt

Wie geht es nun weiter? Es gibt zwar Gespräche mit möglichen Nachmietern, aber noch ist nichts konkret. Fest steht nur, dass in Steckenborn das Ende der Nahversorgung gekommen ist, denn einen neuen Laden mit dem kompletten Sortiment wird es nicht mehr geben. Außerdem ist die gesamte Ladeneinrichtung bereits verkauft. Ein Interessent aus Polen hat den Zuschlag dafür erhalten.

Am Mittwoch zwischen acht und 18 Uhr allerdings dürfte der Laden noch einmal einen ordentlichen Ansturm erleben. Dann werden die Warenregale geräumt und es gibt 25 Rabatt auf alles außer Zeitschriften und Pfand.

Für Anke Greuel und ihr kleines Team wird der wahrscheinlich gute Umsatz am letzten Tag aber nur ein kleines Trostpflaster sein: „Das ist schon ein trauriger Tag für die Kunden und für uns.”
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